Achilles' Verse Hose, Hemd, Schuhe - Hauptsache Italien

Rennrad-Opas haben keine Pannen und mehr Stil als jeder Großstadt-Hipster. Kein Wunder also, dass Wunderläufer Achim Achilles auch einer werden will. Wer träumt nicht vom Ruhestand auf dem Rad?

Im Alter unterwegs mit dem Rennrad
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Im Alter unterwegs mit dem Rennrad


Zur Person
  • Frank Johannes
    Achim Achilles, Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt.

Wenn ich alt bin, also noch älter, dann werde ich Rennrad-Opa. Ich lehne lässig an meinem blitzeblanken Moser-Rahmen in Camparirot, stelle die sehnigen Braunbeine aus und trage eine kleine gilbweiße Schirmmütze mit dem diskreten Emblem des Giro d'Italia. Rennrad-Opas tragen keinen Helm. Sie sorgen sich um ihre verbliebenen Haare, die sie sorgsam über den bronzenen Schädel drapiert haben. Natürlich wäre es vernünftig, einen Kopfschutz aufzusetzen. Aber Rennrad-Opas sind nicht vernünftig, sondern cool. Im Sattel sterben, was gibt es Heldenhafteres? Hipster drehen durch, wenn sie Rennrad-Opas sehen. Würde kann man sich halt nicht zusammenlabeln.

Rennrad-Opas sind Meister der Achtsamkeit und Entschleunigung. Morgens, nach dem Espresso-Frühstück, wienern sie zunächst ihr Rad, solides Reynolds-Rohr der Siebzigerjahre, garantiert karbonfrei. Stahl ist Stahl ist Stahl. Ein paar Tropfen Waffenöl auf die Kette, kurz das Reparaturzeug überprüft, das sorgfältig in eine aufgeschnittene Trinkflasche vom ehemaligen Thurau-Rennstall gerollt ist. Brauchen sie aber nie, denn Rennrad-Opas haben keine Pannen, sondern in Jahrzehnten erprobtes Material. Nirgendwo schnurrt die Kette geschmeidiger als an einem Opa-Rennrad. Zehn Gänge reichen, vielleicht zwölf. Schalthebel am Rahmen, wo sonst.

Hose, Hemd, Schuhe - Hauptsache Italien

Rennrad-Opas sind stilsicher: Hose, Hemd, Schuhe - Hauptsache Italien. Dazu natürlich nie was anderes als sehr kurze weiße, blütenweiße, Socken. Und ein Piratentuch um den Hals, zum Dreieck gefaltet und sorgsam aufgerollt. In der Übergangszeit noch ein wollenes Langarmtrikot darüber, einfarbig, mit breitem weißem Bruststreifen. Kanarien-Look ist für Loser.

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Rennrad-Opas gibt es in zwei Modellen: der Sehnige und der Kugelige. Beide haben stramme Beine mit einer Lederhaut, die kein Werkstoffhersteller im Labor nachbauen könnte. Auf den Waden prangen pralle Wülste, mal Muskel, mal Krampfader. Die Sehnigen pflegen die Trittfrequenz einer Nähmaschine, die Kugeligen treten langsamer, weil die strammen Beinchen schräg an der kleinen, strammen Wampe vorbeimüssen, die auf dem Rahmenrohr abgelegt ist. Ski-Springer haben diese V-Technik einst übernommen.

Rennrad-Opas kennen ihren Körper. Sie fahren zu jeder Jahreszeit. Schlagregen ist ihr Botox, Hagel willkommene Massage fürs kantig gefaltete Häuptlingsgesicht. Sie brauchen weder Pulsuhr noch Messgurte. Wer dreimal um die Welt gefahren ist, der kennt seinen roten Bereich und strampelt virtuos an der Schwitzgrenze entlang. Echte Lässigkeit hechelt nicht, sondern lächelt. Kurzer Schluck aus der Pulle, Leitungswasser natürlich. Mit Iso-Pampe sollen sich die Jungen ihre Eingeweide verkleben.

Rennrad-Opas rasen nicht

Rennrad-Opas sind ein Geschenk für die Gesellschaft. Ihre CO2-Bilanz ist vorbildlich, sie werfen keine Energieriegelplastik in die Natur, weil sie auf 50 Kilometer maximal eine Banane brauchen. Der Kardiologe klopft ihnen beim Jahrescheck anerkennend auf die Schulter, denn im Blut findet sich kaum Cholesterin, keine Spur von Altersdiabetes, allenfalls Espressoreste.

