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Sitzbälle: Der Mythos von der gesunden Bürokugel

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Einst waren Sitzbälle ein Büro-Hit, mittlerweile verstauben sie meist in den Abstellkammern. Zu Unrecht? Ihr Versprechen, vor Rückenproblemen zu bewahren, konnten Sitzbälle nicht halten. Dennoch sind die Gummikugeln ein unterschätztes Sportgerät - solange man es nicht übertreibt.

Sitzbälle: Alles, nur nicht rückenschmeichelnd Fotos
Corbis

Mit kühner Macher-Optik konnten Sitzbälle noch nie punkten. Man stelle sich nur Top-Manager wie Martin Winterkorn oder den ehemaligen Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann auf einem der Bälle vor. Lächerlich? Eben. Vor ein paar Jahren eroberten die Gummikugeln in unangenehmen Farben wie Schweinchenrosa und Mintgrün die deutschen Büros, ein Opfer zum Wohle der Gesundheit. Unter Verlust des machermäßigen Erscheinungsbilds sollten sie den Rücken kräftigen - ein Trugschluss, wie man heute weiß.

Wer täglich am Schreibtisch sitzt, hat häufig mit Rückenproblemen zu kämpfen. Schmerzen durch die Bandscheiben oder ein Hexenschuss gehören zu den Volkskrankheiten in Deutschland. Viele Betroffene sind Büroarbeiter. Auf ihrem Drehstuhl verharren sie oft stundenlang in der gleichen, ungesunden Position vorm Bildschirm. So entstehen Haltungsschäden. Sitzbälle sollten dem vorbeugen: Der Körper muss die leichten Bewegungen des Balls ständig ausgleichen und verändert dauerhaft seine Position. Das trainiert nicht nur die Rückenmuskulatur, sondern sorgt auch für eine gerade Haltung der Wirbelsäule, so die Theorie. Ganz so leicht ist es aber nicht.

"So ein Ball ist ein Trainingsgerät, kein Büromöbel", sagt Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule in Köln. Der Leiter des Instituts für Bewegungstherapie, bewegungsorientierte Prävention und Rehabilitation hält den dauerhaften Einsatz von Sitzbällen im Büro sogar für gefährlich. "Das kann nachhaltige Schäden an Muskeln verursachen", sagt Froböse. "Die kleinen Muskeln, die die Wirbelkörper immer in einer optimalen Position halten, werden bei einem Sitzball irgendwann überlastet. Dann kehrt sich der Effekt um, und man nimmt aufgrund der Überbelastung der Muskeln eine ungesunde Haltung ein", erklärt Froböse.

Der Sportwissenschaftler rät Menschen, die ihren Gymnastikball unbedingt im Büro behalten wollen, nicht länger als 30 Minuten am Stück darauf zu sitzen. "Wer regelmäßig seine Position verändert und auch mal im Stehen arbeitet oder die Strecke zum Drucker geht, braucht so einen Sitzball gar nicht", sagt er. Denn mit dem Arbeiten im Stehen kann die Gummikugel nicht konkurrieren. Im Sitzen verbrennt der Körper durchschnittlich ein Gramm Fett pro Stunde, im Stehen sind es zwei Gramm.

Studien zweifeln ebenfalls am Nutzen der Bälle. Forscher von der Universität Waterloo in Kanada ließen 14 junge Frauen und Männer für jeweils eine Stunde auf einem Gymnastikball und einem klassischen Schreibtischstuhl Platz nehmen. Dabei maßen sie sie Aktivität der Rückenmuskulatur - ohne nennenswerte Unterschiede zu erkennen. "Es scheint bei der Nutzung von Sitzbällen gegenüber einem Schreibtischstuhl keinen Vorteil zu geben", schreibt Studienleiter Jack Callaghan in seinem Bericht.

Bei einer anderen kleinen Untersuchung beobachteten Forscher der Freien Universität Amsterdam zwar eine um 33 Prozent höhere Rumpfbewegung auf dem Sitzball. Dafür war bei den zehn Versuchsteilnehmerinnen aber auch die Wirbelsäule auf dem Ball krummer als auf dem Schreibtischstuhl. Die Vorteile würden die Nachteile nicht aufwiegen, fasst Studienleiter Idsart Kingma die Ergebnisse zusammen.

Besser als sitzen: Bauchmuskeln und Liegestützen trainieren

Auch Lars Adolph von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Dortmund hält Sitzbälle im Büro für ungeeignet. Im Gegensatz zu einem Schreibtischstuhl seien die Kugeln nicht verstellbar und ließen sich nicht in der Höhe dem Schreibtisch anpassen. "Sitzbälle können leicht wegrollen und haben keine Lehne. Das birgt auch Unfallgefahr", sagt Adolph. In manchen Betrieben sind die Sitzbälle sogar ganz verboten. Adolph empfiehlt stattdessen, am Arbeitsplatz außerdem höhenverstellbare Tische zu verwenden. "Gut für den Rücken ist der Wechsel zwischen Sitzen, Stehen und Gehen", bestätigt er Froböses Ratschläge.

