Zehnkampf-Vizeweltmeister Rico Freimuth "Das Schlimmste sind die Pausen"

Rico Freimuth, Vizeweltmeister im Zehnkampf 2017, zog die Notbremse: Kein Wettkampf mehr, kein Training, stattdessen spielt er Fußball. Warum? Er hat noch Großes vor.

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Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Herr Freimuth, Sie sind Zehnkampf-Vizeweltmeister, haben jahrelang hart trainiert. Im Frühjahr 2018 sind Sie plötzlich ausgestiegen. Warum?

Freimuth: Ich war der einzige Zehnkämpfer weltweit, der seit 2011 jedes internationale Event mitgemacht hatte: Irgendwann tut das im Kopf einfach weh. Außerdem habe ich lange gebraucht, um die WM-Silbermedaille von 2017 körperlich und geistig zu verarbeiten, ich befand mich in einem Dauer-High. Erst ein halbes Jahr nach der WM kehrte Ruhe bei mir und in meinem Umfeld ein - und dann ging es bergab. Mental war ich nur noch bei 50, körperlich bei 80 Prozent.

Zur Person
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    Rico Freimuth, Jahrgang 1988, ist Vizeweltmeister im Zehnkampf. Im Frühjahr 2018 kündigte er überraschend eine Pause an und spielt nun Fußball in der Verbandsliga Sachsen-Anhalt. 2019 will Freimuth wieder im Zehnkampf angreifen und an den Olympischen Spielen 2020 teilnehmen.

SPIEGEL ONLINE: Und dann haben Sie die Notbremse gezogen?

Freimuth: Die Entscheidung kam ziemlich schnell, ich war selbst überrascht. Das war im Mai, mitten im Mehrkampf-Meeting Götzis, dem größten Wettkampf der Saison: Ich war Dritter und hatte nur noch drei Disziplinen vor mir. Ich hätte mich also für die EM qualifiziert. Aber ich musste mir überlegen, was ich in meiner Karriere noch erreichen will. An erster Stelle steht da eine Medaille bei Olympia 2020 in Tokio. Ich habe gemerkt, dass ich kürzer treten muss, wenn ich das erreichen will.

SPIEGEL ONLINE: Der Olympiasieger im Zehnkampf von 1952, Bob Mathias, nannte den Sport "Mord in zehn Raten": Was macht Ihre Disziplin so hart?

Freimuth: Zehnkampf ist ein brutales Geschäft, weil man so unglaublich hart trainieren muss, es aber trotzdem oft aussichtslos ist, in die Weltspitze zu kommen. Als Zehnkämpfer machst du Knochenarbeit, hast einen sehr hohen Verschleiß der Gelenke. Unseren inneren Kampf kann man nur nachvollziehen, wenn man Zehnkampf gemacht hat - der prägt fürs Leben.

Diese Disziplinen gehören zum Zehnkampf
    Am ersten Wettkampftag: 100-Meter-Lauf, Weitsprung, Kugelstoßen, Hochsprung und 400-Meter-Lauf

    Am zweiten Wettkampftag: 110-Meter-Hürden-Lauf, Diskuswerfen, Stabhochsprung, Speerwerfen und 1500-Meter-Lauf

SPIEGEL ONLINE: Wie steht man den Wettkampf durch?

Freimuth: Um 7 Uhr morgens sind wir im Stadion, um 9 Uhr laufen wir 100 Meter und um 22 Uhr 400 Meter - darauf folgt dann noch mal so ein Tag. Um Energie zu haben, aber den Magen nicht so beanspruchen, esse ich im Wettkampf Babybrei. Das Schlimmste sind die Pausen. Da fangen die Muskeln an, weh zu tun, und man hat Zeit zum Nachdenken. Dabei fällst du immer wieder in Löcher, mental und körperlich. Du darfst keine Schwäche zulassen, ansonsten bist du schnell draußen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Ihre Schwäche ja durch Ihren temporären Ausstieg öffentlich gemacht.

Freimuth: Im Gegenteil, ich empfinde mein Ausscheiden als ein Zeichen der Stärke, denn es war eine bewusste Entscheidung. Als Sportler hast du Höhen und Tiefen und musst lernen, damit umzugehen. Manchmal spürt man einfach diese Leere, das ist ein ganz komisches Gefühl, denn beide Extreme geben dir ähnliche Signale.

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Zehnkämpfer Rico Freimuth: "Ein brutales Geschäft"

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich zu viel Druck gemacht, immer der Beste sein zu müssen?

Freimuth: Als Leichtathleten sollen wir Medaillen nach Hause bringen, auch wenn der Deutsche Olympische Sportbund immer weniger Geld für uns ausgeben will. Wir müssen uns zusätzlich noch darum kümmern, wie es nach unserer Karriere weiter geht, müssen nebenher studieren oder eine Ausbildung machen. Das ist schon schwer. Im Allgemeinen kann ich mit Drucksituationen gut umgehen, ansonsten hätte ich nicht das erreicht, was ich erreicht habe. Und ich weiß, dass ich wieder zurück in den Zehnkampf finde.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt spielen Sie allerdings Fußball in der Verbandsliga. Warum?

Freimuth: Ich war schon immer ein großer Fußballfan. Aber die Ignoranz gegenüber der Leichtathletik ist im Fußball und in den Medien zu groß geworden: Da wurde sogar Timo Werner schneller als Usain Bolt geredet. Fußballer trainieren aber nur den Antritt und nicht die Maximalgeschwindigkeit, weil die Sprints selten länger als 30 Meter sind. In dem Bereich ist Leichtathletik eine andere Hausnummer.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind also schneller als die anderen?

Freimuth: Weltmeister Kylian Mbappé hat einen sehr guten Antritt auf den ersten 30 Metern, aber ich bin trotzdem schneller.



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Seite 1
Yoroshii 06.09.2018
1. In der Verbandsliga also!
Nun! Dorthin musst du es erst mal schaffen. Freimuth hat es geschafft. Hoffentlich wird er nicht verletzt. Ronaldo -so lese ich gerade- verlangt nach mehr Bodyguards. Mich verlangt nach genauerem Überprüfen seiner Steueraktivitäten. Gibt es die Disziplin Sportpolitik überhaupt?
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