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20. September 2012, 19:19 Uhr

Schädliche Aromastoffe

Mann mit Popcorn-Lunge gewinnt Millionenklage

Ein Popcorn-Junkie aus den USA erhält mehr als sieben Millionen Dollar Schadensersatz. Der 58-Jährige hatte einen Hersteller von Mikrowellen-Popcorn verklagt, weil keine Warnhinweise auf den Tüten waren. Das künstliche Butteraroma soll die Lunge des Mannes beschädigt haben.

Wayne Watson war vernarrt in Popcorn. Am liebsten aus der Mikrowelle. Tüte rein, und nur wenige Minuten später stieg ihm das wohlriechende Butteraroma in die Nase. Watson war süchtig danach. Mehrmals am Tag genoss er seine Popcorntüte, Popcornfreie Tage gab es so gut wie nie. Er selbst nannte sich scherzhaft Mr. Popcorn. Jahrelang ging das so, bis er eines Tages krank und dazu gezwungen wurde, seine Vorliebe für den Snack abzustellen.

Ein gewisser Verlust für ihn, dafür aber ist Watson jetzt um etwas mehr als sieben Millionen Dollar reicher.

Der 58-jährige Mann aus Colorado hat vor einem US-Gericht eine Klage gegen einen Popcorn-Hersteller gewonnen. Dieser habe es versäumt, so das Urteil, seine Packungen mit Warnhinweisen zu versehen - sie hätten Watson davor bewahren sollen, die Dämpfe mit Butteraroma zu inhalieren.

Damit folgte das Gericht der Vermutung, dass das ständige Einatmen der Butterdämpfe über Jahre hinweg bei Watson eine Lungenerkrankung ausgelöst hat, eine sogenannte Bronchiolitis obliterans. Dabei handelt es sich um eine sehr seltene Entzündung der Bronchien, die zu schweren Atemproblemen, im schlimmsten Fall sogar zu Atemstillstand führen kann.

Die Butterchemikalie Diacetyl

Die Anwälte des Popcorn-Herstellers argumentierten zwar, Watsons Erkrankung könne auch durch seine Arbeit, bei der er jahrelang mit Teppichreinigungsmitteln hantierte, hervorgerufen worden sein. Dennoch gaben die Richter dem Kläger recht und verurteilten sowohl den Popcorn-Hersteller als auch eine Supermarktkette zu Schadensersatzzahlungen.

Bei ihrem Urteil beriefen sich die Richter auf ein Gutachten der Lungenspezialistin Cecile Rose vom National Jewish Medical and Research Center in Denver. Sie und andere Experten vermuten, dass Diacetyl, eine chemische Substanz, für die seltene Lungenerkrankung verantwortlich sein könnte. Einen eindeutigen Beleg gibt es aber dafür bisher nicht.

Diacetyl besitzt einen typischen Buttergeschmack und wird insbesondere für die Herstellung von Mikrowellen-Popcorn verwendet. Der US-Gesundheitsbehörde CDC (Centers for Disease Control) zufolge waren bereits im Jahr 2000 zehn Fälle von Bronchiolitis obliterans bekannt geworden. Alle Betroffenen hatten in einer Fabrik für Mikrowellen-Popcorn gearbeitet.

Nachdem verschiedene Studien die Hinweise darauf verdichtet hatten, dass Diacetyl der Auslöser sein könnte, kam es im Laufe der Jahre in den USA zu mehreren Klagen gegen Hersteller von künstlichem Butteraroma. Mit Erfolg: Mehr als hundert Millionen Dollar mussten die Produzenten den Arbeitern zahlen.

Butteraroma: Auch in Europa Bestandteil vieler Fertiggerichte

2007 wurde der "Popcorn Workers Lung Disease Prevention Act" verabschiedet. Diese Verordnung verpflichtete die US-Arbeitsschutzbehörde dazu, verbindliche Standards für den Umgang mit Diacetyl festzulegen. Zudem gab die amerikanische Flavor and Extract Manufacturers Association bekannt, dass ihre Mitglieder die Diacetylmenge in Butteraroma so weit wie möglich reduzieren sollen. Dennoch bleibt Diacetyl seitens der US-Gesundheitsbehörde FDA eine zugelassene Chemikalie.

Auch in Europa ist die Zulassung als Lebensmittelzusatzstoff bisher unangetastet. Hierzulande findet man künstliches Diacetyl in vielen Lebensmitteln, die nach Butter schmecken sollen. Klassisches Beispiel ist die Sauce Hollandaise aus der Tüte. Snacks, Backwaren, Fertiggerichte, Backmischungen und bestimmte Öle oder Margarine können aber auch Diacetyl enthalten. In der Zutatenliste muss es als Aroma oder Butteraroma deklariert sein.

Zwar hatten die Debatten um das Diacetyl vor einiger Zeit zu einer Neubewertung mehrerer Aromastoffe seitens der EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) geführt. Diese aber kam zu dem Schluss, dass eine Gefährdung der Verbraucher durch Diacetyl in Nahrungsmitteln nicht bestehe.

cib

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