Sarah Wiener über Kinderernährung: "Gurke mit Karotte verwechselt"

Was können Eltern tun, damit ihre Kinder nicht zu viel Fastfood essen? Starköchin Sarah Wiener will dem Nachwuchs wieder zeigen, woher unsere Lebensmittel kommen - und wie man sie selbst zubereitet. Im Interview erzählt sie, wie Gesundes zum Leckerbissen wird.

Sarah Wiener: Köchin mit Mission Fotos
DBU/ Sarah Wiener Stiftung

SPIEGEL ONLINE: Warum wissen viele Kinder heute so wenig über gesundes Essen?

Wiener: Weil immer weniger Familien selbst Gemüse anbauen oder ein paar Hühner halten. Die meisten haben ja noch nicht mal Küchenkräuter im Topf zu Hause. Kleinbauern verschwinden zusehends aus der Peripherie der Städte und Dörfer. Vielen Kindern fehlen die Erkenntnis und das emotionale Erlebnis, dass unser Essen aus der Erde unter unseren Füßen wächst. Die Nahrungsmittelindustrie vermeidet - außer in ihrem Marketing - das Natürliche, wo es nur geht, und erklärt die DIN-Norm zum Essstandard. Die Überlegung, die dahintersteht, scheint wohl zu lauten: "Das was ich nicht mehr kenne, das kann ich auch nicht mehr nachfragen." Für unsere Kinder und Kindeskinder ein Desaster!

SPIEGEL ONLINE: Ist das der Grund, warum Sie sich über Ihre Stiftung für Kochkurse an Schulen und Kitas starkmachen?

Wiener: Ja, denn wenn wir nicht mehr selbst kochen können und nichts mehr über Lebensmittel wissen, müssen wir einfach alles essen, was man uns vorsetzt. Diesen Gedanken finde ich entsetzlich. Ich habe mich hingesetzt und überlegt: Was könnte ich denn machen, um Kinder selbst nachhaltig und sinnvoll zu stärken? So kam ich auf die Idee mit der Sarah Wiener Stiftung.

SPIEGEL ONLINE: Was können Eltern tun, um ihre Kinder vor allzu viel Fastfood und Industrienahrung zu schützen?

Wiener: Auf zu den Bauern und zu den Bauernmärkten! Unbedingt mitkochen lassen und Essen weder als Belohnung noch als Druckmittel einsetzen. Wenn Kinder ihr Essen selbst zubereitet haben, schmeckt ihnen eigentlich alles. Und gesunde Nahrung ist immer auch schmackhaft.

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SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie bei Ihrer Arbeit in den Schulen besonders beeindruckt?

Wiener: Als ein etwa neunjähriges Mädchen eine Gurke mit einer Karotte verwechselte, war ich schon schwer irritiert. Viele Kinder erzählen mir begeistert, dass sie mit ihren Eltern unsere Rezepte nachkochen und fühlen sich bestärkt, Neues auszuprobieren. Ein schwangerer Teenager hat sich bei ihrer Lehrerin bedankt, dass sie sich nach dem Kochkurs ihrer Mutterrolle gewappnet fühlte. Das sind sehr anrührende Momente.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Ihren eigenen Geschmack als Kind geprägt?

Wiener: Ich habe zum Glück nie aus Dosen gegessen und habe heute noch eine starke Aversion gegen Möhrchen und Erbsen aus dem Glas oder der Dose. Ich selbst habe sehr oft von Brei und Brot gelebt. Das war billig und sättigend. Das ist mir bis heute nicht ganz abhanden gekommen. Auch dass die Butter immer ganz dünn auf meinen Broten sein muss und der Belag auch.

SPIEGEL ONLINE: Brauchen wir neue Gesetze und Verordnungen im Bereich der Lebensmittel?

Wiener: Das hielte ich für sehr sinnvoll. Zu allererst einmal sollte es keine irreführende Werbung geben. Dann mag ich keine Zusatzstoffe in meinem Essen haben. Oder andere Stoffe, die nur bei der Verarbeitung benötigt werden, und deshalb nicht mal deklariert werden müssen. Ich bin auch prinzipiell für eine Transfett- und eine Zuckersteuer. Dinge, die unseren Körper schädigen und die dieser nicht braucht, sollten zumindest teurer sein als ein Glas Milch oder ein Kilo Äpfel. Es kann doch nicht angehen, dass weite Teile der Bevölkerung zucker- oder süßstoffhaltiges, gefärbtes und aromatisiertes Wasser trinken und stark verarbeitete Nahrung essen, nur weil es billiger ist als gesunde Alternativen.

Wir müssen die Menschen über stark verarbeitete Lebensmittel aufklären und zu kritischen Verbrauchern machen. Alles was deinen Geschmack manipulieren will, sollte in dir die Frage auslösen: Ist das gut für mich und meinen Körper? Am Ende dieser Kette der langen Überlegungen stehen wir wieder am Anfang. Der Schlüssel heißt: selbst kochen!

