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Angeblich lebensverlängernde Substanz: Mediziner entzaubern Rotwein-Wunderstoff

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Alte Weinflaschen: Resveratrol galt als besonders gesundheitsfördernder Stoff Zur Großansicht
REUTERS

Alte Weinflaschen: Resveratrol galt als besonders gesundheitsfördernder Stoff

Die Substanz steckt in Rotwein, Schokolade und manchen Beeren - und soll das Leben verlängern. Doch eine Studie kommt nun zu dem Schluss, dass der Stoff Resveratrol nicht hält, was man sich davon versprochen hat.

Angeblich wirkt die Substanz Entzündungen ebenso entgegen wie der Entstehung von Krebs. Sie soll die Blutgefäße geschmeidig halten und nicht weniger bewirken, als das Leben zu verlängern. Resveratrol erschien in Zellstudien, in Tierversuchen und in einigen kleinen Studien als wahres Wundermittel.

Besonders reich an Resveratrol ist ausnahmsweise nicht grünes Gemüse oder etwa Olivenöl. Stattdessen steckt die Substanz vor allem in Rotwein, Schokolade, Erdnüssen und verschiedenen Beerensorten. Seit die möglichen Effekte von Resveratrol bekannt sind, findet es sich auch in Nahrungsergänzungsmitteln.

Ein internationales Forscherteam hat in einer größeren Studie untersucht, ob das mit der Nahrung aufgenommene Resveratrol tatsächlich einen Einfluss auf Gesundheit und Lebensdauer hat. Das jetzt im Fachjournal "Jama Internal Medicine" veröffentlichte Ergebnis: Zwischen den Resveratrol-Werten der Teilnehmer und der Überlebensrate in den kommenden neun Jahren bestand kein Zusammenhang. Auch das Auftreten verschiedener Krankheiten schien nicht von Resveratrol beeinflusst.

Das bei einer westlichen Ernährungsweise mit der Nahrung aufgenommene Resveratrol habe wohl keinen wesentlichen Einfluss auf Langlebigkeit, die Entstehung von Krebs- oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder auf Entzündungsprozesse, schreiben Richard Semba von der Johns Hopkins University und seine Kollegen.

Die Forscher hatten Daten von 783 Menschen ausgewertet, die in der Chianti-Region in Italien leben. Zu Studienbeginn waren die Teilnehmer mindestens 65 Jahre alt. Anhand von Urinproben ermittelten die Forscher die Resveratrol-Werte der Teilnehmer. Aufgenommen hatten die Menschen das Resveratrol vor allem über Rotwein. 268 der Probanden starben während der neun Jahre Studiendauer.

Nur eine Substanz von vielen

Die Reaktionen auf die neue Studie unterscheiden sich stark. Der gute Ruf des Resveratrols habe durch diese Studie gelitten, sagte Björn Lemmer, emeritierter Pharmakologie-Professor an der Universität Heidelberg. "Die Studie ist aus meiner Sicht sehr gut geplant und sehr viele Parameter wurden untersucht." Resveratrol könne nun nicht mehr als Gesundheitsmittel vermarktet werden.

Sein Kollege Professor Huige Li von der Universitätsmedizin in Mainz kommt zu einem anderen Schluss: "Die Studie kann man nicht verwenden, um die Wirkung von Resveratrol selbst zu beurteilen." Die Menge an Wirkstoff in einem Liter Rotwein sei rund hundertmal geringer als in üblichen Resveratrol-Pillen. Im Prinzip sei lediglich die gesundheitsfördernde Wirkung des Weintrinkens untersucht worden.

Semba selbst weist darauf hin, dass trotz des negativen Ergebnisses seiner Untersuchung andere Studien ergeben hätten, dass der Konsum von Rotwein, dunkler Schokolade und Beeren Entzündungen entgegenwirke und das Herz schütze. "Falls diese positiven Effekte wirklich vorhanden sind, müssen andere Substanzen aus den Lebensmitteln dafür verantwortlich sein." Nahrungsmittel seien komplex - "durch unsere Studie haben wir lediglich erfahren, dass die Effekte wohl nicht auf Resveratrol beruhen."

Die (Bio)-Chemie im Essen

Mit Material von dpa

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insgesamt 51 Beiträge
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1. Die Forscher hatten wohl zu viel getrunken ..
wpstier 13.05.2014
.. von dem guten roten Wein? Oder warum " Die Forscher hatten Datten von 783 Menschen ausgewertet". Einfach schön, so ei Wort...
2. Wenig Ahnung von Wein, was?
HRSeeliger 13.05.2014
Die abgebildeten Flaschen enthalten alten 5-buttigen Tokayer. Das ist ein Weiss- und kein Rotwein und kann insofern das Resveratrol, um das es im Artikel geht, erst gar nicht enthalten.
3. Wer ist der Auftraggeber der Studie?
MS2000 13.05.2014
Es wäre interessant zu wissen wer die Studie in Auftrag gegeben hat. Tut mir leid, wenn ich hier Schlechtes denke: Die Pharmaindustrie hat sicher kein Interesse an einer quasi "freien" und "kostenlosen" Verfügbarkeit eines gesundheitsfördernden Stoffes.
4.
sam07 13.05.2014
Einer der wenigen Experten, denen ich traue, ist mein GMV (gesunder Menschenverstand). Das mit der "gesundheitsfördernden Wirkung" von Wein und Schokolade habe ich schon immer für einen gelungenen Schachzug der Vermarkter gehalten, auf die Ehrfurcht des Verbrauchers gegenüber "Experten" und auf seine Angst vor Krankheiten bauend. Das funktioniert dann genauso wie bei unterentwickelten weiblichen Gehirnen, die eine Diätempfehlung nach der anderen nicht nur registrieren oder wie bei testosteronverseuchten Männerhirnen, die ernsthaft glauben, in sechs Wochen einen Waschbrettbauch ohne große Anstrengung heranzüchten zu können. Jetzt warte ich auf die Entlarvung des von der Mineralwasserindustrie verbreiteten Unsinns, drei Liter Wasser täglich trinken zu müssen. Wenn ich zunehmend - leider wieder vorwiegend Frauen - in der U-Bahn, auf der Straße oder im Urlaub, mit ihren Flaschen hantieren sehe, dann verstehe ich, weshalb Menschen so leicht zu manipulieren sind. Ich trinke, wenn ich Durst habe, und bestimmt nicht 3 000 ml am Tag.
5. das steht da auch nicht
kugelsicher 13.05.2014
Zitat von HRSeeligerDie abgebildeten Flaschen enthalten alten 5-buttigen Tokayer. Das ist ein Weiss- und kein Rotwein und kann insofern das Resveratrol, um das es im Artikel geht, erst gar nicht enthalten.
Da steht schlicht: alte Weinflaschen. Einfach weil es ein gutes Foto ist. Der Rest haben sie dazu gedichtet.
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Zur Autorin
  • Nina Weber ist Biochemikerin und Krimiautorin mit einem Faible für kuriose Studien. Sie ist Redakteurin im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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