Von Hristio Boytchev
Marcel-Philippe Rütschlin ist jemand, der es genau wissen will, auch bei der Kaffeezubereitung. Schon lange sucht er nach dem perfekten Geschmack. Er hat es mit Expressokapseln versucht, mit Presstempelkannen und Espressokannen. Doch ein konstant gutes Ergebnis fand er erst bei der Aeropress, einem System, das mit einem Filter funktioniert.
In seiner WG-Küche mahlt der 25-jährige Medienmanagement-Student Yirgacheffe-Bohnen aus Äthiopien löffelt das Pulver in ein Gerät, das wie eine übergroße Spritze aussieht, und drückt das heiße Wasser hindurch in einen Becher. Eigentlich wäre der Kaffee fertig, doch Rütschlin fehlt noch das Fett.
Also gießt er den Muntermacher in den Mixer, gibt eine Viertelpackung Butter hinzu und macht daraus einen Shake, der nach sehr cremigem Latte Macchiato schmeckt. Bevor er aber den Kaffee endlich trinken darf, macht Rütschlin mit seinem Smartphone ein Foto. Fast jede Mahlzeit dokumentiert er so.
Die Butter im Kaffee ist für ihn ein neues Experiment. Rütschlin will herausfinden, ob ihm das Fett beim Denken hilft. Durch Rechentests am Computer will er seine geistige Leistung ermitteln. Dann will er sie vergleichen: Schneidet er an Tagen mit schwarzem oder mit dem karamelbraunen Kaffee besser ab?
Der Student gibt zu, dass der Versuch Schwachpunkte hat. Der Placeboeffekt etwa werde nicht berücksichtigt. Dieser könnte dafür sorgen, dass der Rechentest alleine deshalb besser ausfällt, weil Rütschlin erwartet, dass die Butter ihm beim Denken hilft. "Das hier ist keine exakte Wissenschaft", sagt Rütschlin. Trotzdem habe er positive Erfahrung mit der Butter gemacht, besonders was den Hunger angeht. "Nach einem Butterkaffee esse ich seltener ungesunde Snacks", sagt er. Außer Kaffee nimmt er kein anderes Frühstuck zu sich.
Rütschlin erklärt seine Affinität zur Selbstvermessung mit Neugierde, aber auch durch seine Erfahrung im Sport. Früher war er Leichtathlet, Woche um Woche gab die Stoppuhr ein unumstößliches Urteil darüber ab, ob er gut trainiert hatte. Heute misst er seine Leistung beim Denken, oder bei der Entspannung. Möglich wird das durch die neue Technik: Der Markt mit der Selbstauswertung boomt. Eine große Anzahl von Firmen hat sich auf die Entwicklung von Geräten, Computerprogrammen und Smartphone-Apps spezialisiert, auch in Deutschland. Produkte werden angepriesen, die die Schlafqualität auswerten, den täglichen Kalorienverbrauch messen, oder abschätzen, wie viel Alkohol man verträgt.
Einige der Ansätze versprechen, medizinisch und wissenschaftlich relevante Daten auf neuem Weg zu sammeln. Doch es gibt auch kritische Stimmen zum Vermessungstrend. "Wir sollten uns fragen, was durch die Messung verloren geht", schreibt der Philosoph Robert Crease in der "New York Times". Auch den Messmethoden steht Crease kritisch gegenüber: "Wie kann man messen, ob man das richtige Messinstrument nutzt?"
Rütschlin meditiert seit einem Jahr, konzentriert sich dabei auf seinen Atem oder ein schönes Gefühl. Seine Fortschritte lässt er durch eine Software auswerten. Ein Gerät protokolliert seine Herzschläge während der Meditation. Je unregelmäßiger sie sind, desto höher der Entspannungsgrad, so die zweifelhafte Behauptung des Herstellers.
Seit mehr als einem Jahr zeichnet Rütschlin seine Daten auf. Daraus kann er ablesen, ob er an einem bestimmten Tag entspannt war oder gestresst. Insgesamt, so sein Resümee, sei er durch die Meditation ruhiger geworden. Seit er das Gerät benutzt, habe er das Gefühl, zu wissen, ob er richtig meditiert. Er könnte auch einen Kurs machen oder sich einen Mentor suchen. Doch dazu fehlt Rütschlin die Zeit. Zudem hätte das weitere Nachteile: "Frage ich zehn Lehrer nach der richtigen Meditationspraxis, kriege ich zehn verschiedene Antworten", sagt er. "Das ist nicht objektiv."
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