Schilddrüse: Wann muss man eine Hormonstörung behandeln?
Herzrasen, Gewichtsverlust, ständige Unruhe: Eine Überfunktion der Schilddrüse bringt den Körper aus dem Gleichgewicht. Fachleute streiten jetzt darüber, ab wann die Hormonstörung behandelt werden muss. Ärzte wollen zwar die Beschwerden lindern - aber Nebenwirkungen vermeiden.
Das Herz rast oder stolpert, die Betroffenen werden nervös oder gar aggressiv. Sie nehmen ab, obwohl sie ständig essen, ihnen fallen Haare aus, sie schlafen schlecht und schwitzen ständig. Das alles können Hinweise auf eine Schilddrüsenüberfunktion sein. Rund zwei Prozent der Bevölkerung leiden an der im Fachjargon Hyperthyreose genannten Krankheit, die das Risiko für Herzrhythmusstörungen und Schlaganfälle erhöht.
Von der Schilddrüse hängt ab, wie schnell das Herz schlägt, in welcher Geschwindigkeit der Körper Nahrung verarbeitet und in Energie umsetzt. Die Drüse im Hals produziert lebenswichtige Hormone, die den Stoffwechsel steuern. Produziert sie übermäßig viel, kommt der Mensch nicht mehr zur Ruhe.
Eine dänische Studie mit fast 600.000 Patienten bestätigt jetzt, dass die Überfunktion das Herz gefährdet. Die Forscher um Christian Selmer von der Universitätsklinik Gentofte in Dänemark berichten im "British Medical Journal", dass bei Patienten mit einer Überfunktion das Risiko für Vorhofflimmern um etwa 60 Prozent erhöht ist. Bereits 2010 hatte eine große asiatische Studie ergeben, dass das Schlaganfallrisiko bei jungen Menschen mit Schilddrüsenüberfunktion um 44 Prozent erhöht ist.
Steigendes Risiko bereits bei Normalwerten
Durch das Vorhofflimmern drohen Blutgerinnsel im linken Vorhof des Herzens. Gelangen sie über die Blutgefäße ins Gehirn, können sie einen Schlaganfall auslösen. "Die Hauptbotschaft der dänischen Studie ist aber, dass bereits eine Frühform der Überfunktion, die sogenannte latente Schilddrüsenüberfunktion, das Risiko für eine Herzrhythmusstörung erhöhen kann. Die Ergebnisse dieser Studie decken sich mit dem, was wir schon lange aufgrund der Praxis vermutet haben", sagt der Hormonspezialist Markus Luster vom Universitätsklinikum Ulm.
Es gibt im Körper noch eine Kontrollinstanz über der Schilddrüse, die Hirnanhangsdrüse. Durch das die Schilddrüse stimulierende Hormon TSH signalisiert sie den Bedarf an den Schilddrüsenhormonen Trijodthyronin und Thyroxin. Verliert die Hirnanhangsdrüse die Kontrolle über die Schilddrüse, kommt es zunächst zur latenten Überfunktion. Dabei sind die Werte der Schilddrüsenhormone noch normal, das Steuerhormon TSH rutscht aber bereits unter den Normwert ab. Die dänischen Wissenschaftler fanden nun heraus, dass bereits bei als noch normal angesehenen Werten des Steuerhormons TSH Herzprobleme auftreten können.
"Wurde früher nur eine ausgewachsene Schilddrüsenüberfunktion behandelt, so werden, seit entsprechende Studienergebnisse vorliegen, auch Patienten mit einer latenten Überfunktion therapiert", sagt der Schilddrüsenexperte Roland Bares von der Universitätsklinik Tübingen. Allerdings können die Medikamente Nebenwirkungen wie Fieber, Gelenkschmerzen, Übelkeit und Magen-Darm-Beschwerden hervorrufen. Sie schädigen mitunter die Leber oder beeinflussen die Bildung weißer Blutzellen.
Den Patienten behandeln, nicht den Laborwert
Die Frage, ab welchem TSH-Wert Patienten behandelt werden sollten, spaltet die Ärzteschaft deshalb. "Für die Entscheidung, ob bereits im Graubereich behandelt wird, sollte das Gesamtbild eines Menschen und nicht nur sein TSH-Wert betrachtet werden", sagt Markus Luster.
Allerdings ist der TSH-Wert eine unsichere Größe, weil viele Einflussfaktoren auf ihn wirken. "Weitere Untersuchungen wie zum Beispiel Ultraschall oder eine Szintigrafie sollten deshalb vorab sicherstellen, dass wirklich die Schilddrüse selbst ein Problem hat", rät Roland Bares. Bei der Szintigrafie werden radioaktiv markierte Stoffe in die Schilddrüse gebracht. Eine Kamera misst anschließend die Strahlung und macht so besonders aktive Bereiche sichtbar. "Äußere Einflüsse, die den TSH-Wert verringern, können Erkrankungen der Hirnanhangsdrüse, Jodbelastungen, längeres Fasten und möglicherweise auch Kortison sein", so Bares. Auch die Einnahme von Schilddrüsenhormonen senkt den TSH-Wert.
Nicht nur eine Überfunktion, auch die verminderte Hormonproduktion setzt dem Körper zu. Diese als Hypothyreose bezeichnete Störung trifft dieselben Organe: Das Gewicht steigt aus unerfindlichen Gründen, die Stimmung ist im Keller bis hin zur Depression. Müde und antriebslos quälen Betroffene sich durch den Tag. Und auch hier gilt, dass bereits die latente Unterfunktion den Organismus beeinträchtigt. Studienergebnisse deuten an, dass eine latente Unterfunktion die weibliche Fruchtbarkeit beeinträchtigen kann. Eine aktuelle Analyse hat nun ergeben, dass bei Frauen mit latenter Unterfunktion die Geburtenrate nach einer künstlichen Befruchtung signifikant höher ist, wenn sie mit Schilddrüsenhormonen behandelt werden.
Lesen Sie hier mehr über Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten der Schilddrüsenüberfunktion.
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- Mittwoch, 06.03.2013 – 09:04 Uhr
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- Gerlinde Gukelberger-Felix hatte bereits während ihres Physikstudiums in Karlsruhe und den USA mit Biologie und Medizin zu tun. Sie arbeitet als freie Wissenschafts- und Medizinjournalistin.

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