Rennrad-Opas verschandeln die Innenstädte nicht mit leberwurstfarbenen Plastikjacken und Pegida-Gesicht, sondern radeln über Land und schweigen stolz. Sie könnten alle Tour-Sieger der letzten 80 Jahre aufsagen, tun es aber nicht. Stoisch ertragen sie, wenn Jungspunde überholen. "So waren wir auch mal", denken sie mitfühlend, "und: Was hat's gebracht?" Eben. Rennrad-Opas rasen nicht, sie rollen in stiller Harmonie mit dem Wind, farblich perfekt abgestimmt aufs Rapsfeld nebendran. Dann Boxenstop, irgendwo im Nirgendwo. Wer kennt die besten Landbäckereien? Genau.

Rennrad-Opas sind die perfekten Partner. Denn wenn sie abends nach Hause kommen, sind sie erschöpft, aber glücklich und so hungrig, dass sie dankbar vertilgen, was man ihnen auch vorsetzt. Ihre Gattinnen sind genauso entspannt wie sie selbst, weil sie nicht den ganzen Tag mit Früher-Sätzen genervt werden. Rente mit 67 mag eine Option sein. Rennrad mit 67 ist die bessere.



insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
HerrLich 25.05.2017
1. Made My Day
Sehr gelacht, vielen Dank. Auf die Rennrad-Opas!
licorne 25.05.2017
2.
Wir waren gerade in der Toskana und wie der Autor schreibt, trifft man überall und ständig auf sportliche Einzel- oder Gruppenradler. Drahtig, schlank,bunt und schnell flitzen sie durch die wunderschöne hügelige Landschaft. Wenn sie sich irgendwo stärken, gibt es großes Hallo und es wird viel gelacht. So kann man gut alt werden.
ladozs 25.05.2017
3. Ohne Titel
Sehr schön geschrieben, ich gehöre leider auch zu der Gruppe, die ihre Beine beim Kurbeln mit einer seitlichen Ausweichbewegung justieren muss. Dem Aufliegen des großzügig dimensionierten Pansens auf dem Oberrohr kann ich zur Zeit noch durch eine Höhenverstellung des Sattels entgegnen, da aber meine Beine nicht mehr wachsen, ist hier eine natürliche Limitierung vorhersehbar. Widersprechen muss ich allerdings beim Punkt des Überholens eines Rennrad-Seniors auf der freien Strecke.Das mag der rüstige Velo-Fahrer überhaupt nicht, in der Folge hört man dann mehr oder weniger lang die pfeifende Geräuschkulisse der schwer arbeitenden Bronchien- und artverwandter Lungen- und Atmungsapparat- Bestandteile, bis er dann irgendwann in der zunehmenden Distanz ausklingt, wobei man dann aber auch selber am Hecheln ist! Ansonsten ein tolles Hobby, das man wirklich bis ins hohe Alter betreiben kann, zumindest solange, wie man das Bein über den Sattel heben kann! Schönen Feiertag noch!
t_mcmillan 25.05.2017
4.
Super Artikel. Nur, ganz so entspannt sind die Rennrad-Opas nicht. Im Gegenteil ist mancher echt ehrgeizgequält. Dabei können die meisten von ihnen ohnehin auf große Radelleistungen zurückblicken, von denen der Rest der Bevölkerung (die Dauer-Dauerläufer mal ausgenommen) nur träumen können. Cool ist es allemal!
pelegrino 25.05.2017
5. Ja, ja diese jungen Spinner mit ihren Hightech E-Bikes...
...nein, nein - nicht denen mit den Motoren, denen mit den Moetoerchen auf dass man die Gaenge elektrisch exakt einlegen kann, dafuer aber aufgrund der empfindlichen Hinterpartie garantiert nie Gefahr laeuft, das Erlebnis geniessen zu koennen wenn das Hightech Gefaehrt den Dienst verweigert. Ich hab mir grad den Nachbau eines Tourmalet aus China geleistet - stolze 300 Euro (in Yuan) und ich vermute er wird mich die naechsten dreissig Jahre (gefahren) begleiten - derweil der Luxusradler beim Urologen seine Eingeweide begutachten laesst - die Auguren haetten ihm nichts besseres erklaeren koennnen. Gelsaettel sind nicht immer hilfreich und Schmerzen bis zur Gewoehnung gehoerten unserer Tage nun mal dazu...
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