Speis und Zank: Die Provinz giert nach Fleisch

Eine Kolumne von Jan Spielhagen

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Gestapelter Schinken: Fleisch in rauhen Mengen

In Berlin, Hamburg oder Frankfurt drosselt man seinen Fleischkonsum und besucht vegetarische Restaurants. In der deutschen Provinz hingegen hängen die Schnitzel immer noch groß wie Elefantenohren über den Tellerrand. Nichts teilt dieses Land deutlicher als die Liebe zum Fleisch.

Zurzeit fahren alle nach Kassel. In diese mitteldeutsche und außerordentlich mittelmäßige Provinzstadt, die alle fünf Jahre aus dem Dornröschenschlaf schreckt und dann 100 Tage lang in Kultur macht. 100 Tage Documenta, die verhindern, dass man Kassel ganz vergisst. Wahrscheinlich hat keine andere Stadt auf der Welt ein klareres Alleinstellungsmerkmal.

Aber gerade jetzt, in der kurzen Wachphase, sind sie da, die Feinsinnigen und Kunstinteressierten aus der ganzen Welt, sie stillen ihren Kulturhunger und Wissensdurst im Fridericianum, in der Karlsaue, in der Documenta-Halle. Und an jedem Abend dieser 100 Tage, wenn die Stadt pünktlich um 20 Uhr die Kunst wieder hinter Türen und Gittern verschließt, damit sich die Kasseler bloß nicht zu sehr an die Ausgelassenheit gewöhnen können und die fast 2000 Tage bis zur nächsten Documenta duldsam ertragen, beginnt der Run auf die Restaurants.

Glaubt man tripadvisor, dem Webportal voller Reisetipps von Hinz und Kunz, sollte man sich einen Tisch im Matterhorn-Stübli sichern. Kein anderes Lokal der Stadt ist beliebter. Schweizer Küche in den Kasseler Bergen, eidgenössische Gemütlichkeit an der Fulda. Die Karte ist ein Traum für jeden, dessen Fetisch Fleisch ist: Schweinemedaillon, Rumpsteak, Rinderfilet, das für die Schweiz so typische Wiener Schnitzel, selbst zum Käsefondue kann man Speck bestellen. Leider sind alle Tische reserviert. Aber gleich um die Ecke wartet ja das Ilyssia mit Gyros und Lammfrikadellen, Platz zwei bei tripadvisor und der Einrichtung nach zu urteilen bestimmt der Lieblingsgrieche des Oberkasselers Hans Eichel. Noch einmal über die Straße landet man in der Brauhausstube Zum Rammelsberg - für jeden Vegetarier der Vorhof zur Hölle. Schweinshaxen, Grillrippchen, Schnitzel, Grillpfanne, Leberkäs, Bratwürste und derlei Deftiges mehr, jeder Teller eine Schlachtplatte. Das meiste in wirklich fantastischer Qualität, einiges stammt sogar von der Landfleischerei aus Calden, Mitglied bei Slow Food. Kasseler Normalität.

Vegetarisches Gericht mit Speckwürfeln

Berlin is(s)t da anders, Hamburg und Frankfurt auch. Und London, New York und Los Angeles natürlich erst recht. Wer in Mitte oder Friedrichshain Fleisch bestellt, überzeugt sich heutzutage proaktiv von artgerechter Haltung und liebevoller Schlachtung, aber besser er bestellt gar keines. Die Speisekarten der Metropolen haben sich in den letzten Jahren grundlegend verändert: Die Fleischgerichte sind weniger geworden, die Portionen kleiner. Früher bedeutete vegetarisch bestellen automatisch Salat essen. Heute werden auf jeder Karte drei, vier, fünf vegetarische Gerichte angeboten, ganz egal ob Gasthof oder gehobene Gastronomie.

