18. Dezember 2012, 19:42 Uhr

Speis und Zank

Geil, Weihnachtsmarkt!

Eine Kolumne von Jan Spielhagen

Wer tief ins deutsche Bewusstsein schauen will, sollte sich dieser Tage mal fünf, sechs Glühwein auf einem Weihnachtsmarkt gönnen. Da erstrahlt die Volksseele in festlichem Glanz. Hoffentlich ist für den Notfall der Erlöser in der Nähe.

Der penetrante Geruch von Allzuoftimselbenfettgebackenem zieht über den Platz, eine Leuchtreklame wirbt für drei paar Socken zum Preis von zweien, ein Mann in mittelalterlicher Verkleidung verkauft an seinem Stand hölzerne Krummsäbel für Kinder, eine ältere Dame sucht nach Leergut in den Mülltonnen und ein bulliger Hund mit Maulkorb kackt ans Krippenspiel. Wunderbare Weihnachtszeit! Es ist Mitte Dezember in einem Berliner Außenbezirk, zehn Grad über Null, aber so lange heißer Glühwein in riesigen Thermoskannen auf uns wartet, lassen wir uns den Spaß am Weihnachtsmarkt nicht verderben.

Wir Deutschen haben aber auch echt ein Händchen für Romantik und Gemütlichkeit. Schöner und weihnachtlicher hätte man das hier gar nicht machen können. Direkt zwischen Straße und Bauzaun, ein Dorf aus Bretterverschlägen. Gottes Sohn hat seine ersten Nächte ja auch im Stall verbracht, wer wird da Ansprüche stellen? Die bunten Lichter der Discokugeln leuchten uns den Weg, weihnachtlicher Tand wartet auf romantische Seelen, batteriebetriebene Sterne, Plastiktannenzapfen made in China und natürlich Schneekugeln. In einer vergeht sich der Weihnachtsmann gerade an seinem Rentier. Wenn das nicht ein frohes Fest verspricht.

Kippe in der rechten, Henkelbecher in der linken, für einen Euro Pfand. "Wollen Sie ihren Glühwein mit Schuss?" - "Logo, ich bin ja nicht zum Spaß hier." Ho-ho-ho. Zwischendurch ein schnelles Bierchen. Nur keine Zeit verlieren, noch ist was vom Weihnachtsgeld übrig und wer weiß, ob man den nächsten Heiligen Abend überhaupt noch erlebt. Besoffene Besinnlichkeit, der Friedensfürst muss heute besonders milde sein.

Große Politik zwischen Runden mit Schuss

Doch an den Ständen wird nicht nur getrunken, da wird auch diskutiert. Große Politik in großen Schlucken. Taliban, Hertha, natürlich Griechenland. "Na, bei den Pleitebrüdern wird dieset Jahr wohl nix unterm Baum liejen, wa?" - "Du raffst auch gar nichts, die Souvlakis sind doch Moslems, da gibt's kein Weihnachten." Zustimmendes Nicken. Bildung auf "Bild"-Zeitungsniveau. Ein anderer holt noch eine Runde, "wieder mit Schuss"? Logo, mit Vollschuss! Und das Massaker von Newtown natürlich. "Voll ins Gesicht hat er seiner Mutter jeballert, der Vogel, dat hätt er mal mit mir machen sollen!" Na ja, dann wär's hier heute aber nicht so lustig.

In einer riesigen Pfanne blubbern gleich große Champignons in Knoblauch und Öl vor sich hin, die Portion zu drei Euro neunzig. Zum Essen bekommt man nur Plastiklöffel, keine Gabeln - vielleicht aus Sicherheitsgründen. Es gibt gebrannte Mandeln, Schweinespeck weiß-rosa, Lachsbrötchen, Bier vom Fass, Liebesäpfel am Stiel. Und natürlich Bratwurst. Eine junge Frau mit der gleichen Haarfarbe wie die Katzenberger fragt nach extra scharfem Senf. Der Mann mit der Grillzange antwortet: "Also extrascharf, dit brauchste nu wirklich nich, Baby." Weihnachten, Zeit der subtilen Zwischentöne. "Und wie du die Wurst anpackst, also nee." Die blonde Frau kiekst vergnügt, da geht doch was zum Fest der Liebe.

Es wird langsam spät und ungemütlich. Wer Arbeit hat, muss morgen früh raus. Der Weihnachtsmarkt leert sich, die Champignonpfanne ist fast weggelöffelt, der Pegel stimmt bei den meisten. Ein Kindergartenkind mit Ohrring fragt seine Mutter, warum man überhaupt Weihnachten feiert. "Dat is wegen Jesus. Der is jestorben und wieda uffjewacht."

Zum Glück ist er ja Schmerzen gewohnt, der Erlöser.


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