Speis und Zank Auf dem Wochenmarkt als Ökoschwein ertappt

Erdbeeren im November, Kirschen im Mai und Äpfel aus Neuseeland - wehe, du wirst beim Obstkauf als Ökoschwein erkannt und von einer jungen Mutter in Begleitung ihrer drei Kinder beschimpft. Blöd nur, wenn diese anschließend in ihrem riesigen SUV davonfährt.

Kirschernte im Alten Land: Die Saison beginnt Mitte Juni. Was tun, wenn schon Mitte Mai der Kirschhunger drängt?
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Kirschernte im Alten Land: Die Saison beginnt Mitte Juni. Was tun, wenn schon Mitte Mai der Kirschhunger drängt?

Eine Kolumne von Jan Spielhagen


"Sie wollen JETZT Kirschen kaufen?" Das ist keine Frage, das ist ein Attentat, ein Messerstich in den Rücken. Aber es stimmt. Ich stehe gerade auf dem Markt am Obst- und Gemüsestand und möchte Kirschen kaufen. Ende Mai. Vier lange Wochen bevor die Kirschen an den heimischen Bäumen reif werden. Ich drehe mich um.

Hinter mir steht eine dieser etwa 40-jährigen Frauen mit sportlicher Figur und blondem Haar, die das Erscheinungsbild der deutschen Wochenmärkte in Großstädten prägen, auf denen es alles gibt, vom Ökobrot bis zum französischen Feinschmeckerhuhn. Neben ihr drei bildhübsche Töchter, ich schätze vier, acht und zwölf Jahre alt, genauso sportlich, genauso blond. "Wissen Sie nicht, dass die mit dem Flugzeug nach Deutschland gebracht werden? Aus Argentinien! Das ist doch ökologischer Wahnsinn!"

Ertappt! Kurz überlege ich, ob ich die 125-Gramm-Schale mit den Kirschen zu 2,99 Euro wieder weg stellen sollte, doch dann entscheide ich mich standhaft zu bleiben. "Ist eine Ausnahme", murmele ich. Aber so leise, dass die Frau nicht annehmen kann, ich sei an einer Diskussion interessiert.

Das mit der Ausnahme stimmt nicht ganz, weil ich mir bestimmt drei- oder viermal pro Jahr frische Kirschen gönne, egal zu welcher Jahreszeit. Aber wer outet sich schon gerne in der Öffentlichkeit als Ökoverräter. "Nehmen Sie doch die Äpfel, die kommen aus dem Alten Land oder die Erdbeeren, die mussten wenigstens nicht so lange reisen" sagt die Frau, und die älteste Tochter ergänzt: "Oder Kohlrabi."

Ziegenrolla statt Büffelmozzarella

Der Trend zur Regionalität treibt merkwürdige Blüten. Ein Trend, den ich übrigens sehr unterstütze. Es ist sinnvoll, den täglichen Speiseplan von den Erntezeiten heimischer Produkte abhängig zu machen, es ist sinnvoll, die deutsche Landwirtschaft zu unterstützen, und es ist auch sinnvoll, auf den ökologischen Fußabdruck von Lebensmitteln zu achten. Aber immer? Ist denn die Ausnahme nicht mehr gestattet?

Der Apfel aus dem Alten Land musste während der Wintermonate doch auch eingekellert, in dieser Zeit gekühlt und später transportiert werden. Und es war doch eigentlich ganz schön, als der Büffelmozzarella noch aus Italien kam und nicht Ziegenrolla hieß und von einem Schleswig-Holsteiner Hof stammte. Und finden Sie wirklich, dass es eine deutsche Landleberwurst mit einem Bordelaiser Paté aufnehmen kann?

Zurück auf den Markt: Ich stelle mir kurz vor, wie lustig es immer ist, wenn ich mit den Kindern im Garten um die Wette Kirschkerne weitspucke. Das soll ich jetzt mit Äpfeln tun, mit Erdbeeren, gar mit Kohlrabi?

Die inquisitorische Situation endet glücklich für mich. Die jüngste Tochter der strengen Mutter hat begonnen, Obst und Gemüse zu zerdrücken und beschmiert sich dabei. "Leg die Rispentomaten weg", sagt die Mama und packt die Hand ihrer Jüngsten. Doch es ist bereits zu spät. Der rote Saft tropft auf das weiße T-Shirt und macht dort das ebenfalls rote Logo eines amerikanischen Labels unlesbar. Genervt schnappt sich die Frau ihren Einkaufskorb, aus dem vier, fünf lange, grüne Porreestangen wie Raketen herausragen - Marschflugkörper im Heiligen grünen Krieg. Ich höre noch, wie die Älteste fragt: "Liegt Rispe eigentlich auch in unserer Region?"

Erst viel später, als ich die Vier in einen riesigen, schwarzen SUV mit einem California-Aufkleber an der Heckklappe steigen sehe, wird mir klar, dass ich mich wohl doch auf die Diskussion hätte einlassen können.



insgesamt 204 Beiträge
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Seite 1
Centurio X 25.06.2012
1. GrünInnenwahn
So ist die Realität im Umgang mit GrünMissionarinnen! Im übrigen erldedigt sich im Allgemeinen das GrünInnen-Radfahren, wenn der Zeitpunkt für die Zuteilung eines protzigen Dienstwagens gekommen ist...
No_Name 25.06.2012
2. Ökobilanz
Nur ist es teilweise tatsächlich Sinnvoll, Obst und Gemüse in warmen Ländern zu prodiuzieren - und nicht hier im Treibhaus. Diese werden nämlich energieintensiv beheizt. Oder in Kühlräumen gelagert. Im Frühjahr (lange nach der Ernte in Deutschland = lange Lagerzeit) hat ein Apfel aus dem Alten Land eine schlechtere Ökobilanz als ein solcher aus Neusseland!
HäretikerX 25.06.2012
3. Was soll dieser Artikel vermitteln..??
Zitat von sysopDPAErdbeeren im November, Kirschen im Mai und Äpfel aus Neuseeland - wehe, du wirst beim Obstkauf als Ökoschwein erkannt und von einer jungen Mutter in Begleitung ihrer drei Kinder beschimpft. Blöd nur, wenn diese anschließend in ihrem riesigen SUV davonfährt. http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/0,1518,840192,00.html
.. die Bestätigung von Klischees und Vorurteilen? ..die Bestätigung und Anklage von Inkosequenz? ..die Entwertung von Argumenten zum Umweltschutz? ..die, die es sich Leisten können, sind die schlimmsten Missionare?..oder?? Ich denke, zunächst sollte jeder eine "Eigenprüfung" durchführen, bevor das "Ökobashing" begonnen wird! ;-)
El Plagiator 25.06.2012
4. Auf einem Auge Grün
Ich bin sicher der Autor hätte bei genauerem Hinsehen einen "Aomkraft nein danke" Aufkleber am Heck des SUVs erkennen können.
fordp 25.06.2012
5. ein doch ehe dümmlicher artikel...
Zitat von sysopDPAErdbeeren im November, Kirschen im Mai und Äpfel aus Neuseeland - wehe, du wirst beim Obstkauf als Ökoschwein erkannt und von einer jungen Mutter in Begleitung ihrer drei Kinder beschimpft. Blöd nur, wenn diese anschließend in ihrem riesigen SUV davonfährt. http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/0,1518,840192,00.html
...der nur simpelste klischees bedient, was man auch an den antworten verschiedener foristen ablesen kann.
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