Michael Hoffmann, Chef des Spesentempels Margaux nahe dem Brandenburger Tor, kocht Spinat, Spargel und Sauerampfer sogar auf Sterneniveau, und die Feinschmecker pilgern hin. Ganz abgesehen von all jenen Lokalen, die ausschließlich fleischlose Küche anbieten. Die Vegetarische Alternative Berlin listet allein 18 Restaurants in und um Berlin auf, in denen es nur vegane oder vegetarische Gerichte gibt. In Hamburg sollen es gar 20 sein. Die Diskussionen um Massentierhaltung und CO2-Fußabdruck, die Bilder aus Mastanlagen und von den Schlachthöfen - in den deutschen Großstädten bewegt sich was.

Ganz und gar unvorstellbar ist dort jene kleine Geschichte, die sich vor zwei Wochen in Ulm ereignete. In einem Gartenlokal bat der Gast um ein vegetarisches Gericht. Der freundliche Kellner empfahl den Beilagensalat, den er kurz danach auch an den Tisch brachte. Obenauf: Käsestreifen und Speckwürfel.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, die Eder würde durch Kassel fließen. Tatsächlich ist es die Fulda. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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insgesamt 266 Beiträge
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1.
marthaimschnee 13.08.2012
Zitat von sysopDie Diskussionen um Massentierhaltung und CO2-Fußabdruck, die Bilder aus Mastanlagen und von den Schlachthöfen
Und das ausgerechnet von Großstädtern, die ja selber in eingepferchter Massentierhaltung leben und mit ihrem Lebensstil normalerweise einen katastrophalen CO2-Fußabdruck hinterlassen.
2. mei
realburb 13.08.2012
da können wir Bauerntrampel vom Land halt nicht mit der vegetarischen Großstadt - Bohème der Irgendwas-mit-Medien und Gutmenschen Fraktion mithalten. Schließlich definiert sich Naturverbundenheit anhand der besuchten Greenpeace Demos und nicht mit Land- und Forstwirtschaft.
3. Oh ja!
Layer_8 13.08.2012
Zitat von sysopIn Berlin, Hamburg oder Frankfurt drosselt man seinen Fleischkonsum und besucht vegetarische Restaurants. In der deutschen Provinz hingegen hängen die Schnitzel immer noch groß wie Elefantenohren über den Tellerrand. Nichts teilt dieses Land deutlicher als die Liebe zum Fleisch. Speis und Zank: Die Gier nach Fleisch in der Provinz - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/0,1518,848753,00.html)
Ich lebe in Berlin und ernähre mich hier überwiegend vegetarisch. Doch wenn ich mal meine süddeutsche Heimat besuche, gibt es für mich kein Halten mehr! Wenns um die Wurst geht, ist Berlin für mich die reinste Barbarei und ich kann nicht jeden Tag zum italienischen Feinkosthändler gehen. Leider gibts in Berlin keine gescheite Metzger, und Biowürste sind hier ungenießbar
4. optional
goethestrasse 13.08.2012
Alles wohl etwas von Oben herab. Muss wohl irgendetwas gegen das Sommerloch geschrieben werden.
5. Obenauf: Käsestreifen und Speckwürfel.
nasowas21 13.08.2012
Ja und? . Es ist doch nicht so schlimm, wenn unter den Speckwürfeln noch ein paar Grashalme liegen.
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Zum Autor
  • Ralf Gellert für BEEF!
    Speis und Zank: Alle Kolumnen
  • Jan Spielhagen ist Chefredakteur von "BEEF!" und Hobbykoch. Seit er das Kochmagazin für Männer gründete, auf dem meist ein Stück Fleisch als Covermodell dient, wird er entweder als Fleischpapst oder Tiermörder denunziert. Beides ist ihm unangenehm, weil ihn nämlich weder religiöse noch kriminelle Motive leiten, wenn er an seinem Lieblingsplatz vor dem Grill steht und Frühlingszwiebeln, Fenchel, Wolfsbarsch und selbstgemachte Würstchen grillt. Im Sommer mit Sonnenbrille, im Winter mit Schal.
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