Schilddrüse: Wann muss man eine Hormonstörung behandeln?

Von Gerlinde Gukelberger-Felix

Herzrasen, Gewichtsverlust, ständige Unruhe: Eine Überfunktion der Schilddrüse bringt den Körper aus dem Gleichgewicht. Fachleute streiten jetzt darüber, ab wann die Hormonstörung behandelt werden muss. Ärzte wollen zwar die Beschwerden lindern - aber Nebenwirkungen vermeiden.

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Schilddrüsenuntersuchung: Laborwerte und Röntgenkontrolle bringen Sicherheit

Das Herz rast oder stolpert, die Betroffenen werden nervös oder gar aggressiv. Sie nehmen ab, obwohl sie ständig essen, ihnen fallen Haare aus, sie schlafen schlecht und schwitzen ständig. Das alles können Hinweise auf eine Schilddrüsenüberfunktion sein. Rund zwei Prozent der Bevölkerung leiden an der im Fachjargon Hyperthyreose genannten Krankheit, die das Risiko für Herzrhythmusstörungen und Schlaganfälle erhöht.

Von der Schilddrüse hängt ab, wie schnell das Herz schlägt, in welcher Geschwindigkeit der Körper Nahrung verarbeitet und in Energie umsetzt. Die Drüse im Hals produziert lebenswichtige Hormone, die den Stoffwechsel steuern. Produziert sie übermäßig viel, kommt der Mensch nicht mehr zur Ruhe.

Eine dänische Studie mit fast 600.000 Patienten bestätigt jetzt, dass die Überfunktion das Herz gefährdet. Die Forscher um Christian Selmer von der Universitätsklinik Gentofte in Dänemark berichten im "British Medical Journal", dass bei Patienten mit einer Überfunktion das Risiko für Vorhofflimmern um etwa 60 Prozent erhöht ist. Bereits 2010 hatte eine große asiatische Studie ergeben, dass das Schlaganfallrisiko bei jungen Menschen mit Schilddrüsenüberfunktion um 44 Prozent erhöht ist.

Steigendes Risiko bereits bei Normalwerten

Durch das Vorhofflimmern drohen Blutgerinnsel im linken Vorhof des Herzens. Gelangen sie über die Blutgefäße ins Gehirn, können sie einen Schlaganfall auslösen. "Die Hauptbotschaft der dänischen Studie ist aber, dass bereits eine Frühform der Überfunktion, die sogenannte latente Schilddrüsenüberfunktion, das Risiko für eine Herzrhythmusstörung erhöhen kann. Die Ergebnisse dieser Studie decken sich mit dem, was wir schon lange aufgrund der Praxis vermutet haben", sagt der Hormonspezialist Markus Luster vom Universitätsklinikum Ulm.

Es gibt im Körper noch eine Kontrollinstanz über der Schilddrüse, die Hirnanhangsdrüse. Durch das die Schilddrüse stimulierende Hormon TSH signalisiert sie den Bedarf an den Schilddrüsenhormonen Trijodthyronin und Thyroxin. Verliert die Hirnanhangsdrüse die Kontrolle über die Schilddrüse, kommt es zunächst zur latenten Überfunktion. Dabei sind die Werte der Schilddrüsenhormone noch normal, das Steuerhormon TSH rutscht aber bereits unter den Normwert ab. Die dänischen Wissenschaftler fanden nun heraus, dass bereits bei als noch normal angesehenen Werten des Steuerhormons TSH Herzprobleme auftreten können.

"Wurde früher nur eine ausgewachsene Schilddrüsenüberfunktion behandelt, so werden, seit entsprechende Studienergebnisse vorliegen, auch Patienten mit einer latenten Überfunktion therapiert", sagt der Schilddrüsenexperte Roland Bares von der Universitätsklinik Tübingen. Allerdings können die Medikamente Nebenwirkungen wie Fieber, Gelenkschmerzen, Übelkeit und Magen-Darm-Beschwerden hervorrufen. Sie schädigen mitunter die Leber oder beeinflussen die Bildung weißer Blutzellen.

Den Patienten behandeln, nicht den Laborwert

Die Frage, ab welchem TSH-Wert Patienten behandelt werden sollten, spaltet die Ärzteschaft deshalb. "Für die Entscheidung, ob bereits im Graubereich behandelt wird, sollte das Gesamtbild eines Menschen und nicht nur sein TSH-Wert betrachtet werden", sagt Markus Luster.

