Sportliche Schneekunst "Ein Irrer, der durch den Schnee rennt"

Simon Beck ist Schneekünstler. Begonnen hat seine Leidenschaft mit Wanderungen, jetzt zaubert er mit seinen Fußabdrücken spektakuläre Muster in frischen Schnee. Im Interview mit achim-achilles.de spricht der Brite über den Wettlauf gegen Pistenraupen und seine Vorliebe für mathematische Formen.

Simon Beck

ZUR PERSON
Simon Beck, Jahrgang 1958, ist Schneekünstler. Weil er den Winter liebt, zog der Brite ins französische Skigebiet Les Arcs. Dort zaubert er riesige Bilder in frischgefallenen Schnee - nur mit Fußschritten. Die Fotografien verkauft er. Davor verdiente er sein Geld mit der Anfertigung von Navigationskarten.

SPIEGEL ONLINE: Herr Beck, Sie stapfen stundenlang durch Schnee und kreieren dabei Schneebilder. Ist das eigentlich Sport oder schon Kunst?

Beck: Es ist beides. Angefangen hat es als sportliche Übung, weil ich mich bewegen wollte. Dann sah ich Bilder meiner Fußspuren im Schnee und dachte: Das ist irre. Ich muss davon unbedingt mehr machen. Jetzt ist es auch Kunst, und es wäre schön, ein paar Bilder von meiner Schneekunst zu verkaufen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Beck: Angefangen hat alles, als ich nach einem Skitag einen zugefrorenen See gesehen habe. Er war noch ganz unberührt, und frischer Schnee lag darauf. Ich dachte, da muss ich jetzt hin und etwas reinmalen. So habe ich mein erstes Schneebild, einen fünfzackigen Stern, kreiert.

SPIEGEL ONLINE: Es muss lustig aussehen, wie Sie stundenlang durch Schnee stapfen. Wie reagieren die Leute?

Beck: Klar, da gibt es Skifahrer, die fragen: "Was macht der denn da?" Aber wenn man eine Stunde lang unterwegs war, nimmt das Bild schon erste Formen an. Dann denkt man nicht mehr: Das ist ein Irrer, der durch den Schnee rennt. Außerdem bin ich im französischen Skigebiet Les Arcs mittlerweile bekannt.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange dauert es, bis Sie ein Bild fertig haben?

Beck: Für ein Bild, das so groß wie ein Fußballfeld ist, brauche ich drei Stunden. Die meisten sind aber dreimal so groß. Das dauert dann schon einen ganzen Tag.

SPIEGEL ONLINE: Das ist riesig. Woher wissen Sie, wohin Sie zu gehen haben?

Beck: Zuerst überlege ich mir, welches Muster ich laufen möchte. Ich mag mathematische Formen, wie die Koch-Kurve oder das Sierpinski-Dreieck sehr gern. Das male ich auf ein Blatt Papier. Dann gehe ich los, mit Kompass, Karte und Maßband. Wichtig ist, alles vorher gut zu planen.

SPIEGEL ONLINE: Verwenden Sie Hilfsmittel, um die Bilder zu erstellen?

Beck: Nein, ich laufe nur in meinen Schneeschuhen und habe Stöcke dabei. Am Anfang muss ich das Feld grob abstecken. Die Wege laufe ich dann ab und jogge häufig mehrere Stunden lang. Anschließend arbeite ich mich vom Zentrum nach außen vor.

SPIEGEL ONLINE: Was machen Sie, wenn ein Bild fertig ist?

Beck: Dann versuche ich, so schnell wie möglich ein Foto davon zu machen. Ein Hubschrauber wäre toll, den habe ich aber nicht. Also fahre ich meistens mit dem Skilift nach oben oder stelle mich an den Hang und fotografiere nach unten. Manchmal bin ich zu langsam, dann ist ein Teil schon wieder zerstört.

SPIEGEL ONLINE: Zerstört?

