Vegetarier-Experiment: "Ich schenkte zwei Hühnern das Leben"

Er verpasste das Pferdefleisch aus dem Tiefkühlregal und verkniff sich die Leberwurst: Sieben Wochen lang ernährte sich Wunderläufer Achim Achilles fleischfrei - aus reiner Freude am Körperexperiment. Die 10-Punkte-Bilanz eines vegetarischen Praktikanten.

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Sieben Wochen Vegetarier: Zwei Hühner weniger auf dem Gewissen

1. Abschied:

Am Aschermittwoch habe ich aufgehört mit Wurst, Schinken, Schnitzel, Steak, Burgern und allen anderen Fleischprodukten , einfach so, ohne psychologische Betreuung, ohne Ratgeberbuch, aus reiner Freude am Körperexperiment und der Neugier, ob irgendetwas passieren würde, mit dem Körper, der Seele, meiner Laune oder der meiner Mitmenschen. Auch wenn mich Hardcore-Veggies auslachen - ich habe weiterhin Fisch und Milchprodukte konsumiert. Ein Leben ohne Quark, Käse und Forelle kann ich mir nicht vorstellen.

2. Probleme

Ganz ehrlich - es gab keine. Da ich in den vergangenen Jahren meinen Fleischkonsum ohne Absicht, aber spürbar gedrosselt hatte, gab es keinerlei Entzugserscheinungen, eher ein Gefühl von Befreiung. Ob Pferdelasagne, miese Tierhaltung oder Schweinekeime - diese Skandale lagen plötzlich nicht mehr auf meinem Teller, sondern in weiter Ferne. Keinerlei Heißhungerattacken auf Schinken oder Teewurst; und zur Not wartete ja immer noch eine Notdose Thunfisch im Schrank.

3. Verstöße

Exakt einer, aber eher Un- als Rückfall. Im Krankenhaus, noch im Narkosekoma nach Schlüsselbein-Begradigung, habe ich ebenso ausgehungert wie versonnen eine Scheibe Bierschinken auf Graubrot verdrückt. Als mir die Sünde auffiel, hätte nur sofortiges Erbrechen geholfen. Das ging mir dann aber doch zu weit. Meine Ambitionen als Supermodel halten sich in Grenzen.

4. Ethische Dimension

Ich bekenne mich zum Ignorantentum. Massentierhaltung ist zwar ekelhaft, reichte bei mir bislang aber nicht zum Empörungsverzicht. Keine Ahnung, ob ich ein besseres Karma habe, seit ich rechnerisch etwa zwei Hühnern das Leben schenkte. Es ist ein wenig wie mit der Atomkraft: Man hat gelernt, damit zu leben, wenn auch ohne große Begeisterung. Seit es plötzlich weg ist, fühlt man sich nicht grundsätzlich anders, aber eine Spur erleichterter.

5. Körperreaktionen

Wird die Haut ein wenig reiner? Die Verdauung noch geschmeidiger? Das Aufstehen federleicht? Mag sein, aber nur in homöopathischen Größenordnungen. Immerhin keinerlei Alltagskrankheiten wie Erkältungen trotz widrigen Wetters. Leider auch kein größerer Gewichtsverlust. Oder Tempogewinn beim Laufen. Vegetarisch leben bedeutete für mich weder Leistungszuwachs noch Leistungsabfall.

6. Finanzen

Wenn man nicht gerade handmassiertes und mozartbeschalltes Japan-Rind erwirbt, ist Fleisch ein überschaubarer Kostenposten. Gemüse aus dem Bioladen ist nicht billiger, Fisch erst recht nicht. Leider haben wir kein statistisch belastbares Haushaltsbuch geführt, deswegen nur die gefühlte Aussage: keine große Schwankungen im Nahrungsmittelbudget.

7. Die Kinder

Zum Glück haben sich die Jungs an die Körperexperimente ihres Ernährers gewöhnt und die damit einhergehenden Launenschwankungen. Sie grinsen und schaufeln sich die nächste Portion Bolognese auf die Nudeln. Kleines Problem: Man kann die Reste nicht so einfach vom Teller stibitzen wie früher. Gilt auch für Salamipizza.

8. Essen gehen

Faszinierend, wie viele Restaurants sich, zumindest in Berlin, auf die wachsende Nachfrage der Salatisten eingestellt haben. Irgendwas findet sich immer auf der Karte. Habe etwa ein Dutzend verschiedener Veggie-Burger ausprobiert, die meisten genießbar, sogar die aus dem Schnellimbiss. Ist es eine Qual, wenn auf dem Teller der Gattin nebenan das Ossobuco dampft? Ja, nein, vielleicht, also manchmal.

9. Eintönigkeit

Jajaja, ich weiß, es gibt so viele tolle grüne Kochbücher, von Jamie Oliver über Attila Hildmann bis Tim Mälzer. Allein: Manchmal habe ich einfach Bock auf ein knuspriges Stück Tier. Gerade der Duft gebratener Hühner ist purer Sex. Da kann Zucchini einfach nicht mithalten. Soja hin, Tofu her - qualitativ hochwertiges Fleisch ist und bleibt meistens lecker, sofern es in der Pfanne war. Und ich bin nicht der Typ, der sich jeden Tag mit dem Kochbuch in die Küche stellt. Fleisch bedeutet für mich dann doch einen Zugewinn an kulinarischer Vielfalt.

