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Extremsportler Rich Roll: Vom Alkoholiker zum Ultraman

Die Verwandlung: Vom Alkoholiker zum Ultraman Fotos
Liana Louzon Photography

Mit 30 war Rich Roll alkoholabhängig und übergewichtig. Heute, mit 48, gehört er zu den fittesten Männern der Welt. Im Interview spricht der "Ultraman" über seine Alkoholsucht, Fast Food und den Hang zum Extremen.

Zur Person
  • John Segesta
    Rich Roll, Jahrgang 1966, ist ein veganer Ultraman-Athlet und Buchautor. 2009 wurde er von Men's Fitness Magazine zu einem der 25 fittesten Männer der Welt gekürt. Er lebt mit seiner Frau und vier Kindern in der Nähe von Los Angeles.
  • Homepage Richi Roll
SPIEGEL ONLINE: Rich Roll, Sie nehmen an Ultraman teil. Das bedeutet: 10 Kilometer Schwimmen, 421 Kilometer Radfahren und 84 Kilometer Laufen - an drei Tagen am Stück. Warum machen Sie so etwas?

Roll: Ich habe meinen Körper mal übel zugerichtet: Ich trank zu viel Alkohol, ernährte mich nur von Fast Food und bewegte mich nicht. Wahrscheinlich will ich das jetzt wieder gutmachen. Mit 31 habe ich gemerkt: Verdammt, ich habe mein Leben vor die Wand gefahren. Ich hätte professioneller Schwimmer werden können. Aber das habe ich selbst vergeigt.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Roll: Als Kind wurde ich ausgelacht, weil ich nicht mal einen Ball fangen konnte. Doch dann entdeckte ich das Schwimmen. Das war das erste, das ich richtig gut konnte, und ich wurde Athlet an der Stanford Universität. Doch im College interessierte ich mich mehr für Partys als fürs Training - bis ich den Sport komplett aufgegeben habe. Später hatte ich wohl das Gefühl, dass da noch eine Rechnung offen sei - und fing mit Ultraman an.

SPIEGEL ONLINE: Vom einen Extrem ins andere. Von Mittelmaß halten Sie wohl nicht viel?

Roll: Ich bin ein Mann der Extreme. Schon als Jugendlicher wusste ich: Wenn ich Schwimmer werden will, muss ich hart dafür arbeiten - je mehr, desto besser. Vielleicht war genau das die Ursache für meine Alkoholsucht. Ich bin wohlbehütet aufgewachsen, meine Eltern sind noch zusammen - eigentlich war in meinem Leben alles gut. Trotzdem bin ich alkoholabhängig geworden. Ich habe es einfach nie geschafft, das richtige Maß zu finden. Ein Drink reichte bei mir nicht aus.

SPIEGEL ONLINE: Was war Ihr schlimmstes Erlebnis während Ihrer Alkoholsucht?

Roll: Einmal wollte ich eigentlich ins Büro gehen. Doch morgens unter der Dusche fing ich an zu trinken. Dann hatte ich einen totalen Blackout. Ich kann mich nur noch erinnern, wie ich in Las Vegas in einem Hotelzimmer ohne Portemonnaie aufgewacht bin. Ich muss irgendwie zum Flughafen gekommen und von Los Angeles nach Las Vegas geflogen sein. Es gibt unzählige dieser finsteren Momente. Doch keiner brachte mich zum Umdenken.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie Ihren Alkoholmissbrauch schließlich in den Griff bekommen?

Roll: Aus meiner Schwimmerzeit wusste ich: Ich habe diesen Willen. Wenn ich hart genug arbeite, kann ich Dinge erreichen. Doch aus irgendeinem Grund bekam ich das bei meinem Alkoholproblem nicht hin. Ich schaffte es, ein paar Tage nüchtern zu bleiben - dann ging es wieder los. Doch eines Tages war ich bereit für einen Entzug. Ich wachte morgens verkatert auf und wusste: Du musst Hilfe von außen akzeptieren. Ich ging in eine Entzugsklinik, blieb dort 100 Tage und habe seitdem keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt.

SPIEGEL ONLINE: Wie sah Ihr Leben nach dem Entzug aus?

Roll: Ich war komplett isoliert. Meine Familie, meine Freunde, alle hatten sich von mir abgewandt, verständlicherweise. Außerdem war ich arbeitslos. Nach dem Entzug musste ich erst einmal wieder aufbauen, was ich zerstört hatte. Ich wollte mein altes Leben zurück und endlich die Person werden, die ich immer werden wollte: beruflich erfolgreich. Also arbeitete ich doppelt so viel, um alles nachzuholen. Dabei vergaß ich aber, mich um mich selbst zu kümmern. Mit 39 sah mein Leben zwar toll aus: Ich war Anwalt, hatte eine tolle Frau, Kinder und ein eigenes Haus. Aber innerlich dachte ich, ich sterbe.

SPIEGEL ONLINE: Was markierte den Wendepunkt?