Allerdings ist der TSH-Wert eine unsichere Größe, weil viele Einflussfaktoren auf ihn wirken. "Weitere Untersuchungen wie zum Beispiel Ultraschall oder eine Szintigrafie sollten deshalb vorab sicherstellen, dass wirklich die Schilddrüse selbst ein Problem hat", rät Roland Bares. Bei der Szintigrafie werden radioaktiv markierte Stoffe in die Schilddrüse gebracht. Eine Kamera misst anschließend die Strahlung und macht so besonders aktive Bereiche sichtbar. "Äußere Einflüsse, die den TSH-Wert verringern, können Erkrankungen der Hirnanhangsdrüse, Jodbelastungen, längeres Fasten und möglicherweise auch Kortison sein", so Bares. Auch die Einnahme von Schilddrüsenhormonen senkt den TSH-Wert.

Nicht nur eine Überfunktion, auch die verminderte Hormonproduktion setzt dem Körper zu. Diese als Hypothyreose bezeichnete Störung trifft dieselben Organe: Das Gewicht steigt aus unerfindlichen Gründen, die Stimmung ist im Keller bis hin zur Depression. Müde und antriebslos quälen Betroffene sich durch den Tag. Und auch hier gilt, dass bereits die latente Unterfunktion den Organismus beeinträchtigt. Studienergebnisse deuten an, dass eine latente Unterfunktion die weibliche Fruchtbarkeit beeinträchtigen kann. Eine aktuelle Analyse hat nun ergeben, dass bei Frauen mit latenter Unterfunktion die Geburtenrate nach einer künstlichen Befruchtung signifikant höher ist, wenn sie mit Schilddrüsenhormonen behandelt werden.

Lesen Sie hier mehr über Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten der Schilddrüsenüberfunktion.

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1. danke sarvamangalam !
jesse01 06.03.2013
sehr interessanter link. danke sehr dafür. auch ich bin der meinung, dass die alternative medizin mindestens genaus so gut ist !
2. Schildrüsentherapie braucht viel Geduld
lscpilot 06.03.2013
Es sollte jedem Schilddrüsenkranken, gleich ob mit Unter- oder Überfunktion, klar sein, dass die jeweilige Therapie viel Zeit braucht und auch bei Bedarf nur in kleinen Schritten verändert werden sollte, um das angestrebte Therapieziel zu erreichen. Es scheint manchmal so als habe der Körper den Wunsch den kranken Zustand beizubehalten, und sich mit Symptomen unterschiedlichster Art gegen eine Behandlung zu wehren. Vielleicht liegt es an dieser Reaktion, dass in Patientenforen so viele unwissenschaftliche persönliche Erfahrungen und Meinungen als Erkenntnisse verbreitet werden. Auch über das Internet verbreitete Meinungen stammen zu oft aus dem Bereich der Beliebigkeit.
3. L-Thyroxin
echobravo 06.03.2013
Zum Behandeln des TSH Wertes: Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass man erst merkt dass der Wert nicht stimmt wenn man aus der ( bei mir Unterfunktion) rausgeholt wird! So long mfg
4.
7eggert 06.03.2013
Gut ist, was heilt. Bei dem Einen hilft Hildegard von Bingen, beim Anderen der Onkel Doktor mit der Schilddrüsenpille. Auf jeden Fall kann eine Schilddrüsenunterfunktion gut mit Medikamenten ausgeglichen werden. Ich wußte nicht, daß es einem Menschen so gut gehen kann, nachdem ich jetzt endlich nach vielen Jahren einen Arzt getroffen habe, der beim Bluttest das Kreuz für Schilddrüse gemacht hat oder vielleicht das Labor den Test auch tatsächlich gemacht hat, statt ihn nur zu berechnen und sich Werte auszudenken. So eine Unterfunktion kann sich geistig so auswirken, als ob man mit allen Knochen gebrochen im Krankenhaus liegt, außer daß man keine Aussicht darauf hat, daß es einem irgendwann besser geht. Und wenn es einem gerade gut genug geht, um zum Arzt zu gehen, guckt der Arzt auf die Meßwerte, gratuliert einem zur Gesundheit und wundert sich, daß man nicht wie ein junger Gott herumspringt.
5. Es gibt auch Alternativen???
innkeeper3 06.03.2013
Es gibt eben keine Alternativen. Weder eine Über- noch eine Unterfunktion, die übrigens extrem selten auftritt, kann man mit Firlefanz behandeln. Scharlatanen, die behaupten daß das möglich wäre, sollte man das Handwerk legen.
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  • Mittwoch, 06.03.2013 – 09:04 Uhr
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Zur Autorin
  • Gerlinde Gukelberger-Felix hatte bereits während ihres Physikstudiums in Karlsruhe und den USA mit Biologie und Medizin zu tun. Sie arbeitet als freie Wissenschafts- und Medizinjournalistin.

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