Gefahr durch Abgase Stadt, Rad, Ruß

Abgase, Feinstaub, Dieselruß - in deutschen Städten herrscht oft dicke Luft. Die WHO stuft Dieselabgase neuerdings als krebserregend ein. Wie ungesund Radfahren im Vergleich zu Autofahren ist, haben Wissenschaftler untersucht. Ihr Urteil ist eindeutig.

Von

Corbis

Da ist es wieder, dieses miese Gefühl: Straßenrand, rote Ampel, Autoschlange und direkt vor einem dieser große, rostige, rauchende Auspuff. Rechts mit dem Rad dran vorbeischieben geht nicht, der Autofahrer hat sich zu nah an den Bordstein manövriert. Also wieder Abgase schlucken. Am schlimmsten sind Dieselabgase, vor allem aus Lkw und Bussen.

Schon der gesunde Menschenverstand sagt einem: Gesund ist die Angelegenheit nicht. Bislang hatte die Weltgesundheitsbehörde (WHO) Dieselabgase immer als potentiell krebserregend eingestuft - nun sieht die Behörde einen direkten Zusammenhang zwischen der Belastung durch die Abgase und der Entstehung von Krebs. Benzinabgase gelten weiterhin als potentiell krebserregend.

Aber ist Radeln in Abgaswolken wirklich ungesund, sogar ungesünder als Autofahren? Wissenschaftler haben es untersucht und erstaunliche Antworten gefunden.

Die Sache mit den Abgasen scheint auf den ersten Blick offensichtlich: Autofahrer sitzen drinnen, der Auspuff bläst nach draußen. Ergo muss die Luft in der Fahrerkabine besser sein als in der Umgebung.

Tatsächlich ist sie das aber nicht: In den vergangenen 20 Jahren haben Wissenschaftler mehrfach in Studien verglichen, wie viele Schadstoffe Radfahrer und Autofahrer im Vergleich aufnehmen. Besonders aktiv waren Forscher aus den Radfahrnationen Holland und Dänemark. Es finden sich aber auch vier britische Studien und eine belgische.

Am Ende nehmen Radfahrer mehr Schadstoffe auf

Die Forscher analysierten in neun Untersuchungen die Belastungen mit Kohlenmonoxid, aromatischen Kohlenwasserstoffen (zum Beispiel Benzol, Toluol), Ruß und Feinstaub - in den Fahrerkabinen und in der Außenluft. Nicht in jeder Studie wurde alles untersucht, zudem unterscheiden sich die Werte mitunter stark - je nach Stadt, Uhrzeit und Wetterlage. Einen Trend gibt es dennoch: Fast immer war die Luft in den Autos schlechter als in der Umgebung.

Der Grund: In der Außenluft werden die Abgase sehr viel besser verdünnt, während sie sich im Inneren des Autos anreichern. Auch aus dem Tank oder dem Motorraum werden Schadstoffe durch Verdunsten freigesetzt.

Besonders gewichtig war der Unterschied bei aromatischen Kohlenwasserstoffen und Kohlenmonoxid: In zwei Studien war die Belastung im Auto bis zu dreimal höher. Allerdings stammen diese Studien aus den Jahren 1995 und 2001, wurden also an älteren Automodellen durchgeführt. Moderne Autos haben oft Innenraumfilter und bessere Abgaswerte. Über alle Studien gemittelt zeigt sich eine 1,65-fache Belastung der Autoluft mit Ruß und eine 1,16-fache für Feinstaub.

Die Luft, die Radlern um die Nase weht, mag besser sein als die, die Autofahrer einatmen. Am Ende nehmen sie dennoch mehr Schadstoffe auf. Der Grund: Weil sie sich körperlich anstrengen, atmen Radler schneller und tiefer. Etwa 2,3-mal so viel Luft wie ein Autofahrer nehmen sie in der gleichen Zeit auf. Und: Sie brauchen für die gleiche Strecke in der Regel mehr Zeit als ein Auto, sind also den Abgasen länger ausgesetzt.

