Rückwärtslauf-Weltmeister "Ich sehe mit den Ohren"

Volle Kraft zurück: Rückwärtslauf-Weltmeister Markus Jürgens spricht über Schlaglöcher, geschärfte Sinne - und schönen Muskelkater. Bei der WM in Essen will er seinen Titel verteidigen.

Rückwärtsläufer Markus Jürgens (im weißen Trikot, Aufnahme von 2014)
Gruppo Monte Cervino

Rückwärtsläufer Markus Jürgens (im weißen Trikot, Aufnahme von 2014)

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Herr Jürgens, Rückwärtslaufen, auch Retrorunning genannt, sieht ein bisschen seltsam aus. Ist Ihnen das nicht unangenehm?

Markus Jürgens: Mir war es immer egal, ob man mich beim Rückwärtslaufen komisch anschaut. Aber viele Leute trauen sich nicht, weil es ihnen peinlich ist. Wenn man das in der Gruppe ausprobiert, dann wagen sich mehr Menschen an den Sport heran. Mein Einsteigerkurs an der Uni ist gut besucht.

SPIEGEL ONLINE: Für Außenstehende wirkt Retrorunning wie ein etwas alberner Spaßsport.

Jürgens: Eine Spaßsportart ist es auf keinen Fall. Ich trainiere täglich, wie andere Leistungssportler auch. Es gibt Weltmeisterschaften, wo jeder gewinnen will. Die Weltrekordzeit auf 100 Metern liegt bei 13 Sekunden. So schnell sind viele Hobbysportler nicht mal vorwärts. Das zeigt, dass es keine Witzveranstaltungen sind. Aber natürlich steht bei uns der Spaß am Sport im Vordergrund.

SPIEGEL ONLINE: Wieso laufen Sie überhaupt rückwärts?

Jürgens: Ich war schon immer laufverrückt. Trotz Marathons und Ultraläufen wurde mir das Vorwärtslaufen zu langweilig und ich suchte eine neue Herausforderung. Beim Retrorunning konnte ich bei null anfangen, neue Bestzeiten und Erfolge sammeln. Das war super motivierend und eine schöne Abwechslung. Ein paar Monate später bei der WM 2014 in Italien wurde ich auf Anhieb Weltmeister im Halbmarathon.

Retrorunning-WM in Italien, 2014: Hier wurde Markus Jürgens Halbmarathon-Weltmeister
Tobias Heide

Retrorunning-WM in Italien, 2014: Hier wurde Markus Jürgens Halbmarathon-Weltmeister

SPIEGEL ONLINE: Mit nicht mal einem halben Jahr Training Weltmeister zu werden, ist in anderen Disziplinen kaum möglich. Machen Sie Retrorunning, weil es vorwärts nicht für einen WM-Titel gereicht hätte?

Jürgens: Es gibt natürlich nicht so viele Rückwärtsläufer, die man besiegen muss. Bei der Weltmeisterschaft in Essen an diesem Wochenende gehen über alle elf Disziplinen verteilt etwa 200 Läufer an den Start. Trotzdem habe ich es nicht für möglich gehalten, so schnell mal Weltmeister zu werden. Ich bin aber keiner, der auf Titel aus ist. Die WM habe ich mit 1:50 Stunden auf 21,095 Kilometern gewonnen - und das bei Regen. Der Weltrekord von Achim Aretz liegt sogar bei 1:35 Stunden. Wir beide werden uns sicherlich ein heißes Duell liefern beim diesjährigen WM-Lauf.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie angesichts dieser schnellen Zeiten von "normalen" Läufern respektiert?

Jürgens: Achim Aretz ist sogar den Marathon in 3:42 Stunden gelaufen - rückwärts. Trotzdem belächeln viele Vorwärtsläufer unsere Sportart. Sie sind zu festgefahren in ihren gewöhnlichen Alltagsroutinen. Dabei ist es gerade spannend, den gewöhnlichen Trott zu verlassen.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet es, den Körper mal aus den alltäglichen Bewegungsabläufen zu entreißen?

Jürgens: Der ganze Bewegungsapparat wird anders gefordert. Wenn ich ein paar Kilometer rückwärts laufe und mich dann umdrehe und weiterlaufe, wird mir kurz schwindelig. Der Körper muss lernen, mit der neuen Situation umzugehen.

Ich sehe nicht mehr nur mit den Augen, sondern mit den Ohren. Oder ich erfühle ein Schlagloch mit den Füßen und weiche noch rechtzeitig aus.

