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Wissenschaft absurd: Krieg der Salzforscher

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Corbis

Verschiedene Salzsorten: Darf's ein bisschen mehr sein?

Wie viel Salz ist okay, wann wird es ungesund? Unter Medizinern gibt es zwei Lager, die gegenteilige Meinungen vertreten. Statt das Salzrätsel zu lösen, beharren die verfeindeten Forscher auf ihren Positionen.

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Fertiggerichte, Wurst, Käse, Brot - viele Lebensmittel liefern eine ordentliche Portion Salz. Rund 10 Gramm Salz pro Tag verzehren Männer in Deutschland im Schnitt, Frauen liegen bei 8,4 Gramm. Damit überschreitet die Mehrheit die Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, die zu maximal sechs Gramm - etwa einem Teelöffel - rät.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO mahnt sogar, es bei höchstens fünf Gramm Salz zu belassen. Das soll das Risiko für Herzkreislauferkrankungen und einen vorzeitigen Tod senken.

Doch die wissenschaftliche Basis für die niedrigere Empfehlung ist umstritten. Im "International Journal of Epidemiology" analysieren drei Wissenschaftler den Streit über das Salz. Nicht, um selbst eine Empfehlung zum Salzkonsum abzugeben, sondern, um zu überprüfen, ob die wissenschaftliche Debatte in sinnvollen Bahnen verläuft. Die Gräben sind tief: Während manche Forscher den Rat zu geringem Salzkonsum als die möglicherweise größte Täuschung in der Geschichte der Gesundheitsvorsorge bezeichnen, sehen andere darin eines der wichtigsten Präventionsziele überhaupt.

"Wenn wir davon ausgehen, dass alle Beteiligten sich der Wissenschaft und der Gesundheitsvorsorge verschrieben haben, wirft dieser Streit Fragen auf, wie die Forschung Wissen erarbeitet, und wie dieses öffentliche Empfehlungen beeinflusst", schreibt das Team um Ludovic Trinquart von der Columbia University in New York

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Ernährungstipps: Vom Frühstück bis zum Festtagsschmaus
269 Fachpublikationen zum Thema haben Trinquart und Kollegen analysiert.

  • 54 Prozent unterstützen die These, dass ein erhöhter Salzkonsum das Risiko für Herzkreislauferkrankungen und einen vorzeitigen Tod erhöht,
  • 33 Prozent widersprachen der These,
  • 13 Prozent kamen zu keinem eindeutigen Ergebnis.

Ihre Analyse offenbart auch: Forscher, die die These entweder stützen oder ablehnen, zitieren deutlich häufiger jene Arbeiten, in denen sich ihre Meinung widerspiegelt.

Unter den untersuchten Arbeiten waren auch zehn Übersichtsarbeiten, die verschiedene Studien zusammenfassen und eigentlich den Stand der Forschung abbilden sollen. Sie gelten deshalb als besonders aussagekräftig. Doch die Metastudien zum Thema Salz kamen zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen, weil sie eine überraschend unterschiedliche Auswahl vorliegender Studien analysierten. Schlussendlich bekräftigten vier die Hypothese, drei widersprachen, drei kamen zu keinem schlüssigen Ergebnis.

Zwei Lager, die sich kaum austauschen

Trinquart und Kollegen kommen zum Schluss, dass die veröffentlichten Studien wenig zur Lösung des andauernden Streits beitragen, sondern, dass es nahezu zwei getrennte Forschungszweige gibt - einen, der die These stützt, und einen, der sie ablehnt.

Sie schreiben, dass die medizinische Forschung zwar sehr genau darauf achtet, wie finanzielle Interessen Ergebnisse beeinflussen können, aber noch viel zu wenig auf ein anderes Problem achtet: Dass nämlich lange akzeptierte Überzeugungen nur schwer abgelegt werden und dies auch die Arbeit von Wissenschaftlern beeinflusst.

In einem Kommentar im "International Journal of Epidemiology" weist der Forscher Bruce Neal darauf hin, dass man den Einfluss der Lebensmittelindustrie nicht außer Acht lassen sollte, für die Salz eine günstige Zutat sei, die - zusammen mit Zucker und Fett - billige Rohstoffe minderer Qualität in wertvolle Ware mit optimalen Eigenschaften verwandeln könne.

