Rezepte von Jamie Oliver und Co.: Ungesünder als Fertigmahlzeiten

Von Astrid Viciano

100 Kochrezepte von Starköchen vs. 100 Fertiggerichte - eigentlich sollte ein derartiger Vergleich eindeutig ausgehen. Doch das Ergebnis einer Untersuchung von britischen Forschern überrascht: Feinschmecker-Rezepte der Küchenmeister sind ungesünder als Mahlzeiten aus dem Supermarktregal.

Jamie Oliver beim Showkochen (2010): Schlechter als Fertiggerichte? Zur Großansicht
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Jamie Oliver beim Showkochen (2010): Schlechter als Fertiggerichte?

Ausgerechnet Jamie Oliver. Der lässige Starkoch aus Großbritannien, der in seiner Heimat eine Kampagne für besseres Schulessen ins Leben rief, der sich nicht scheute, amerikanischen Kindern in einer Fernsehshow den Unterschied zwischen Kartoffeln und Tomaten zu erklären. Und der mit seinen Kochbüchern seit Jahren auch in Deutschland die Ratgeber-Bestsellerlisten füllt. Ausgerechnet Oliver präsentiert in seinen Werken Rezepte, die ungesünder sind als so manches Fertiggericht. Das hat eine Studie in der Weihnachtsausgabe des "British Medical Journal" ergeben.

Insgesamt fünf Kochbücher hatten sich die Forscher der Newcastle University und des Nationalen Gesundheitsdienstes NHS angesehen, zwei davon aus der Feder Jamie Olivers, die anderen von den ebenfalls britischen Fernsehköchen Lorraine Pascale, Nigella Lawson und Hugh Fearnley-Whittingstall. Sie waren im Dezember 2010 die bestverkauften Rezeptfibeln aller Fernsehköche bei der britischen Version des Bestelldienstes Amazon.

Aus den Kochbüchern wählten die Wissenschaftler 100 Rezepte für Hauptmahlzeiten aus, die sie mit 100 Fertiggerichten aus drei großen Supermarktketten verglichen. Den Fettgehalt, den Anteil ungesättigter Fettsäuren. Die Menge an Salz, die Menge an Zucker, die darin enthalten war. Den Anteil an Ballaststoffen und natürlich die Anzahl der Kalorien.

Süßer, fettiger, eiweißreicher und ballaststoffärmer

Die Fertigmahlzeiten, so das Ergebnis, schnitten in der Studie deutlich besser ab als die Feinschmeckerrezepte der Küchenmeister. Die nämlich waren süßer und fettiger, eiweißreicher, energiehaltiger und ballaststoffärmer als die Produkte der Supermärkte. Sie erreichten zum Beispiel bis zu 3240 Kilojoule (774 Kilokalorien) pro Mahlzeit, die Fertigprodukte dagegen maximal 2285 (546 Kilokalorien). Der Fettanteil lag bei den Anleitungen der Starköche bei bis zu 40 Prozent, bei den Fertigmahlzeiten betrug er knapp 24 Prozent. Auch der Anteil der gesättigten - und damit eher ungesunden - Fettsäuren war höher.

Nur beim Salz hatten die Fertigmahlzeiten die Nase vorn. Sie kamen auf bis zu 800 Milligramm pro Packung, die Rezepte auf 658, obwohl sich die Lebensmittelindustrie damit rühmt, den Salzgehalt ihrer Produkte zu reduzieren.

"Die Gerichte sollen famos schmecken"

Allerdings gehe es bei den Starköchen vor allem um den Genuss, sagt Antje Gahl, Pressesprecherin der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). "Die Gerichte sollen nicht nur gut schmecken. Sie sollen famos schmecken, die sollen abheben." Da werde mit viel Butter und Sahne gekocht, auch gern mit Alkohol, zum Beispiel zum Ablöschen einer Nudelsauce. Als Leser könne man dann selbst variieren - statt Butter wenigstens Speiseöl nehmen, um die gesättigten Fettsäuren zu meiden. Statt Öl und Essig in Salaten könnte auch Zitronensaft als kalorienarmer Ersatz dienen.

Die Studienautoren dagegen scheuen sich, ihre Ergebnisse zu verallgemeinern. "Die Kochbücher waren kurz vor Weihnachten erschienen, das hat die Auswahl der Rezepte vielleicht beeinflusst", so die Forscher. Und sie betonen auch, dass sie weder Rezepte noch Fertigprodukte auf künstliche Konservierungsstoffe, Aromen, Farbstoffe oder Stabilisierungsmittel untersucht haben. "Diese Aspekte gilt es zu berücksichtigen, bevor wir darüber urteilen, wie gesund eine Mahlzeit ist", schreiben die Wissenschaftler. Das dürfte wohl vor allem für die Fertigprodukte gelten.