Wie schlimm ist das alles nun für Radler?

Niederländische Wissenschaftler um Gerard Hoek und Jeroen Johan de Hartog von der Universität Utrecht haben das in einer Übersichtsstudie in verkürzte Lebenszeit umgerechnet. Sie wollten wissen, wie sich Radfahren bei einem normalen Arbeiter auswirkt, der jeden Tag entweder 7,5 (entspricht einer halben Stunde Radfahren pro Tag) oder 15 Kilometer mit dem Rad zur Arbeit fährt (eine Stunde).

In der Zeitschrift "Environmental Health Perspectives" schreiben sie, dass die Feinstaubbelastung das Leben eines Radlers, der täglich 7,5 Kilometer fährt, im Schnitt um 0,8 Tage verkürzt, das eines 15-Kilometer-Pendlers jedoch um 40 Tage. Der Mittelwert zwischen diesen Werten lag bei 21 Tagen. Bei dieser Berechnung konzentrierten sich Hoek und seine Kollegen nur auf die Belastung durch Feinstaubpartikel von maximal 2,5 Mikrometer Durchmesser, die Abgase ließen sie aufgrund mangelnder aktueller Daten außen vor. Allerdings betonen sie, dass die Belastung sehr ortsabhängig ist. Bei Landluft verbessert sich die Situation der Radler deutlich, in versmogten chinesischen Städten dürften sie dagegen besonders viel Feinstaub inhalieren.

Doch nicht nur der schädliche Feinstaub verkürzt das Leben eines durchschnittlichen Radlers, sondern auch der Straßenverkehr selbst. Radler leben gefährlicher als Autofahrer. In absoluten Zahlen betrachtet sind die Opferzahlen unter Autofahrern immer höher als die von Radfahrern, doch gibt es auch wesentlich mehr Autos als Räder. Heruntergerechnet auf zurückgelegte Personenkilometer liegt das Verhältnis der Verkehrstoten zwischen Radlern und Autofahrern bei 4:1, wie die Forscher aufgrund von Daten einer niederländischen Studie ermittelten (in Deutschland lag das Verhältnis 2008 bei 5:1, für Fußgänger und Autofahrer im Vergleich bei 6:1).

Den Berechnungen zufolge macht das noch mal fünf, beziehungsweise neun Tage Abzug auf dem Lebenskonto der Radler (Mittelwert sieben).

Ein Plus auf dem Lebenszeitkonto - nicht nur auf dem eigenen

Doch trotz der Nachteile durch Feinstaub und Unfallrisiken leben Radler unterm Strich länger als Autofahrer, schreiben Hoek und Kollegen. Denn von der regelmäßigen körperlichen Bewegung profitiert ihre Gesundheit, das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen sinkt und zwar dramatisch: Drei Monate Lebenszeit gewinnen Radler hinzu, wenn sie täglich 7,5 Kilometer fahren, schreiben die Forscher. Und bei täglich 15 Kilometern sind es sogar 14 Monate mehr auf dem Lebenszeitkonto. Im Mittel macht das acht Monate und das, so das Fazit der Autoren, ist neunmal mehr als die verlorene Lebenszeit aufgrund von Feinstaub und Unfällen.

Würden viele Menschen vom Auto aufs Rad umsteigen, argumentieren Hoek und seine Kollegen, würde sich die Bilanz noch stärker verbessern. Weniger Autos bedeuten weniger Abgase und weniger Verkehrsunfälle. Jegliche politische Maßnahme, die Radfahren fördert, meinen die Autoren, fördert also gleich mehrfach die Gesundheit der Gesellschaft.



