Achilles' Verse: Steifgefrorenes Fischstäbchen auf Rädern
Fahrradfahren im Winter ist ein Risikosport: Wer zur Arbeit strampelt, der muss Eisplatten und Schneewehen umkurven. Doch davon lässt sich ein Achim Achilles nicht abschrecken. Todesmutig rollt der Freizeitsportler in die Berliner Abendglätte.
Jungfräulich liegt der Neuschnee vor mir, unüberwindliche acht Millimeter. Weiße Hölle bis zum Horizont. Grobe Stollen knirschen die erste Spur. Mit letzter Kraft bewegen halbgefrorene Muskeln 20 kalte Kilogramm Stahl durchs Halbdunkel. Längst sind die Schlittenhunde verendet. Wie weit noch? Ich bin Amundsen.
Nur das Gehupe neben mir stört die Pol-Romantik. Stau vor der Goldelse und ich nebendran. Klar, in Berlin radelt man keine hundert Meter ohne nicht fast über den Haufen gefahren worden zu sein. Blöde Autofahrer. Andererseits: Kaum lässt mich Mona ans Steuer unserer Familienkutsche, empfinde ich Radfahrer als größte anzunehmende Straßenpest, vor allem bei Schnee, wenn sie auf der Fahrbahn rollen, weil der Radweg nicht zu finden ist - situative Ethik als einzige Gemeinsamkeit der deutschen Verkehrsteilnehmer.
Heute bin ich auf dem Rad unterwegs, also im Recht. Winter-Biken ist das letzte Abenteuer des Großstädters, vor allem in einer Woche, da der erste Schnee fällt und der israelische Premier Netanjahu im Interconti weilt. Die Scheinwerfer von Hubschraubern und gestauten Autos tupfen ein apartes Lichterensemble ins abendliche Berlin. So richtig romantisch will die Stimmung aber nicht werden. Wer vorweihnachtliche Aggression erleben will, muss nur an grimmigen Autofahrergesichtern entlangradeln, dabei allerdings aufpassen, weil besonders eilige Wutbomben gern über den Bürgersteig brettern, solange keine Cops in Sicht sind. Wahrscheinlich alle mit Redaktionsrazzia beschäftigt.
Die Radkuriere und ich - wir sind schon harte Jungs
Theoretisch ist ein Auto über 200 km/h schnell. Praktisch ist der Holländer jedem Porsche überlegen in der Hauptstadt der Baustellen, Staatsbesuche und Schneepaniker. Mag ja sein, dass ich ein Technikfeind bin. Nein, das Rad hat keine App am Lenker: Aber das Rad ist erstens schneller, macht den Fahrer zweitens frischer, erspart drittens mühsamen Sport im Studio und erlaubt viertens Weihnachtskekse ohne Reue - Alltagsbewegung ist ein Fest von Ökonomie und Lebensfreude.
Na gut, die Daunenjacke über dem Business-Sakko ist modisch grenzwertig, dafür passen die Yeti-Stiefel mit ihrem zeitlosen Leberwurstton praktisch zu allem. Vielleicht sollte ich noch coole Khaki-Cargo-Shorts überziehen, wie die Messenger. Die Radkuriere und ich - wir sind schon harte Jungs. Neulich an der Ampel wollte ich mit meinem kurbelnden Bruder ein Fachgespräch beginnen. "Ganz schön kalt, was?", fragte ich und spie professionell in den Schnee. Der Knabe grinste, schwieg und schoss bei Rot über die Straße. Tja, wir Winterprofis verstehen uns sogar ohne Worte. Und wir müssen uns in der U-Bahn nicht tuberkulös anhusten lassen.
Für Mobilnutzer: Dieser Link führt zum Video "Rutschfrei Radfahren auf Eis".
Es dauert allerdings schon einige Versuchsfahrten, ohne dass die Wärmedämmung wirklich optimiert wäre. Auch bei deutlichen Minusgraden transpiriert der Athletenkörper ja schnell. Ist die Angora-Unterwäsche wirklich so saugfähig wie es beim Kauf kurz nach dem Mauerfall auf der Packung stand? Und werden die langen Beinkleider unter dem polyacrylenen Anzug auftragen, elektrisch knistern gar? Sonst ziehe ich halt die Regenhose drüber. Die Cargo-Shorts sind leider zu eng. Und zu kurz. Bisweilen fühle ich mich wie ein reziprokes Fischstäbchen: außen vereist, innen Glut.
Leider fehlt ein Schnapsfass in der Satteltasche. Ansonsten haben Radfahrer alles dabei: Handschuhe, Mütze, Luftpumpe, Beleuchtung, Signalraketen, Warnweste, Helm natürlich und die Regenklamotten. Und manchmal noch Döner-Papier und Cola-Dosen, weil rücksichtslose Zeitgenossen die geräumigen Satteltaschen meines Stadtbocks als Mülleimer gebrauchen. Immerhin: Der Frost verfestigt fremden Nass- und Schmierschmutz.
Einziges Problem: Wer im Winter Rad fährt, der rutscht gelegentlich, sieht den Bordstein unter Schnee ebenso wenig wie Scherben oder kleine Hunde. Dafür werden die Stürze erträglicher, erwischt man eine Schneewehe ohne darunter liegende Stahlträger. So, und jetzt noch mal raus: Üben für den Powerslide vor der Kirche am Heiligen Abend.
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- Dienstag, 11.12.2012 – 10:28 Uhr
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Beatrice Behrens
Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.
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