10. Besondere Vorkommnisse

Einige Male, als Mona mit rohem Fleisch in der Küche hantierte, überkam mich doch tatsächlich ein bislang ungekannter Würgereiz. Das ist neu und interessant. Was lernen wir daraus? Irgendwas ist passiert und wenn es nur im Bewusstsein ist. Fazit: Konsequente Fleischfreiheit werde ich wohl nicht hinkriegen. Aber der Mythos von den spaßfreien Grünzeug-Fressern ist ebenfalls Quatsch. Sieben Wochen ohne Fleisch schärft die Sinne. Das ist Gewinn genug.

Essen und trotzdem abnehmen - die beste Diät beginnt in den Beinen: "Laufen und Abnehmen" - die beste Diäten der Welt im Achilles-Test.

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insgesamt 194 Beiträge
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1. Woran erkennt man einen Vegetarier/Veganer?
Herr Krüger 02.04.2013
Er sagt es dir ständig... Die Vegetarier und Veganer, die ich kenne, fühlen sich als Gutmenschen und meine, sie müssten einem ständig vorhalten, dass man für den Mord an Tieren verantwortlich sei. Und das geht mir ziemlich auf den Keks, muss ich sagen. Klar muss an der Tierhaltung was geändert werden, von mir aus kann Fleisch auch teurer werden, wenn die Haltung und das Fleisch dadurch besser werden, aber dass sich die meisten Vegetarier und erst recht die Veganer ständig am laufenden Band als Gutmenschen darstellen, die nur Pflanzen töten und keine Tiere, das ist echt anstrengend. Bitte, liebe Vegetarier/Veganer, benehmt euch ganz normal...
2. er irrt, denn ich habe sie aufgegessen
TontonTombi 02.04.2013
Der archilles irrt sich, denn ICH habe die beiden Hühner aufgegessen. Ich danke ihm herzlich, dass er diese für mich hinterlassen hat.
3.
ajf00 02.04.2013
Zitat von Herr KrügerEr sagt es dir ständig... Die Vegetarier und Veganer, die ich kenne, fühlen sich als Gutmenschen und meine, sie müssten einem ständig vorhalten, dass man für den Mord an Tieren verantwortlich sei. Und das geht mir ziemlich auf den Keks, muss ich sagen. Klar muss an der Tierhaltung was geändert werden, von mir aus kann Fleisch auch teurer werden, wenn die Haltung und das Fleisch dadurch besser werden, aber dass sich die meisten Vegetarier und erst recht die Veganer ständig am laufenden Band als Gutmenschen darstellen, die nur Pflanzen töten und keine Tiere, das ist echt anstrengend. Bitte, liebe Vegetarier/Veganer, benehmt euch ganz normal...
Koennte es sein, dass Sie nur diejenigen Vegetarier/Veganer erkennen, die Ihnen das staendig vorhalten? Normale Vegetarier erkennt man eben normalerweise gerade ueberhaupt nicht.
4. Wirklich?
M.Suckow 02.04.2013
Zitat von Herr KrügerEr sagt es dir ständig... Die Vegetarier und Veganer, die ich kenne, fühlen sich als Gutmenschen und meine, sie müssten einem ständig vorhalten, dass man für den Mord an Tieren verantwortlich sei. Und das geht mir ziemlich auf den Keks, muss ich sagen. Klar muss an der Tierhaltung was geändert werden, von mir aus kann Fleisch auch teurer werden, wenn die Haltung und das Fleisch dadurch besser werden, aber dass sich die meisten Vegetarier und erst recht die Veganer ständig am laufenden Band als Gutmenschen darstellen, die nur Pflanzen töten und keine Tiere, das ist echt anstrengend. Bitte, liebe Vegetarier/Veganer, benehmt euch ganz normal...
Seltsam, von den fünf Veganern in meinem Freundeskreis ist niemand so wie Sie es beschreiben. Ist wohl kein allgemeines Phänomen. Übrigens gibt es einige Fleischesser, die selbst einigen missionarischen Eifer haben - und ihrerseits Vegetarier und Veganer kritisieren und ihnen vorhalten, dass sie sich unnatürlich oder ungesund ernähren würden oder dass sie sich doch nicht so haben sollen.
5. vegetarier
telefoner 02.04.2013
bin auch seit 8 wochen überwiegend vegetarier.. und im grunde decken sich meine erfahrungen mit denen im artikel. komplett auf fleisch verzichten werde ich wahrscheinlich nicht, aber sehr sehr selten. und ganz sicher keine minderwertige verseuchte ware aus dem supermarkt mehr, sondern wenn, dann das argentinische hüftsteak für 13 euro...
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ZUR PERSON
  • Beatrice Behrens
    Achim Achilles

    Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.