Schwarzer Hautkrebs Maßgeschneiderte Medikamente wecken Hoffnung

Ein fortgeschrittener, schwarzer Hautkrebs galt lange Zeit als unbehandelbar. Jetzt machen neue Medikamente Hoffnung auf ein längeres Leben. Abhängig von den Krebsgenen erhalten Patienten mit malignem Melanom eine maßgeschneiderte Therapie.

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UV-Strahlung: Die Hautkrebszahlen sind in den letzten Jahrzehnten stetig angestiegen
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UV-Strahlung: Die Hautkrebszahlen sind in den letzten Jahrzehnten stetig angestiegen


Mal ganz ehrlich: Waren Sie bei den ersten wärmenden Sonnenstrahlen auch unvernünftig? Rock oder kurze Hose angezogen, ärmelloses Top oder T-Shirt übergestülpt und so schnell wie möglich vor die Tür. Sonnencreme? Vergessen. Dabei erhöht bereits die Frühlingssonne das Risiko deutlich, an schwarzem Hautkrebs, einem Melanom, zu erkranken. Doch selbst wer immer achtgibt, ist nicht ganz geschützt. Der Krebs kann auch ohne Sonneneinstrahlung auf den Schleimhäuten entstehen.

So erging es einer 69-jährigen Frau, die sich eigentlich nur ihre Hämorrhoiden entfernen lassen wollte. Das Gewebe wurde routinemäßig untersucht - mit erheblichen Folgen. "In ihrem After befand sich ein Melanom, 6,4 Millimeter dick, das bereits multiple Krebsabsiedelungen im Becken gebildet hatte", erzählt Boris Bastian, Dermatologe und Hautpathologe an der University of California in San Francisco.

Die Frau würde mit konventioneller Therapie vermutlich nur noch wenige Monate leben. "Noch bis vor kurzem galten fortgeschrittene Melanome als nicht therapierbar", sagt Bastian, einer der führenden Melanomforscher der Welt. "Aber wir wissen jetzt, dass in den Krebszellen bestimmte Signalwege gestört sind, wo wir gezielt mit neuen Medikamenten eingreifen können." Heute können Mediziner den Betroffenen Hoffnung geben, länger zu leben.

Therapie abhängig von der Genetik

Die Zahl bösartiger Hauttumoren ist in Deutschland in den letzten Jahren drastisch gestiegen. 2012 litten laut einer Hochrechnung der Barmer GEK 318.000 Menschen am schwarzen Hautkrebs - 60 Prozent mehr als noch 2005. Obwohl heute durch eine frühere Diagnose weniger Menschen an einem Melanom sterben, hat jeder fünfte Betroffene immer noch eine extrem schlechte Prognose. Bei ihnen hat der Krebs zum Zeitpunkt der Diagnose bereits an anderen Stellen im Körper Tumoren gebildet, sogenannte Metastasen. Für sie sind die neuen Medikamente.

ARTEN VON HAUTKREBS
Malignes Melanom
Mit dem Begriff Hautkrebs wird umgangssprachlich oft das maligne Melanom bezeichnet, die bekannteste und gefährlichste Hautkrebsform. Dieser "schwarze Hautkrebs" entwickelt sich in der Regel als bösartige Neubildung pigmentbildender Zellen der Haut. Dabei wirken sich offenbar Effekte des ultravioletten Lichts aus: Unter anderem unterdrückt UV-Strahlung die Immunabwehr - mit der Folge, dass Krebsherde ungestört heranwachsen können.

