Extremsportler Robby Clemens Laufen - von Pol zu Pol

Robby Clemens will in zwei Jahren vom Nord- bis zum Südpol laufen. Grönland hat er schon hinter sich, jetzt ist er in den USA. Was treibt den 55-Jährigen an?

Robby Clemens

Ein Interview mit Frank Joung


Zur Person
    Robby Clemens, Jahrgang 1961, ist Extremsportler, Motivationscoach und Buchautor. Der 55-Jährige ist seit März unterwegs auf einer zweijährigen Tour vom Nord- bis zum Südpol.
  • Robby Clemens' Homepage

SPIEGEL ONLINE: Herr Clemens, Sie wollen in zwei Jahren vom Nord- bis zum Südpol laufen. Seit März sind Sie unterwegs. Laufen Sie vor etwas davon?

Clemens: Nein, ich möchte mir meinen Traum erfüllen und andere inspirieren. Mir geht es um die Herausforderung, nicht um Rekorde.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mit einer Marathonteilnahme am Nordpol begonnen und sind dann rund 550 Kilometer durch Grönland marschiert. Wo war es kälter?

Clemens: Am Nordpol herrschten minus 40 Grad, in Grönland war es ähnlich kalt, aber die Temperaturschwankungen und Stürme sind extremer. Die ersten 20 Tage waren wir nur mit Steigeisen und Skiern unterwegs. Du hast 20 Tage nur eine weiße Wand vor dir. Und dann schleppst du noch 90 Kilo im Pulka-Schlitten hinter dir her.

SPIEGEL ONLINE: Inzwischen sind Sie in Amerika. Wie sind Sie dorthin gekommen?

Clemens: Von Grönland ging es per Helikopter nach Reykjavik und von da bin ich nach Montreal aufs nordamerikanische Festland geflogen. Dann bin ich durch die Wildnis Kanadas und die US-Ostküste entlang gelaufen.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Kilometer schaffen Sie pro Tag?

Clemens: Wenn ich laufe, versuche ich immer, mindestens einen Marathon am Tag zurückzulegen, aber ich laufe nicht durch. Mir geht es um die Erlebnisse und Erfahrungen am Wegesrand. Um die Menschen, die ich unterwegs treffe.

Die Band Rammstein hat mich auf ihrem Konzert Backstage in New York empfangen. Wir haben bis in die Nacht gequatscht. Sie haben sogar für mich Frank Schöbels Schlager "Ich geh vom Nordpol zum Südpol zu Fuß" gesungen. Das war so geil!

SPIEGEL ONLINE: Lief bislang alles glatt auf ihrer Tour?

Clemens: Natürlich umarmst du nicht jeden Tag die Welt: Irgendwas klappt nicht oder tut weh. Aber dann musst du Strategien entwickeln und die Probleme angehen. Ab und zu werde ich vertrieben, wenn ich mein Zelt aufschlage. Eines nachts, zwischen Boston und New York, klopfte es an meinem Zelt: Polizisten. Die sagen: Sie können hier nicht bleiben, das sei Landstreicherei. Da wollten die, dass ich um 3 Uhr nachts 20 Kilometer zum Hotel laufe - nur zu dem Zeitpunkt hatte ich bereits 50 Kilometer zurückgelegt.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie getan?

Clemens: Ich habe meine Sachen - einen Koffer, zwei Rucksäcke, Regensachen, Kocher, Matratze - in den Kinderbuggy gepackt und habe mich auf den Weg nach New York gemacht. Das ist belastend - aber so kommt man auch durch Orte, an die man gar nicht wollte.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind hauptsächlich allein mit sich beim Laufen. Wird das auch mal langweilig?

Clemens: Tatsächlich ist das Kopfkino viel belastender als die sportliche Komponente. Das Laufen bereitet mir überhaupt keine Probleme. Aber es kommt vor, dass dir viele blöde Gedanken im Kopf herumschwirren oder du Heimweh hast. Ich bin immer froh, wenn ich mit jemandem reden kann. Über Whatsapp halte ich Kontakt zu meiner Frau, meinen Kindern und meinen Enkelkindern.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie überhaupt zum Laufen gekommen?