Roll: Es war an dem Tag vor meinem 40. Geburtstag. Ich kam die Treppenstufen in meinem Haus nicht nach oben, ohne lautstark zu atmen. Ich war zu dick, depressiv und fühlte mich, als ob ich kurz vor einem Herzinfarkt stünde. Ich fragte mich: Wie kann das sein? Dies war ein besonderer Moment. Genau wie damals, als ich mich entschied, einen Entzug zu machen. Also beschloss ich, mein Leben ein zweites Mal zu ändern.

SPIEGEL ONLINE: Wie gingen Sie dann vor?

Roll: Eine normale Person hätte sich wohl vorgenommen, öfter ins Fitnessstudio zu gehen oder gesünder zu essen. Bei mir hätte das nicht geholfen. Ich brauchte eine radikale Veränderung. Also startete ich mit sieben Tage langem Fasten. Ich nahm absolut keine feste Nahrung zu mir. Danach stieg ich auf vegetarische Kost um. Aber da veränderte sich nicht viel, bis ich komplett auf tierische Produkte verzichtete.

SPIEGEL ONLINE: Wie kamen Sie zum Ultraman?

Roll: Ich lief seit mehreren Monaten und stellte fest, dass ich noch immer eine unglaubliche Ausdauer hatte. Ich suchte eine Herausforderung und entdeckte Ultraman. Mich interessierte daran vor allem das Spirituelle - man macht eine Reise zu sich selbst. Das erschien mir genau das Richtige für mich: Ich hatte ja noch viele unbeantwortete Fragen an mich.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie über sich herausgefunden?

Roll: Ich bin fähig zu Dingen, von denen ich nie geglaubt hätte, dass ich sie kann. Bei einem Ultraman bin ich schwer gestürzt: Ich war verletzt, und das eine Pedal meines Rads war kaputt. Ich dachte, ich muss aufgeben. Aber ein anderes Team konnte mit einem Pedal aushelfen. Ich hatte mit dem Rennen schon abgeschlossen. Trotzdem bin ich wieder aufs Rad gestiegen und weitergefahren. Obwohl ich keine Chancen mehr auf den Sieg hatte, war das der beste Wettkampf meines Lebens.


Lesen Sie einen Auszug aus "Finding Ultra - Wie ich einer der fittesten Männer der Welt wurde" von Rich Roll auf achim-achilles.de

Das Interview führte Julia Schweinberger.

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insgesamt 37 Beiträge
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1.
black_dave 24.04.2015
Respekt!!
2.
black_dave 24.04.2015
Respekt!! An diesem Beospiel sieht man, was man alles erreichen kann wenn man nur will.
3. Wer cool sein will muss sich wohl erst zerstören...
arikimau 24.04.2015
Es gibt einfach zu viele Leute die davon erzählen, das sie mal Heroin, Crack, Meth oder Alkoholsüchtig waren und es jetzt geschafft haben ihr leben zu ändern. Diese Geschichten erscheinen mir konstruiert. Wir haben hier in Deutschland "Andreas Niedrig" der einer der besten Triathleten... Wenn er einfach nur ein gesunder Sportler wäre, würde ihm niemals diese Anerkennung zuteil werden. Also muss ich als Junger Mensch erst mal Drogenabhängig werden bevor ich aus meinem gesunden Leben eine coole Geschichte machen kann... Oder wie Jim Caroll einen Film mit Leonardo Di Caprio, oder Wie Russell Brand ein cooler politischer Aktivist werden kann. Fuck man, die Leute sollte aufhören so eine behinderte Dramarturgie aus den scheiss Drogen zu bauen, um zu zeigen das es eine besondere Leistung ist was sie erreicht haben! Es ist cool das er gesund lebt. Punkt.
4. Neid?!
grobicito 24.04.2015
Zitat von arikimauEs gibt einfach zu viele Leute die davon erzählen, das sie mal Heroin, Crack, Meth oder Alkoholsüchtig waren und es jetzt geschafft haben ihr leben zu ändern. Diese Geschichten erscheinen mir konstruiert. Wir haben hier in Deutschland "Andreas Niedrig" der einer der besten Triathleten... Wenn er einfach nur ein gesunder Sportler wäre, würde ihm niemals diese Anerkennung zuteil werden. Also muss ich als Junger Mensch erst mal Drogenabhängig werden bevor ich aus meinem gesunden Leben eine coole Geschichte machen kann... Oder wie Jim Caroll einen Film mit Leonardo Di Caprio, oder Wie Russell Brand ein cooler politischer Aktivist werden kann. Fuck man, die Leute sollte aufhören so eine behinderte Dramarturgie aus den scheiss Drogen zu bauen, um zu zeigen das es eine besondere Leistung ist was sie erreicht haben! Es ist cool das er gesund lebt. Punkt.
Es gibt einfach zu viele Leute, die anderen Menschen nicht gönnen, was sie selber nicht schaffen! Punktum!
5.
MatthiasPetersbach 24.04.2015
Mir erscheinen Extreme suspekt - ob das jetzt Heroin oder Ultraman betrifft. Ich seh das tatsächlich als zwei Ausprägungen EINES Defizites. Klar, das letztere ist gesellschaftlich angesehener, gesünder und -im Vergleich zur "Alternative" lebensrettender. Ich würde mich aber von beidem fernhalten.
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