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insgesamt 106 Beiträge
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Seite 1
Eva K. 23.06.2012
1. Hauptstaßen meiden
Ich bin lange genug mit dem Fahrrad im Frankfurter Stadtverkehr unterwegs gewesen und habe mir sehr schnell angewöhnt, die Hauptstraßen zu meiden. Dort bin ich nur dann gefahren, wenn es sich auf kurzen Stücken nicht vermeiden ließ. Bei der Fahrt durch Wohnviertel über ruhige Nebenstraßen konnte ich bisher den ganzen Streß vermeiden, den sich die Hauptstraßen-Fetischisten antun: Blechlawinen, Abgase, Ampeln, Rad_weg!e und Chaosradfahrer. Ein kleiner Umweg von vielleicht einem Kilometer wurde bis jetzt immer durch zügiges Vorankommen, bessere Luft und mehr Ruhe belohnt.
a.weishaupt 23.06.2012
2. Für 7,5 km 30 Minuten?
7,5 km dauern ziemlich genau eine Viertelstunde mit einem schnellen Rad (lange Übersetzung, Hochdruckreifen). Wenn nur Bummelei vorgesehen ist, ist es kein Wunder, dass im hektischen Deutschland kaum nennenswerter Radverkehr vorhanden ist. Dazu passt auch das hiesige Prinzip der Radwege, die sich nur im Joggertempo halbwegs sicher "befahren" lassen. Meine persönliche Fahrweise, für die man die Straße braucht, ist mit Sicherheit gefährlicher als Motorradfahren, solange es keine richtigen Radspuren gibt. Schade. Und so prügeln hier auch bei schönstem Wetter weiter alle ihre Blechkisten durch die Gegend.
vincent1958 23.06.2012
3. Da...
Zitat von sysopCorbisAbgase, Feinstaub, Dieselruß - in deutschen Städten herrscht oft dicke Luft. Die WHO stuft Dieselabgase neuerdings als krebserregend ein. Wie ungesund Radfahren im Vergleich zu Autofahren ist, haben Wissenschaftler untersucht. Ihr Urteil ist eindeutig. http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/0,1518,824534,00.html
..ist ein Bruch in der Logik!...Wenn mehr aufs Rad umsteigen,gäbe es auch mehr Unfälle(Radfahrer leben gefährlicher)....das würde das "Lebenszeitkonto"wohl wieder ausgleichen.Von mir aus ,bräuchte es gar keine Radfahrer im Strassenverkehr geben.Halten sich nicht an die Vorschriften und sind einfach nur lästig!
Koana 23.06.2012
4. Studiogutschein
Kommt das nur mir so vor, oder haben auch andere hier das Gefühl, man suggeriert mal kurz - wie gefährlich und schädlich das Radfahren ist, um am Ende eine uralte Wahrheit anzufügen - Radfahren ist gesund, (sogar in Pestluft der Stadt), schont die Umwelt und mindert die Profite der Wirtschaft. Letzterer Punkt dürfte für den Aufbau des Artikels verantwortlich zeichnen. Mich wundert, dass man nicht auf die gute Luft (keine Ahnung - vielleicht ist sie ja sogar schlechter.... ) in den Fitnessstudios hingewiesen hat. Das wäre förderlich für das Bruttosozialprodukt, man fährt weiter mit dem Auto, fährt zusätzlich zum Fitnesscenter, kauft sich approbate Funktions-Shirts und Hosen und Schuhe und Unterwäsche und und und .... Man bekommt von der Kasse einen Gutschein - (Prävention - das Zauberwort der Gesundheitsindustrie... - aber -- bitte nur "organisierte" Prävention betreiben..) Ich könnte die Kausalkette noch lange fortschreiben..... Aber was solls - die Mehrheit liebt das Hamsterrad.
megaptera 23.06.2012
5. Perfide
Jetzt ist man als umweltbewußter Fahrradfahrer doppelt angeschissen: Bei Wind und Wetter zu fahren ist teils kein Zuckerschlecken, und dann muß man auch noch die ganzen Autoabgase ertragen von pendlern ertragen, die abends in ihr EFH am Stadtrand fahren.
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