SPIEGEL ONLINE: Wie bitte sieht man denn mit den Ohren?

Jürgens: Ich benutze meine Sinne stärker und nehme die Umwelt intensiver und bewusster wahr. Ich höre mit den Ohren mehr als sonst, etwa ob ein Auto, Fahrrad, oder Tier kommt. Man achtet auch auf Dinge, denen man sonst keine Bedeutung schenkt: Bordsteinkanten, Orientierungslinien auf der Straße, oder das sich verändernde Straßenpflaster in einer Kurve. Ich drehe mich nur alle 100 bis 150 Meter mal kurz um. Man muss also schon konzentriert zur Sache gehen und kann nicht mal schnell aufs Smartphone schauen.

SPIEGEL ONLINE: Ist das nicht gefährlich, als Rückwärtsläufer blindlings ins Fremde und Unbekannte zu rennen?

Jürgens: Man braucht auf jeden Fall mehr Mut fürs Rückwärtslaufen als fürs Vorwärtslaufen. Ich muss mich die ganze Zeit konzentrieren, sonst liege ich ganz schnell auf dem Boden. Bei mir hat das von Anfang an glücklicherweise sehr gut funktioniert. Ich habe mir eine Strecke gesucht, die halbwegs gerade war und bin einfach drauflos gelaufen. Das einzige Mal bin ich bei einem Waldlauf gestürzt, weil ich eine Wurzel nicht gesehen habe. Dann steht man eben wieder auf und läuft weiter.

Rückwärtslauf-WM 2014: Im Stadion droht kein Wurzel-Stolperer
Eric Salomon

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SPIEGEL ONLINE: Fordert Retrorunning also vor allem psychisch?

Jürgens: Mental ist es anspruchsvoller als das Vorwärtslaufen, weil man langsamer unterwegs ist und für die Strecken etwa eine Minute pro Kilometer länger braucht. Aber Rückwärtslaufen ist auch anstrengender: Bis zu 20 Pulsschläge mehr habe ich bei einem lockeren Trainings-Rückwärtslauf pro Minute.

SPIEGEL ONLINE: Stichwort Anstrengung: Wie wird der Körper beim Rückwärtslaufen gefordert?

Jürgens: Die Wadenmuskulatur wird besonders beansprucht und gestärkt, weil man fast komplett auf dem Vorfuß läuft. Das merkt man beim Einstieg in diese Sportart in Form eines schönen Muskelkaters, der am Anfang echt ein Anreiz für mich war, weil ich das beim normalen Laufen so nicht mehr hatte. Auch die Gesäß- und die rückseitige Oberschenkelmuskulatur werden gestärkt. Retrorunning bietet dazu ein gutes Koordinationstraining für die Füße und stärkt die Gegenspieler-Muskeln, die man beim Vorwärtslaufen nicht so belastet.

SPIEGEL ONLINE: Beim Retrorunning sieht man gar nicht was kommt, sondern nur was geht - ist das ewige Zurückschauen nicht langweilig?

Jürgens: Das ist doch genau das Spannende: Ich tauche beim Rückwärtslaufen komplett in meine eigene Welt ab. Ich sehe ja auch genauso viel, nur eben das, was ich schon geschafft habe. Eine gegensätzliche Perspektive einzunehmen und dadurch etwas ganz anderes wahrzunehmen, ist toll. Auch im Alltag schaue ich jetzt gerne mal darauf, was ich schon alles geleistet habe. Retrorunning ist ein ganz anderes Laufen. Heute merke ich beim Laufen aber gar nicht mehr, dass ich eigentlich falschrum laufe, das ist für mich alltäglich geworden und hat sich verselbständigt. Zu Hause und bei der Arbeit laufe ich aber immer noch vorwärts.



insgesamt 2 Beiträge
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tradepro 17.07.2016
1. Laufprogramm
Der elliptische Lauftrainer im Fitnesscenter hat auch ein paar Minuten rückwärtslaufen eingeplant. Das geht an die Waden. Grundsätzlich ist jede neue Bewegung gut weil diese Muskeln beansprucht die man normalerweise nicht verwendet. Das ist doch der Grund warum man trainiert: Um die Muskeln nicht verkümmern zu lassen und zu stärken.
tony_chopper 18.07.2016
2. Ich...
...hätte sehr gefeiert wenn die Frage gekomen wäre: "Und wenn sie wieder eine Herausfoderung suchen, kommt dann Seitwärtslaufen?"
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