Clemens: In den Neunzigern habe ich nach der Schneider-Pleite mit meiner Firma 2,2 Millionen D-Mark verloren. Wir hatten nichts mehr und mussten sogar das Haus von meinen Eltern versteigern lassen. Ich habe 40 Jahre Arbeit meiner Eltern vernichtet. Ich habe angefangen zu trinken. Eines Tages war ich beim Hausarzt, weil ich betrunken in eine Glasscherbe gefallen war. Er hat mich geohrfeigt und gesagt: 'Wenn du so weitermachst, stirbst du.' Irgendwas ist in dem Moment zu mir vorgedrungen und ich entschloss: Ich muss weg vom Alkohol.

Ein Bekannter sagte mir, er kenne jemanden, der hat es durchs Laufen geschafft. Also habe ich mir Laufschuhe besorgt und bin losgerannt. Am ersten Tag habe ich nur eine halbe Runde um den Sportplatz geschafft. Ich bin jeden Morgen wieder hin und nach zwei Wochen habe ich zwei Runden absolviert. Das war gefühlt mein erster Marathon. Ich wog 125 Kilo. Seit dem ersten Tag, an dem ich losgelaufen bin, habe ich nicht mehr geraucht und nicht mehr getrunken. Das ist jetzt fast 20 Jahre her.


Hören Alkoholiker auf, Alkohol zu konsumieren, können durch den Entzug gefährliche Komplikationen auftreten, etwa epileptische Anfälle. Die akute Phase der Entgiftung sollte deshalb in einer Klinik stattfinden. Da sind sich Experten einig.


SPIEGEL ONLINE: Jetzt machen Sie Extremläufe. Sind Sie laufsüchtig?

Clemens: Viele meinen, ich hätte eine Sucht mit der anderen abgelöst. Ja, warum nicht. Wenn man es so bezeichnen will. Ich weiß, wie es ist, ganz unten zu sein. Wenn man insolvent geht, wird man in Deutschland wie ein Aussätziger behandelt. Ich will zeigen, dass man auch nach einem Rückschlag wieder aufstehen und sich neue Träume verwirklichen kann. Nach meinem ersten Marathon habe ich meine Familie im Ziel mit Tränen in den Augen in die Arme geschlossen. Spätestens da wusste ich: Laufen ist mein neues Leben.



insgesamt 3 Beiträge
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frankhs 25.07.2017
1. Vom Nord- zum Südpol
Nun, nichts dagegen, wenn jemand seinen Traum verwirklicht. Aber der Titel Laufen - von Pol zu Pol bzw. die Beschreibung VOM Nord- ZUM Südpol stellt doch eine extreme Übertreibung dieses 'Extremsport'-Projektes dar... Mitnichten wird VOM Nordpol ZUM Südpol gelaufen, sondern bis jetzt wurde einmal in der Nähe des Nordpols 'gelaufen', dann eine 500 km Tour durch Grönland von West nach Ost gemacht und jetzt ab Montreal 'gelaufen'. Da fehlen irgendwie ein paar tausend Kilometer... Wie gesagt, nichts dagegen wenn jemand seinen Traum verwirklicht, aber muss unser Protagonist denn immer so übertreiben? Er ist ja nun mal bekannt dafür es in der Vergangenheit mit der Wahrheit nicht so ganz genau zu nehmen...
taste-of-ink 25.07.2017
2. "Laufen Sie vor etwas davon?"
"Ja, vor dieser Frage...!" Nur weil man selbst noch nie weiter als 5km "gejoggt" ist, heißt das nicht, dass alle anderen, die weiter Laufen, damit irgendetwas kompensieren.
mr_scrooge 25.07.2017
3. Toller Mann
ganz egal, ob nun 500 km oder 5000 - da hat sich jemand selbst aus dem Sumpf gezogen und ist neu gestartet im Leben - bewundernswert. Und allemal besser als die ganzen Instagram-, Youtube- und sonstigen digitalen Sternchen, die täglich Bilder und Posts produzieren, die keiner wirklich braucht und unnötige Aufmerksamkeit generieren. Weiter viel Erfolg auf der Tour!
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