Wie man Kindern Gemüse schmackhaft macht
Hier erfahren Sie hilfreiche Tipps, wie man Kindern gesundes Essen schmackhaft macht.

Das Interview führte Julia Koch

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1. Ich möchte nur einmal
Lankoron 04.03.2013
sehen, wie die uns so gesund vorkochenden Fernsehköche zusammen mit Politikern aller Coleur ins Big-Brother-haus gesperrt wird, um dort mit dem Hartz IV- Satz mal einen ganzen Monat (oder länger) auszukommen. So, wie derzeit 30% der bevölkerung das tun müssen... Dann und nur dann darf mir eine Frau Wiener, die wahrscheinlich täglich mehr Essen wegschmeisst als andere pro Woche zu sich nehmen, was über gesunde Küche erzählen. Und jetzt muss ich los, meinen Vermieter fragen, ob ich in der 5. Etage Hühner auf dem Balkon halten darf....
2.
franko_potente 04.03.2013
Zitat von sysopWas können Eltern tun, damit ihre Kinder nicht zu viel Fastfood essen? Starköchin Sarah Wiener will dem Nachwuchs wieder zeigen, woher unsere Lebensmittel kommen - und wie man sie selbst zubereitet. Im Interview erzählt sie, wie Gesundes zum Leckerbissen wird. Sarah Wiener kämpft für gesundes Essen bei - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/sarah-wiener-kaempft-fuer-gesundes-essen-bei-a-886463.html)
Zuckersteuer...mhh, dann wird sich wohl kaum mehr einer ein Kilo Äpfel leisten können, am unteren Ende der Einkommensspirale, oder geht es nur im Industriezucker der zugefügt wird?
3. Hier irrt Frau Wiener
noalk 04.03.2013
"Es kann doch nicht angehen, dass weite Teile der Bevölkerung zucker- oder süßstoffhaltiges, gefärbtes und aromatisiertes Wasser trinken ..., nur weil es billiger ist als gesunde Alternativen." Stimmt nicht! Die gesunde Alternative, nämlich ganz normales Leitungswasser, kostet nur einen Bruchteil und schmeckt allemal besser als diese Chemiecocktails. Und jetzt komme keiner mit dem Argument, Leitungswasser sei "mit schädlichen Stoffen belastet". Leitungswasser ist und bleibt das am besten kontrollierte und rückstandsärmste Lebensmittel.
4.
mongolord 04.03.2013
Zitat von Lankoronsehen, wie die uns so gesund vorkochenden Fernsehköche zusammen mit Politikern aller Coleur ins Big-Brother-haus gesperrt wird, um dort mit dem Hartz IV- Satz mal einen ganzen Monat (oder länger) auszukommen. So, wie derzeit 30% der bevölkerung das tun müssen... Dann und nur dann darf mir eine Frau Wiener, die wahrscheinlich täglich mehr Essen wegschmeisst als andere pro Woche zu sich nehmen, was über gesunde Küche erzählen. Und jetzt muss ich los, meinen Vermieter fragen, ob ich in der 5. Etage Hühner auf dem Balkon halten darf....
Na sicher 30% der Deutschen am Hatz4 Satz, lesen Sie weniger Linke Propaganda. Und selbst als Hartz4 Bezieher ist es möglich selbst zu kochen und Gemüse ist jetzt auch net so teuer. Ich glaube es liegt da eher am Willen und am Wissen, statt an den Finanzen. Und die die sich immer auf das mangelnde Geld beziehen, komischerweise ist dort für massigen Konsum an Tabakware immer Geld da, nur nie für die Ernährung. Leid tut mir das nur für die Kinder, die können ja nichts für ihre Herkunft und die mangelnde Bildung ihrer Eltern. Sowas wie gemeinsames Kochen in der Schule und flächendeckende Kantinen an den Schulen sollte eigentlich Pflicht sein.
5. Ja, aber
badner18 04.03.2013
Frau Wiener hat mit vielem sicherlich Recht, aber ihren "Missionseifer" mag ich überhaupt nicht. Ich komm vom Land und werde nie verstehen, wieso sich Leute aromatisiertes Wasser oder Mikrowellenessen reinhauen, aber das ist nicht mein Problem. Es soll jeder machen dürfen, was er mag und Frau Wiener tut ja, als könnte man in einem Supermarkt nur noch Schrott kaufen und müsste unbedingt zum Bioladen.
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  • DPA
    Sarah Wiener ist eine der bekanntesten Köchinnen Deutschlands. Sie engagiert sich unter anderem als "Köchin für nachhaltigen Genuss" und für ein ethisch-ökologisches Ernährungsbewusstsein in der Gesellschaft. Gemeinsam mit Alfred Biolek und anderen gründete sie die Sarah Wiener Stiftung "Für gesunde Kinder und was Vernünftiges zu Essen".

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