Wozu kann man die drallen Gummikugeln also sonst einsetzen? Laut Sportwissenschaftler Froböse eignen sich Gymnastikbälle ideal für das Stabilisationstraining. "Aufgrund der Instabilität des Balls ist der Effekt höher als bei Übungen, die ich nur auf dem Boden ausübe. Damit kann man sehr gut die Bauchmuskeln trainieren oder Liegestütze machen", sagt er. Zudem ließen sich Gymnastikbälle gut für die Ganzkörperstimulation einsetzen. Menschen mit Rückenproblemen können zum Beispiel ihre Tiefenmuskulatur trainieren, indem sie sich auf den Ball knien und das Gleichgewicht halten. Wer sich für das Büro also mal einen Sitzball angeschafft hat, muss ihn nicht entsorgen. "Solche Übungen kann jeder zu Hause durchführen", sagt Froböse.

Das man es allerdings auch beim sportlichen Einsatz nicht übertreiben sollte, zeigt ein Rechtstreit aus den USA. Ein italienischer Hersteller handelte sich Anfang 2010 eine Klage des amerikanischen Basketballteam Sacramento Kings ein. Einer der Spieler, Shooting Guard Francisco Garcia, hatte sich im Training auf den Ball gelegt. Als der 2,01 Meter große NBA-Profi dann auch noch mit schweren Hanteln Übungen machte, platzte der Ball unter der Last - obwohl er mit dem Zusatz "Burst Resistant" verkauft wurde. Garcia verletzte sich bei der Aktion und fiel in der Saison für 57 Spiele aus.

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1. Och Joh!
Carlo Nappo 06.05.2013
Ich emfand diese Sitzbälle schon immer als großen Mist. Diese Dinger sind einfach zu weich und instabil, brauchen sehr viel Platz und sind natürlich auch nicht in der Höhe anzupassen. Für eine Bürositzgelegenheit als eher völlig unbrauchbar. Dagegen ist die Konstruktion eines Swoppers in der grundsätzlichen Funktion ähnlich, jedoch einer Büroumgebung viel eher angemessen, kostet aber ein paar Tacken mehr.
2. typisches Beispiel
Luke1973 06.05.2013
dafür wie im Medizinbereich oft verfahren wird: jemand erzählt irgendwas halbwegs einleuchtendes und alle übernehmen es ohne mal eine ernsthafte Studie zu machen BEVOR man den Leuten erzählt, was gesund ist. Im Übrigen finde ich, wer einma länger als ne Stunde auf so einem Ding gesessen hat, der glaubt sowieso nicht daran, dass das gut für den Rücken sein soll.
3.
Stelzi 06.05.2013
Zitat von Carlo NappoIch emfand diese Sitzbälle schon immer als großen Mist. Diese Dinger sind einfach zu weich und instabil, brauchen sehr viel Platz und sind natürlich auch nicht in der Höhe anzupassen. Für eine Bürositzgelegenheit als eher völlig unbrauchbar. Dagegen ist die Konstruktion eines Swoppers in der grundsätzlichen Funktion ähnlich, jedoch einer Büroumgebung viel eher angemessen, kostet aber ein paar Tacken mehr.
Hättest mal den Artikel zuende gelesen und nicht nach der vermeintlichen Bestätigung deiner pauschalen Meinung aufgehört, hättest du nicht diesen pauschalen Mist geschrieben. So kanns gehen.
4.
herrschmeisshirn 06.05.2013
Zitat von Carlo NappoIch emfand diese Sitzbälle schon immer als großen Mist. Diese Dinger sind einfach zu weich und instabil, brauchen sehr viel Platz und sind natürlich auch nicht in der Höhe anzupassen. Für eine Bürositzgelegenheit als eher völlig unbrauchbar. Dagegen ist die Konstruktion eines Swoppers in der grundsätzlichen Funktion ähnlich, jedoch einer Büroumgebung viel eher angemessen, kostet aber ein paar Tacken mehr.
Stimmt - außerdem ist das Sitzen auf einer Plastikfolie auch sehr schweißtreibend. Ich nutze den Swopper seit 2000. Über den Tag wechsle ich zwischen Swopper und normalem Bürostuhl und komme so gut zurecht. Bin ich mehrere Wochen zu faul für den Swopper dann bekomme ich Rückenprobleme. I
5. Die Dinger sind vor allem eins - Lächerlich!
mbraun09 06.05.2013
Ich kann niemanden ernst nehmen, der vor mir auf so einem Ding rumhüpft. Büroarbeit ist schon körperlich einfach genug i Vergleich zu anderer Arbeit. Scheinbar haben Büroleute (war einige Jahre selber einer) aber zuviel freie Zeit sich solchen Unsinn auszudenken.
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ZUM AUTOR
  • Jörg Römer (Jahrgang 1974) ist freier Journalist in Hamburg. Er schreibt über Gesundheitsthemen, Sport und ist KarriereSPIEGEL-Autor.

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