Querschnittsgelähmter Mountainbiker "Wie gefährlich es war, wurde mir erst mit dem Unfall klar"

Tarek Rasouli war einer der besten Freeride-Mountainbiker Deutschlands, bis er sich vor mehr als zehn Jahren bei einem Stunt schwer verletzte. Im Interview erzählt er, wie er sich das positive Denken bewahrt hat.

Tarek Rasouli (rechts) im März 2017
Red Bull Media House

Tarek Rasouli (rechts) im März 2017

Ein Interview von David Bedürftig


Zur Person
    Tarek Rasouli, Jahrgang 1974, war BMX-Pionier und Freeride-Mountainbiker. 2002 brach er sich bei einem Stunt den ersten Lendenwirbel, seitdem ist er querschnittsgelähmt. Heute leitet er seine eigene Marketingagentur für Action-Sport, organisiert Freeride-Veranstaltungen und engagiert sich für die Stiftung Wings For Life.

SPIEGEL ONLINE: Herr Rasouli, verdammen Sie den Mountainbike-Sport manchmal?

Rasouli: Niemals! Fahrradfahren ist mein Leben.

SPIEGEL ONLINE: Im Juli 2002 verletzten Sie sich bei einem Fahrrad-Stunt und sind seitdem querschnittsgelähmt.

Rasouli: Ich erinnere mich noch genau an den Unfall in den kanadischen Rocky Mountains. Ein Sprung wurde mir zum Verhängnis. Ich nahm Anlauf und war zu schnell - ich stieg in der Luft vom Rad ab. Aus sechs Metern Höhe schlugen die Füße zuerst auf dem Boden auf und ich brach mir dabei das Fersenbein und den ersten Lendenwirbel. Ich konnte meine Beine nicht mehr bewegen und wusste gleich: Da stimmt was nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wie war es, auf einmal nicht mehr als Sportler zu funktionieren und auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein?

Rasouli: Als ich in den Rollstuhl kam, wollte ich einfach nur raus aus dem Ding. Ich machte für einige Jahre Reha, erzielte aber nur leichte Fortschritte. Heute brauche ich zum Glück nicht sehr viel Hilfe von anderen, aber es ist trotzdem ein komplett anderes Leben. Anfangs war es echt schwer, Fahrräder auf der Straße zu sehen, geschweige denn Mountainbikes. Es tat einfach weh, denn ich wusste, dass ich da so schnell nicht mehr raufsteige. Ich vermisse auch, am Strand oder im Schnee laufen zu gehen - das war immer sauschön.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie angetrieben, nicht aufzugeben?

Rasouli: Als Sportler lernst du, auch mit Niederlagen und negativen Erfahrungen wie Stürzen oder Verletzungen umzugehen. Ich war das Kämpfen gewohnt. Diese Sportlermentalität hat mir echt geholfen.

SPIEGEL ONLINE: Lernt man nach so einem Unfall, was wirklich wichtig im Leben ist?

Rasouli: Man schätzt die einfacheren Dinge mehr. Früher war ich sehr oft in tollen Gegenden unterwegs für Wettkämpfe oder Fotoshootings und hab viel weniger darauf gegeben als heute. Ich freue mich auch mehr, wenn ich Sport machen darf und kann, also mit dem Handbike unterwegs bin. Früher hatte ich dafür mehr Zeit für mich, konnte meinen Körper und das Leben genießen.

SPIEGEL ONLINE: Blicken Sie jetzt kritischer auf Ihre Extremsportart?

Rasouli: Warum sollte ich? Extremsport ist schön, wenn man das Gefühl dafür hat. Bei allem, was du machst, musst du deine Grenzen kennen und einschätzen können. Ich bin immer an meine Grenze gegangen, aber einmal eben leider darüber hinaus. Ich habe mit ein paar Kollegen die Grenzen des Mountainbike Freeride Sports neu definiert und war mir bewusst, etwas Gefährliches zu machen. Aber wie gefährlich es war, wurde mir erst mit dem Unfall klar. Damals gab es solche Unfälle kaum, auch heute passiert sowas im Mountainbiking enorm selten.

SPIEGEL ONLINE: Sie klingen sehr positiv: Haben Sie nie mit dem Schicksalsschlag gehadert?

Rasouli: Ich war so gut wie nie traurig. Schon in der Reha haben sich die anderen Rollstuhlpatienten arg gewundert, warum ich so positiv bin. Meine Freunde und Familie hatten mich von Anfang an aufgefangen und waren für mich da. So ging es mir jeden Tag etwas besser. Nur bei ganz starken Schmerzen hab ich manchmal gedacht: Ich halte das nicht mehr aus.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern hilft Ihnen der Radsport seit der Querschnittslähmung?

Rasouli: Der Radsport ist immer noch mein Leben! Ich bin viel auf dem Handbike unterwegs. Das fühlt sich an wie Rennradfahren, nur flacher, ist super für die Ausdauer und ich kann in der Natur sein. Das Handbike kann das Mountainbiking oder gar Dirtbiking aber nicht ersetzen, es ist weniger extrem. Ich bin aber auch ganz froh, dass ich nicht mehr große Sprünge machen muss, denn dafür bin doch schon etwas alt (lacht). Auch beruflich bin ich dem Mountainbike-Sport immer treu geblieben und er mir.

SPIEGEL ONLINE: Seit mehr als zehn Jahren engagieren Sie sich als Botschafter bei der Stiftung Wings for Life, deren Ziel die Heilung von Querschnittslähmungen durch Rückenmarksverletzung ist. Ein wichtiger Teil ist der Wings for Life World Run. Was passiert da?

Rasouli: Es laufen weltweit in 30 verschiedenen Städten Laufbegeisterte genau gleichzeitig los. 30 Minuten nachdem alle gestartet sind, fährt das sogenannte 'Catcher Car' los und jeder, der eingeholt wird, muss aufhören. Unter dem Slogan 'Run in my shoes' laufen auch Athleten als Partnerschaft in den Schuhen von Sportlern wie mir, die nicht mehr laufen können. Alle Einnahmen gehen komplett in die Stiftung und werden für neue Forschungsprojekte verwendet.

Ich bin die letzten beiden Male in München mitgerollt und habe sogar die Rollstuhl-Kategorie gewonnen. Da hatte ich aber starke Schmerzen und Taubheitsgefühle in der Hand. Diesmal nehme ich mir vor, mehr auf die Bremse zu drücken.

MEHR ZUM THEMA
insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
peter_freiburg 02.04.2017
1. kann ich verstehen
ich bin auch seit über 2 Jahrzehnten vom Bike-Virus infiziert, kann alles nachvollziehen. Alles Gute weiterhin Tarek, behalte dir die positive Einstellung :).
scottbreed 03.04.2017
2. naja
Wer sowas als extrem Sport macht und auch noch Lebens gefährliche stunds hinlegt, hat in meinen Augen selber schuld... Ich fahre auch seid 20 Jahren Mountainbike.. Aber immer im normal Sport Bereich... Auch schwierige Strecken gehören dazu und die sind in den Thüringer Bergen keine Mängel wahre... Aber trotz fehlender Helm und anderen Schutz Kram für Kinder und alte Leute ist mir nie was passiert..
rat_i 03.04.2017
3. @scottbreed
Wer Helme und anderen Schutz als "Kram für Kinder und alte Leute" bezeichnet, beweist, dass ihm nur durch Glück bisher nichts passiert ist. Mit Vorsicht hat das nichts zu tun. Aber Hauptsache man klingt besonders männlich.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.