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15. März 2013, 15:13 Uhr

Pulver statt Burger

Der Mann, der aufhörte zu essen

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Essen ist für ihn Zeitverschwendung. Deshalb hat Rob Rhinehart ein Pulvergemisch entwickelt, das alle wichtigen Nährstoffe enthält. Heute isst der 24-jährige Software-Entwickler nur noch zweimal pro Woche. Er träumt davon, dass sein Cocktail eines Tages die Menschheit ernährt.

Rob Rhinehart ist Essen lästig. Verschwendung von Zeit, Geld und Energie. Doch er hat eine Lösung gefunden. Der 24-jährige Software-Entwickler aus Atlanta hat das Essen eingestellt. Sein Ersatz: Ein trüber, geruchloser, beiger Cocktail. Feste Mahlzeiten isst er nur noch zweimal pro Woche.

Es war bei einem Weihnachtsbesuch in seiner Heimat. Er traf einen alten Freund der Familie, der kaum noch kochen konnte - nachdem er die Kraft in einem seiner Arme verloren hatte. Der Freund nahm so sehr ab, dass er ins Krankenhaus musste, berichtet Rhinehart in einem Vice-Interview. In unserer Welt ist so vieles optimiert, dachte er sich. Warum etwas so einfaches, so wichtiges wie das Essen nicht? Er legte los.

Sein Ziel war eine simple Ernährung, die kaum etwas kostet und möglichst gesund ist. Rhinehart las Biologiebücher, informierte sich über die Chemie des Stoffwechsels. Er durchforstete das Internet nach Informationen zu allen wichtigen Nährstoffen. "Es gibt kaum gute Daten in der Ernährungswissenschaft", beklagt er sich in seinem Blog. "Es ist ein schwieriges Feld, weil einfach so viele Faktoren eine Rolle spielen und sich kaum präzise Aussagen treffen lassen."

Dennoch destillierte sich in seinem Kopf der Gedanke, dass der Körper keine Lebensmittel braucht, sondern Nährstoffe. Keine Karotte, sondern Vitamine. Keine Milch, sondern Aminosäuren. Kein Brot, sondern Kohlenhydrate.

Dreißig Tage lang ernährte er sich nur vom Cocktail

Seine Küche verwandelte sich in ein Chemielabor. Er mischte alle Nährstoffe zusammen, die der Körper braucht. Es entstand ein Cocktail aus Vitaminen, Mineralstoffen, essentiellen Aminosäuren, aus Kohlenhydraten und Fett. Als Extra kamen Ginseng, Ginkgo Biloba, Alpha-Karotin und andere Stoffe hinzu, die zwar als gesund, aber nicht als lebensnotwendig gelten. Dann testete er. "Zu meiner Überraschung schmeckte es wirklich gut und ich fühlte mich danach energiegeladen", sagt er.

Dreißig Tage lang ernährte sich Rhinehart nur von dem Cocktail. Diese Zeit, sagt er, veränderte sein Leben. Er fühlte sich leistungsfähig und tüftelte an den Konzentrationen, bis er die für sich optimale Mischung fand. Bis heute isst er nur ein bis zwei normale Mahlzeiten die Woche, sonst ernährt er sich von seinem beigen Cocktail. "Sich nicht den Kopf über das Essen zerbrechen zu müssen, ist phantastisch", sagt er. Zwar gibt es bisher kaum wissenschaftliche Daten, die bestätigen, dass sein Cocktail dem Körper auf lange Sicht alles geben kann, was er benötigt. Rhinehart allerdings ist optimistisch. Über sein Blog sucht er schon nach weiteren Selbstversuchspersonen.

Soylent nennt er den Cocktail, angelehnt an den Science-Fiction-Film "Soylent Green" von 1973 - eine etwas sonderbare Anspielung, handelt es sich doch bei "Soylent Green" aus dem Film um Menschenfleisch. Rhinehart wiegelt ab: Sein Soylent sei natürlich menschenfrei - der Film habe das Originalbuch "Make Room! Make Room!" verfremdet. Dennoch könnte er aber Menschen in Ländern, in denen viele an Übergewicht sterben, den Weg zu einer gesunden Ernährung weisen. In Entwicklungsländern könnte er gesunde und günstige Mahlzeiten ermöglichen, hofft Rhinehart.

Christoph Klotter von der Hochschule Fulda glaubt nicht daran, dass das Konzept funktionieren kann. "Das ist absurd", sagt der Ernährungspsychologe. "Das Belohnungszentrum im Gehirn wird im Wesentlichen über das Essen gesteuert. Dieser Mann muss vollkommen geschmacks- und genussfrei sein - oder er holt sich seine Belohnung irgendwie anders."

"Auf kurze Sicht mag das funktionieren", sagt auch Bernhard Watzl, Leiter der Abteilung für Ernährungsphysiologie am Max-Rubner-Institut. "Aber Ernährung ist heute weit mehr als Nahrungsaufnahme. Sie kann uns auch vor Krankheiten, vor Krebs und Herzinfarkt schützen." Je mehr Obst und Gemüse ein Mensch esse, desto niedriger sei sein Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Für Vitaminpräparate hingegen konnten Forscher eine solche schützende Wirkung nicht nachweisen.

Die Verwissenschaftlichung des Essens

Mit seiner Entscheidung gegen Mahlzeiten flieht Rhinehart vor einer Gesellschaft, die Essen zur Lebensphilosophie gemacht hat. Stattdessen treibt er die Art, Essen wissenschaftlich zu optimieren, ins Extreme. "Er vollendet unsere Essgewohnheiten, die seit dem 19. Jahrhundert immer mehr verwissenschaftlicht werden - und tötet dabei den Genuss", sagt Klotter.

Dabei gehe noch etwas ganz Entscheidendes verloren: "Essen ist im Wesentlichen ein soziales Ereignis", sagt der Ernährungspsychologe. "Wenn man einen Franzosen fragen wird, was ihm am Essen Spaß macht, wird er auf jeden Fall 'das Zusammensitzen' antworten." Dieser Punkt ist es auch, der selbst Rhinehart ins Wanken bringen könnte: Er könne sich schon vorstellen, in Zukunft wieder häufiger essen zu gehen, sagt er in einem Interview. Wenn er mehr Geld habe - oder eine Freundin. Pulver statt Essen: So funktioniert das Soylent-Rezept.

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