Beck: Ja, es ist ein Rennen gegen Pistenraupen, die den Hang glattpflügen und vor allem gegen das Wetter. Ein Viertel der Bilder bekomme ich nicht fertig, weil beispielsweise ein Schneesturm aufkommt. Oft arbeite ich bis spätabends, damit ich das Bild noch vor der Nacht fertig bekomme.

SPIEGEL ONLINE: So viel Einsatz, und dann ist das Schneebild binnen kürzester Zeit verschwunden. Ist das nicht frustrierend?

Beck: Nein, überhaupt nicht. Sobald ich Fotos davon habe, ist mir egal, was danach passiert.

SPIEGEL ONLINE: Kommen Sie Skifahrern in die Quere?

Beck: Ich bin meistens in großen, flachen Gegenden unterwegs. Für Skifahrer ist das eher ungünstig, die wollen steile Hänge. Insofern gibt es da kein Problem. Schwieriger ist es mit den Gleitschirmfliegern. Die möchten gerne da landen, wo ich arbeite.

SPIEGEL ONLINE: Ist Ihnen im Sommer langweilig?

Beck: Nein, überhaupt nicht. Dann fliege ich eben nach Argentinien und mache dort Schneebilder (lacht). Es ist ja so: Der Sommer ist in den Alpen sowieso ziemlich kurz. Man kann eigentlich immer Schnee finden. Man muss nur hoch genug sein.

Lesetipp: Laufen und Trainieren - die besten Lauftrainings der Welt von Achim Achilles und Frank Joung

Das Interview führte Julia Schweinberger

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insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
Ralf 111 19.12.2013
1. Gps?
Jemand könnte ihm doch eine App für seine Kunst basteln. Dann spart er Zeit für die ganze Ausmesserei. Der künstlerische Wert würde allerdings darunter leiden. Finde ich aber auf jeden Fall ein sympathischeres Hobby als in der Muffbude Playstation zocken :-)
hanoh 19.12.2013
2. Schneekunst und Kornfeldkunst .....
Bedeutet dies, dass eine solche Kunst auch in einem Sommer fort gesetzt wird, nur dann auf Kornfelderflächen was von diesem Künstler ausgeht? Dies hätte dann nichts mit üb/außerrirdischen Dimensionen etwas zu tun ;-)
antiextremist 19.12.2013
3. Unglaublich - Respekt
Diese mathematischen, komplexen Figuren so exakt nur mit Kompass, Karte und Maßband zu navigieren ist unglaublich. Und es passt toll in den Schnee als Kontrast zu Natur und weil es teilw. eine Schnneflocke ähnelt. Ich werde mir wohl ein Bild besorgen.
Machmal Hin 19.12.2013
4. Es war ein Alien, ich habe es genau gesehen :)
Respekt, sowas in der Größe so schön hinzukriegen ! Mit dieser Kunst sollten weitere Alien-Gläubige wieder auf den Boden der Tatsachen zurückkehren können. Ach ne.. es ist ja eine Konspiration, war ja garnicht er :)
antirechthaber 19.12.2013
5. nicht ganz das gleiche
Zitat von hanohBedeutet dies, dass eine solche Kunst auch in einem Sommer fort gesetzt wird, nur dann auf Kornfelderflächen was von diesem Künstler ausgeht? Dies hätte dann nichts mit üb/außerrirdischen Dimensionen etwas zu tun ;-)
Das große Rätsel ist es eben, das sowas im Schnee kinderleicht funktioniert, im Kornfeld mit dieser Päzision auf keinen Fall. Da müssten die Ähren absolut gleichmäßig abgeknickt, umgelegt und in einem bestimmten Muster verflochten werden (viele wissenschaftliche Auswertungen haben das gezeigt) - mehr Arbeit, mitten in der Nacht und nicht zu schaffen. Was es damit auf sich hat? Keine Ahnung. Ist aber schon noch was anderes und erstaunlich. (Es gibt auch ähnliche Rätsel, zb. die der "wandernden Steine")
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