Als besonders gefährdet gelten Menschen mit vielen pigmentierten Muttermalen ( Nävi ), hellem Hauttyp und genetischer Vorbelastung. Auch sogenannte Altersflecken können auf ein erhöhtes Hautkrebsrisiko hinweisen. Bei Männern steigt das Erkrankungsrisiko mit zunehmendem Alter. Frauen bekommen Hautkrebs auch schon in jungen Jahren.
Früh erkannt, sind die Heilungschancen gut: Ist der Tumor nicht mehr als 1,5 Millimeter dick, überleben mehr als 90 Prozent der Patienten die nächsten zehn Jahre. Sind hingegen bereits Metastasen in Leber, Lunge, Gehirn oder Knochen aufgetreten, ist der Krebs meist nicht mehr heilbar. Jährlich sterben etwa 2500 Menschen am malignen Melanom.
Weißer Hautkrebs
Häufiger als maligne Melanome treten Hautkrebsarten auf, die sich nicht aus den pigmentbildenden Zellen der Haut entwickeln und oft unter den Begriffen weißer oder heller Hautkrebs zusammengefasst werden. Am häufigsten sind darunter das Basalzellkarzinom und das Plattenepithelkarzinom. Das UV-Licht der Sonne schädigt in den Hautzellen die Erbsubstanz DNA. Mutationen entstehen, die zu Krebs führen können. Das Risiko, an einem sogenannten nichtmelanozytären Hautkrebs zu erkranken, steigt mit der lebenslang erworbenen UV-Dosis und daher mit zunehmendem Alter. Diese Hautkrebserkrankungen bilden fast nie Metastasen (Tochtergeschwülste) und sind somit in der Regel heilbar.
Vor einigen Jahren entdeckten Forscher, dass in Melanomzellen bestimmte Signalwege durch Mutationen gestört sind. Dadurch teilen sich die Zellen unkontrolliert und der Tumor wächst. "Wir kennen inzwischen mehr als ein Dutzend Melanom-Mutationen, die unterschiedliche Signalwege stören", erklärt Boris Bastian. "Aufgrund der Art der Mutation können wir die Therapie maßgeschneidert anpassen." Am häufigsten ist bei den Patienten das BRAF-Gen verändert. Dann verschreiben die Ärzte die BRAF-Blocker Vemurafenib oder Dabrafenib, die die gestörten Signalwege gezielt unterbrechen.

"Dabrafenib ist in Deutschland augenblicklich teurer, aber wir können es zusammen mit einem anderen neuen Medikament - Trametinib - verabreichen", sagt sagt Dirk Schadendorf, Direktor der Klinik für Dermatologie an der Uni Essen. "Damit erhöhen wir die Überlebenschancen stärker, als wenn wir BRAF-Blocker allein gäben." Denn bei jedem dritten Patienten wirken BRAF-Blocker irgendwann nicht mehr. "Vermutlich schlägt der Signalweg in der Zelle einen Umweg ein", sagt Reinhard Dummer, Dermatologe und Melanomexperte an der Uniklinik in Zürich. Wie seine Kollegen in Essen und San Francisco ist er an dutzenden Studien beteiligt, um noch weitere zielgerichtete Medikamente zu entwickeln.

Weitere neue Therapien werden getestet

Ein anderer Ansatz der Krebstherapie ist, das körpereigene Immunsystem zu unterstützen. 2011 wurde hierfür der Antikörper Ipilimumab zugelassen. Er blockiert ein Molekül, das als "Bremse" für das Immunsystem gilt. Dadurch greift das Immunsystem die Krebszellen an. "Leider scheint langfristig nur ein Teil der Patienten davon zu profitieren", sagt Dummer. "Wir wissen aber noch nicht, welcher." Daneben werden zurzeit noch einige weitere Substanzen getestet, die an unterschiedlichen Stellen in die Signalwege des Krebses eingreifen. Erste Ergebnisse werden frühestens Ende dieses Jahres erwartet.

Die bisher zugelassenen Medikamente verlängern das Überleben im Schnitt um vier Monate. Dafür müssen die Patienten Nebenwirkungen in Kauf nehmen wie Entzündungen auf der Haut, eine extreme Sonnenempfindlichkeit der Haut oder Entzündungen von Darm und Leber. "Verglichen mit den Nebenwirkungen bei einer Chemotherapie sind das aber Peanuts", sagt Schadendorf. "Außerdem leben manche Patienten durch die neuen Medikamente inzwischen schon drei Jahre und länger."