Jeden Tag eine Pizza Salami, ein Bistro-Baguette oder Fischstäbchen zu essen, sei nicht zu empfehlen, warnt die Ernährungswissenschaftlerin Gahl. Dabei lag Deutschland im Jahr 2005 beim Konsum von Fertiggerichten unter 14 europäischen Ländern bereits an dritter Stelle, nach Großbritannien und Frankreich. Und nicht eine einzige Fertigmahlzeit lag bei der aktuellen Studie innerhalb der von der WHO vorgegebenen Ernährungsempfehlungen - ebenso wenig wie die Rezepte.

Daher lässt ein Pressesprecher im Auftrag von Jamie Oliver die Gemüter beruhigen. In seinem neuesten Buch seien bereits Angaben zu Kalorien und Nährstoffgehalt enthalten, so berichtete er dem britischen "Independent". Und auch seine Webseite werde demnächst völlig neu gestaltet - bald seien dort Informationen zu seinen Rezepten aus allen anderen Kochbüchern zu finden.

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insgesamt 162 Beiträge
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1. Das zentrale Kriterium
Direwolf 20.12.2012
Zitat von sysop100 Kochrezepte von Starköchen vs. 100 Fertiggerichte - eigentlich sollte ein derartiger Vergleich eindeutig ausgehen. Doch das Ergebnis einer Untersuchung von britischen Forschern überrascht: Feinschmecker-Rezepte der Küchenmeister sind ungesünder als Mahlzeiten aus dem Supermarktregal. Rezepte von Jamie Oliver und Co.: Ungesünder als Fertigmahlzeiten - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/rezepte-von-jamie-oliver-und-co-ungesuender-als-fertigmahlzeiten-a-873759.html)
ist für mich aber wie es schmeckt. Und weil fertigmahlzeiten eben sio schmecken wie sie schmecken, kaufe ich sie nicht. Di ganzen tollen inhalstangaben sind mir hingegen herzlich egal.
2. abgerechnet wird immer zum Schluß
earl grey 20.12.2012
Zitat von sysopAllerdings gehe es bei den Starköchen vor allem um den Genuss, sagt Antje Gahl, Pressesprecherin der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). "Die Gerichte sollen nicht nur gut schmecken. Sie sollen famos schmecken, die sollen abheben."
Das ist der alles entscheidende Satz. Fertigfutter kann geschmacklich nicht mit den Starköchen mithalten. Ich persönlich esse aber auch mit Genuss. Außerdem kocht wohl niemand täglich irgendetwas aus diesen Kochbüchern der Starköche, aber man isst fast täglich irgendwelches Fertigfutter, sei es selbst aufgewärmt oder in einer Kantine/Imbiss etc. So gesehen ist das "ungesünder" der guten Küche nur relativ; wer nur mal am Wochenende gut kocht, sonst aber Kantinenessen zu sich nimmt, liegt im Schnitt gesundheitlich immer noch gut da - abgerechnet wird immer zum Schluß
3. Wenn ich was Tolles kochen will, ist Gesundheit doch letzte Priorität !
iffel1 20.12.2012
Es soll schmecken und - natürlich sich abheben vom täglichen Einerlei. Die Kocherei von etwas Besonderem dauert Stunden und was besser schmeckt, ist i.d.R. fetter, süßer - ungesünder ;o) Wenn ich in ein gutes Restaurant gehe, dann sind mir die Kalorien auch egal - die sind ebenso hoch, wie der Preis. Einzig die Menge der Portion nimmt exorbitant zum Preisanstieg ab. Also je teurer man ißt, je weniger ißt man - hat auch was Gutes !
4. Quark
emantsol 20.12.2012
Mal wieder eine fragwürdige Studie. Die Zubereitung von frischem Essen kostet so viele Kalorien, dass ein vermeintlicher Vorteil von Fertiggerichten locker platt gemacht wird.
5. Mal wieder missverständlich formuliert...
Skepdirk 20.12.2012
---Zitat--- *Nur beim Salz hatten die Fertigmahlzeiten die Nase vorn.* Sie kamen auf bis zu 800 Milligramm pro Packung, die Rezepte auf 658, obwohl sich die Lebensmittelindustrie damit rühmt, den Salzgehalt ihrer Produkte zu reduzieren ---Zitatende--- Mit "die Nase vorn haben" ist doch wohl umgangsprachlich "einen Vorteil haben" gemeint – der Autor bezieht sich jedoch auf den eher ungesunden Salzgehaltwert. Ja, dieser ist bei den Fertiggerichten höher, aber nein, dies ist schlechter für den Konsumenten; konsequenterweise hätte der Autor schreiben sollen, dass die Rezepte beim Salzgehalt die Nase vorn hätten. So könnte der fälschliche Eindruck entstehen, dass die Fertiggerichte sogar oder nur beim Salzgehalt einen Vorteil hätten. Hoffentlich nur ein Versehen und keine böse Absicht ;-)
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  • Tinka Dietz
    Astrid Viciano hat in Deutschland, Frankreich und Spanien Medizin studiert, war nach ihrer Promotion Redakteurin bei "Focus", "Die Zeit" und beim "Stern", zuletzt für zwei Jahre in Los Angeles. Seit Juli 2012 lebt sie als freie Autorin in Paris.

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