Es gebe Hinweise, dass die Lebensmittelindustrie die Debatte anfeuere und das Vorgehen gegen durch schlechte Ernährung verursachte Krankheiten unterdrücke - mit Taktiken, wie sie auch die Tabak- und Alkoholproduzenten verwenden würden, schreibt Neal. Der Forscher ist unter anderem Vorstand des australischen Zweigs von "World Action on Salt and Health".

Er kritisiert deshalb: Die Analyse würde den Salzkrieg beschreiben, aber nicht erklären.

Zusammengefasst: Ob ein geringer Salzkonsum - unter fünf Gramm täglich oder noch weniger - hilft, das Risiko von Herzkreislaufkrankheiten zu senken, ist umstritten. Forscher, die selbst nicht am Salzstreit beteiligt sind, kommen zum Schluss, dass sich in dieser Frage zwei Lager gebildet haben, die auf ihrer Position beharren. Dem Erkenntnisgewinn ist das nicht zuträglich.

Zur Autorin
  • Nina Weber ist Biochemikerin und Krimiautorin mit einem Faible für kuriose Studien. Sie ist Redakteurin im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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insgesamt 92 Beiträge
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1. Sie sagen es: absurd
tageskolumne 19.02.2016
Ein Musterbeispiel für die Dekadenz unserer Wissenschaft. Vom Staat hoch bezahlte Professoren, die nur noch viel heiße Luft erzeugen, um ihre Fördergelder weiter fließen zu lassen. Man sollte den ganzen, sich längst ad absurdum geführten Wissenschaftsapparat gründlich reformieren. nebenbei: Wenn man z.B. jede Woche im Stellenmarkt der "Zeit" sieht, wie unendlich viele Profesorrenstellen ausgeschreiben sind - und wenn man das mal mit den freien Stellen im Sozialbereich vergleicht, dann ahnt man, was in unserem Land alles falsch läuft.
2. meine Mutter
schrumpel500 19.02.2016
hat immer Unmengen Salz vertilgt und hatte zu niedrigen Blutdruck. Mein Vater hat seinene Salzkonsum drastisch reduziert, als zu hoher Blutdruck festgestellt wurde, nach ein paar Jahren hatte er wieder normalen Blutdruck. Beide Wahrheiten stimmen also.
3.
chlorid 19.02.2016
Zitat von tageskolumneEin Musterbeispiel für die Dekadenz unserer Wissenschaft. Vom Staat hoch bezahlte Professoren, die nur noch viel heiße Luft erzeugen, um ihre Fördergelder weiter fließen zu lassen. Man sollte den ganzen, sich längst ad absurdum geführten Wissenschaftsapparat gründlich reformieren. nebenbei: Wenn man z.B. jede Woche im Stellenmarkt der "Zeit" sieht, wie unendlich viele Profesorrenstellen ausgeschreiben sind - und wenn man das mal mit den freien Stellen im Sozialbereich vergleicht, dann ahnt man, was in unserem Land alles falsch läuft.
Was in diesem Land falsch läuft bzw. in die Irre, sind Wutbürger wie Sie! Von nix eine Ahnung, aber zu allem eine wütende Meinung. Das ist für mich die wahre Dekadenz!
4. Sorry, den letzten Absatz verstehe ich nicht.
f-rust 19.02.2016
Was soll er besagen, der mit "Hinweise ..." beginnt ?
5. Kommt darauf an
MyAlias 19.02.2016
Soweit ich mich erinnere, hängt der Natrium-Kalium-Haushalt und damit der Salzbedarf auch mit dem (von Stresslevel und Tagesprofil abhängigen) Cortisolspiegel zusammen. In Zeiten großen Stresses (dauerhaft hoher Cortisolspiegel) kann einem z.B. schnell alles zu salzig schmecken. Ist Ihnen plötzlich alles zu salzig, würde ich das als mögliches Frühwarnsymptom für Burnout betrachten. Bei nach großem Stress langfristig erschöpften, niedrigen Cortisolspiegeln wird dagegen mehr Salz benötigt, z.T. tut es da sogar gut, morgens salziges Wasser zu trinken. (Buch "Grundlos erschöpft" und Erfahrungswerte)
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