Wir machen uns mal frei: Die heimlichen Nutella-Nächte

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Corbis

Verlockend: Viele können Schokolade auch mit äußerster Willenskraft nicht widerstehen

Schokolade macht viele willenlos, so auch Kolumnist Jens Lubbadeh. Besonders wild trieb er es während der Studentenzeit. In der Nacht, geschützt vor den Blicken seiner Mitbewohner, schlich er sich in die Küche und frönte der braunen Masse. Auf ganz besondere Art und Weise.

An meine Studienzeit erinnere ich mich gerne zurück: Tübingens Stocherkähne, sommerabendheiße Biergärten am Neckar, Mountainbiking an den Ausläufern der Alb. Das Studium war fordernd und Tübingen sehr bergig. Jeden Morgen musste ich auf dem Fahrrad den Schnarrenberg hoch zu den Naturwissenschaften. Es war eine allmorgendliche Tortur, aber das Gute daran war, dass man jede Menge Kalorien verfeuerte. Die holte ich mir nachts wieder. Und wie ich sie mir holte.

Es war eine Zeit der Exzesse. Natürlich waren da die Studentenpartys, der Rock'n'Roll, der Jack Daniels, die Frauen. Aber das wurde irgendwann langweilig. Ich suchte den Exzess der anderen Art. Wenn ich abends über den dicken Tierphysiologie- und Neurobiologiewälzern saß, wartete ich, bis es still wurde in meiner WG und die Nacht sich über das ahnungslose Tübingen gelegt hatte. Ich wollte niemandem Rechenschaft ablegen müssen für das, was ich nun tun würde.

Leise ging ich in die dunkle Küche, öffnete die Speisekammer und griff mit der Hand tief hinein ins Regal. Ich schob das Obst-Amaranth-Müsli aus dem Weltladen und die Marmeladen- und Honiggläser beiseite. Zufrieden lächelte ich. Ja, es war noch da, das 750-Gramm-Nutella-Glas. Sie müssen wissen, dass Nutella in WGs eine extrem kurze Halbwertszeit hat. Darum muss man das braune Gold gut verstecken.

Leise ertönte das wohlbekannte Klacken

Ich drehte den Deckel vorsichtig nach rechts, leise ertönte das wohlbekannte Klacken, das Klacken eines frischen Nutella-Glases. Ich drehte langsam weiter und zog den Deckel ab. Jetzt hörte ich das vertraute blecherne Rascheln der goldenen Aluminiumpapier-Versiegelung. Ich suchte ein scharfes Messer in der Schublade. Zum Glück hatten wir ein ganz scharfes Obstmesser. Mit ihm stach ich seitlings in das Blatt und schnitt es ganz aus. Ich nahm eine Nase aus dem geöffneten Glas. Köstlich, dieser Geruch. Für das, was ich damit vorhatte, musste das Aluminium aber ganz runter. Also raspelte ich noch die letzten Fetzen am Rand ab.

Ich schloss die Küchentür, denn nun kam der heikelste Part. Ich öffnete die Mikrowelle und stellte das 750-Gramm-Nutella-Glas hinein. Es hatte geradeso genug Platz in unserem Mini-Gerät. Ich schloss die Tür und startete die Mikrowelle auf höchster Stufe. Voller Erwartung beobachtete ich den Tanz des Glases durch die Tür. Es zuckte und blitzte doch zwei-, dreimal - offenbar hatte ich nicht alles Aluminium erwischt.

Jetzt galt es, genau aufzupassen: Die Nutella durfte nicht zu heiß werden, sonst würde sie anbrennen. Sie sollte warm und flüssig sein, dann war sie perfekt. Aus Erfahrung wusste ich ungefähr, wie lange ein großes Glas brauchte. Ärgerlich war nur die unregelmäßige Erhitzung. Manchmal war der Glasrand glühend heiß und die Nutella dort flüssig wie Milch, während die Mitte noch klumpig war. Wir hatten eben nur eine billige Mikrowelle. Ich stoppte sie, schnappte mir die Tüte mit den Haselnüssen und einen Esslöffel und flitzte in mein Zimmer. Ich würde es erst am nächsten Morgen wieder verlassen.

Es waren Abende voller Glück und voller Kalorien

Hat er wirklich...?, fragen Sie sich jetzt bestimmt. Ich kann Sie beruhigen: Nein, hat er nicht. Ein ganzes Glas habe ich nie auf einmal geschafft. Vielleicht hätte ich es gekonnt, doch das Großhirn setzte irgendwann doch wieder ein. Aber ein halbes Glas verputzte ich an einem solchen Abend öfter mal. Ich weiß, normal ist das nicht, und meistens verstöre ich die Leute, wenn ich ihnen davon erzähle. Aber wir reden hier von flüssiger, warmer Nutella mit frischen Haselnüssen drin (manchmal auch Erdnüssen), gelöffelt, nicht gestrichen. Es waren Abende voller Glück und voller Kilokalorien. 2500, um genau zu sein.

Wie Sie sich vielleicht denken können, war mein Verhältnis zu Schokolade - und natürlich zu allen Nutella-Klonen - schon immer verkorkst gewesen. Wenn ich ein Stück Schokolade im Mund habe, leuchtet vor meinem inneren Auge sofort das Wort "mehr" auf. Dann noch mal in Versalien: MEHR. Schließlich mit drei Ausrufezeichen: M-E-H-R-!-!-! Der Drang ist so übermächtig, dass ich ihn kaum zügeln kann. Die Folge: Bevor die Vernunft einsetzt, habe ich mir schon den nächsten Riegel reingestopft und den nächsten und den nächsten. Die Lösung: totaler Verzicht. Ich darf mir einfach keine Schokolade kaufen. Anders geht es nicht. Heroinabhängige und Alkoholiker müssen es genauso machen.