Ein anderer Aspekt sind die Kosten: Allein die Therapie mit Vemurafenib kostet 60.000 Euro pro Jahr. "Fragt mich ein Gesundheitspolitiker, warum man für vier Monate Überleben so viel Geld ausgeben müsse, antworte ich: 'Warten Sie, bis Ihre Frau oder Tochter erkrankt!'", sagt Schadendorf. Ärgerlich ist er manchmal, wenn er so etwas hört. "Wir sind ja schon intensiv dabei, nach Markern zu forschen, mit denen wir sagen können, welche Patienten von den teuren Therapien langfristig profitieren. Aber wir müssen immer um Forschungsgelder kämpfen."

Das Melanom von Boris Bastians Patientin hatte eine Mutation im Gen KIT und sprach sehr gut auf das neue Medikament Imatinib an, das KIT blockiert. Sie lebte mehrere Jahre nach der Diagnose noch, ohne dass ihr Tumor wiederkam.

Mehr über den Nutzen der Medikamente erfahren Sie hier: Dabrafenib und Vemurafenib

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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
deepfritz 14.04.2014
1.
Vielleicht hilft beim Hautkrebs ja auch bald die neue Methode bei der das CD47 Enzym blockiert werden soll. Zu hoffen wäre es. In der Onkologie hat die Medizin leider noch nicht viel Fortschritt gemacht. Die Bankenmafia hat das Geld für die Forschung wohl nötiger...
nageleisen 14.04.2014
2. Die Ärztinen von Spiegel gehen mir auf den Geist
Zitat von sysopDPAEin fortgeschrittener, schwarzer Hautkrebs galt lange Zeit als unbehandelbar. Jetzt machen neue Medikamente Hoffnung auf ein längeres Leben. Abhängig von den Krebsgenen erhalten Patienten mit malignem Melanom eine maßgeschneiderte Therapie. http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/schwarzer-hautkrebs-neue-medikamente-verlaengern-das-leben-a-963214.html
Die Ärztinen von Spiegel gehen mir auf den Geist Der erkrankte stirbt elendig und dieses Spiegel-Pharma-Uboot nennt das eine Behandlung. 60000 für’n Arsch. Das einzige, was diese „Therapie“ verlängert ist, der Gewinn der Nimmersatten-Ärzte. Spiegel ist für mich als Zeitung unten durch. Wie wäre es, wenn man mal die Wahrheit so darstellen würde, wie sie ist. Genug für dieses Jahr. So eine Presse kann mir den Buckel runter rutschen.
Bowie 14.04.2014
3. Ach, nageleisen...
Wenn es sie selber erwischt, dann werden sie winseln, die neuen Medikamente zu bekommen. Auch wenn man es niemandem wünscht: erst der worst case scheint bei vielen die einzige Möglichkeit zu sein, sie von ihrer übersättigten, unreflektierten Wohlstandskritik ein wenig in Richtung realistische Einschätzungen zu lenken...
marina@spiegel 14.04.2014
4. Sonne im Hintern?
---Zitat--- "In ihrem After befand sich ein Melanom, 6,4 Millimeter dick, das bereits multiple Krebsabsiedelungen im Becken gebildet hatte" ---Zitatende--- Ich will das Thema nicht verharmlosen, aber gerade mit diesem Aufhänger beweisen zu wollen, dass bereits die Frühlingssonne das Risiko deutlich erhöht klingt ein bisschen albern. Gerade bei Melanomen gibt es nicht den klaren Zusammenhang zwischen UV-Belastung und Entstehung. Die können am ganzen Körper (also insbesondere auch da, wo nie die Sonne hinkommt) bei Alt und Jung auftreten. Während für den weißen Hautkrebs der Zusammenhang zwischen Sonne und Entstehung gilt, je öfter, je länger Sonne, desto wahrscheinlicher. Dehalb kommen die typischerweise auch erst im höheren Alter vor, im Gegensatz zu Melanomen.
HARK 14.04.2014
5. 60.000 Euro...
... sind sinnvoll eingesetzt. Denn in jedem Fall handelt es sich Grundlagenforschung. Die Mondlandung war jedenfalls teurer...
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