Im Jahr 2000 brachte Ferrero ein Millenniumsglas heraus. Zwei gottverdammte Kilo Nutella in einem einzigen Glas! Es war die Pamela Anderson der Nutella-Gläser, 10.000 Umdrehungen schwer. Es hielt bei mir gerade mal zwei Wochen. 2005 feierte Nutella 40. Geburtstag und veranstaltete das gleiche perverse Spiel noch einmal. Diesmal versuchte ich mich zu schützen: Ich fror das Riesenglas im Tiefkühlfach ein. Das setzte die Hemmschwelle etwas höher, zumindest was gelegentliches Naschen anging. An manchen Tagen aber überkam es mich, und ich stellte auch die steinhart gefrorene Nutella in die Mikrowelle. Als das Glas leer war, verkaufte ich meine Mikrowelle.

Die Wirkung von Schokolade

Mobilleser: Über diesen Link erfahren Sie mehr zur Wirkung von Schokolade.

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1. Geschmacksache
Paul Panda 04.10.2012
Zitat von sysopSchokolade macht viele willenlos, so auch Kolumnist Jens Lubbadeh. Besonders wild trieb er es während der Studentenzeit. In der Nacht, geschützt vor den Blicken seiner Mitbewohner, schlich er sich in die Küche und frönte der braunen Masse. Auf ganz besondere Art und Weise. Schokolade: Süchtig nach Nutella und Schokoriegeln - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/schokolade-suechtig-nach-nutella-und-schokoriegeln-a-859170.html)
Schokolade in jeder Form? Gerne, aber nicht auf dem Brot. Diese Geschmacksrichtung war für mich bereits als Kleinkind so unerträglich, dass ich die mir von meiner Mutter angebotenen, mit dünner Schokolade belegten Brotscheiben mit lautem Geschrei verweigerte (Nutella gabs damals noch nicht). Ganz allgemein finde ich Süßes auf Brot wie zum Beispiel auch Marmelade einfach ungenießbar und eklig - auch Brot mit Apfelscheiben. Nein: Diese Geschmackskombinationen sind eine Zumutung für meinen Gaumen. Auf Brot und Brötchen gehören solch herzhafte Sachen wie Käse, Wurst, Schinken, Tomaten oder hartgekochtes Ei in dünnen Scheiben - mit dünn geschnittenen Delikatessgürkchen, und als Aufstrich darfs statt Butter oder Margarine gerne auch der an eine amerikanische Stadt erinnernde Frischkäse sein. Das zeigt mal wieder, wie verschieden die Geschmäcker sind. Als Studenten haben wir uns Anfang der Siebziger übrigens um Mitternacht gerne Spiegeleier oder Spaghetti Bolognaise zubereit. Nutella wäre damals höchstens etwas für Weicheier gewesen.
2. schokolade
rst2010 04.10.2012
tja, dann kann ja nutella eigentlich nicht gemeint sein, das ist eine nuss-nougat-creme mit schokolade, der hauptbestandteil sind nüsse. eine fette süße klebrige schmierige creme. wem's schmeckt ... ich finde inzwischen schokolade mit einem kakaoanteil > 80% sehr köstlich;-)) man bekommt mehr teueren kakao fürs geld und weniger billigen zucker.
3. Diese seltsame Zeug...
sappelkopp 04.10.2012
Zitat von sysopSchokolade macht viele willenlos, so auch Kolumnist Jens Lubbadeh. Besonders wild trieb er es während der Studentenzeit. In der Nacht, geschützt vor den Blicken seiner Mitbewohner, schlich er sich in die Küche und frönte der braunen Masse. Auf ganz besondere Art und Weise. Schokolade: Süchtig nach Nutella und Schokoriegeln - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/schokolade-suechtig-nach-nutella-und-schokoriegeln-a-859170.html)
...bestehend aus Fett und Zucker, hat mit Schokolade soviel zu tun, wie ein Trabbi mit einem Rolls-Royce. Kaum etwas. Wie man sich das Zeug fast pfundweise reintun kann, kann ich mir nicht erklären. Vielleicht sollte der Autor es mal mit feinster Schokolade - nein, nicht Ritter Sport und auch nicht Milka - probieren. Das kostet zwar etwas mehr, das ist aber beim Rolls-Royce auch so.
4.
Le Commissaire 04.10.2012
Zitat von sysopSchokolade macht viele willenlos, so auch Kolumnist Jens Lubbadeh. Besonders wild trieb er es während der Studentenzeit. In der Nacht, geschützt vor den Blicken seiner Mitbewohner, schlich er sich in die Küche und frönte der braunen Masse.
Die Gleichsetzung von "Schokolade" und Nutella finde ich sehr irritierend. Nutella besteht vor allem aus Zucker und Pflanzenöl.
5.
Le Commissaire 04.10.2012
Zitat von rst2010tja, dann kann ja nutella eigentlich nicht gemeint sein, das ist eine nuss-nougat-creme mit schokolade, der hauptbestandteil sind nüsse.
Unsinn, Nüsse kommen bei Nutella erst an dritter Stelle, nach Zucker und Pflanzenölen. An vierter Stelle folgt dann eine Prise Kakao. "Nuss-Nougat-Creme" ist natürlich auch völliger Quatsch, es müsste schon "Gefetteter Zucker mit Nüssen" heißen.
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