Speis und Zank: Geil, Weihnachtsmarkt!

Eine Kolumne von Jan Spielhagen

Wer tief ins deutsche Bewusstsein schauen will, sollte sich dieser Tage mal fünf, sechs Glühwein auf einem Weihnachtsmarkt gönnen. Da erstrahlt die Volksseele in festlichem Glanz. Hoffentlich ist für den Notfall der Erlöser in der Nähe.

Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt: "Mit Schuss, bitte!" Zur Großansicht
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Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt: "Mit Schuss, bitte!"

Der penetrante Geruch von Allzuoftimselbenfettgebackenem zieht über den Platz, eine Leuchtreklame wirbt für drei paar Socken zum Preis von zweien, ein Mann in mittelalterlicher Verkleidung verkauft an seinem Stand hölzerne Krummsäbel für Kinder, eine ältere Dame sucht nach Leergut in den Mülltonnen und ein bulliger Hund mit Maulkorb kackt ans Krippenspiel. Wunderbare Weihnachtszeit! Es ist Mitte Dezember in einem Berliner Außenbezirk, zehn Grad über Null, aber so lange heißer Glühwein in riesigen Thermoskannen auf uns wartet, lassen wir uns den Spaß am Weihnachtsmarkt nicht verderben.

Wir Deutschen haben aber auch echt ein Händchen für Romantik und Gemütlichkeit. Schöner und weihnachtlicher hätte man das hier gar nicht machen können. Direkt zwischen Straße und Bauzaun, ein Dorf aus Bretterverschlägen. Gottes Sohn hat seine ersten Nächte ja auch im Stall verbracht, wer wird da Ansprüche stellen? Die bunten Lichter der Discokugeln leuchten uns den Weg, weihnachtlicher Tand wartet auf romantische Seelen, batteriebetriebene Sterne, Plastiktannenzapfen made in China und natürlich Schneekugeln. In einer vergeht sich der Weihnachtsmann gerade an seinem Rentier. Wenn das nicht ein frohes Fest verspricht.

Kippe in der rechten, Henkelbecher in der linken, für einen Euro Pfand. "Wollen Sie ihren Glühwein mit Schuss?" - "Logo, ich bin ja nicht zum Spaß hier." Ho-ho-ho. Zwischendurch ein schnelles Bierchen. Nur keine Zeit verlieren, noch ist was vom Weihnachtsgeld übrig und wer weiß, ob man den nächsten Heiligen Abend überhaupt noch erlebt. Besoffene Besinnlichkeit, der Friedensfürst muss heute besonders milde sein.

Große Politik zwischen Runden mit Schuss

Doch an den Ständen wird nicht nur getrunken, da wird auch diskutiert. Große Politik in großen Schlucken. Taliban, Hertha, natürlich Griechenland. "Na, bei den Pleitebrüdern wird dieset Jahr wohl nix unterm Baum liejen, wa?" - "Du raffst auch gar nichts, die Souvlakis sind doch Moslems, da gibt's kein Weihnachten." Zustimmendes Nicken. Bildung auf "Bild"-Zeitungsniveau. Ein anderer holt noch eine Runde, "wieder mit Schuss"? Logo, mit Vollschuss! Und das Massaker von Newtown natürlich. "Voll ins Gesicht hat er seiner Mutter jeballert, der Vogel, dat hätt er mal mit mir machen sollen!" Na ja, dann wär's hier heute aber nicht so lustig.

In einer riesigen Pfanne blubbern gleich große Champignons in Knoblauch und Öl vor sich hin, die Portion zu drei Euro neunzig. Zum Essen bekommt man nur Plastiklöffel, keine Gabeln - vielleicht aus Sicherheitsgründen. Es gibt gebrannte Mandeln, Schweinespeck weiß-rosa, Lachsbrötchen, Bier vom Fass, Liebesäpfel am Stiel. Und natürlich Bratwurst. Eine junge Frau mit der gleichen Haarfarbe wie die Katzenberger fragt nach extra scharfem Senf. Der Mann mit der Grillzange antwortet: "Also extrascharf, dit brauchste nu wirklich nich, Baby." Weihnachten, Zeit der subtilen Zwischentöne. "Und wie du die Wurst anpackst, also nee." Die blonde Frau kiekst vergnügt, da geht doch was zum Fest der Liebe.

Es wird langsam spät und ungemütlich. Wer Arbeit hat, muss morgen früh raus. Der Weihnachtsmarkt leert sich, die Champignonpfanne ist fast weggelöffelt, der Pegel stimmt bei den meisten. Ein Kindergartenkind mit Ohrring fragt seine Mutter, warum man überhaupt Weihnachten feiert. "Dat is wegen Jesus. Der is jestorben und wieda uffjewacht."

Zum Glück ist er ja Schmerzen gewohnt, der Erlöser.

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insgesamt 31 Beiträge
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1. Bissig
agua 18.12.2012
aber witzig.Kommt eben immer auf den Blickpunkt an.Zur Erklaerung mancher Muetter an ihre Kinder faellt mir folgendes ein.Es ist Jahre her,ein Weihnachtsmarkt in Deutschland in einem Einkaufscenter,wo die Verkaeufer von Selbsthergestelltem, die Verpflichtung hatten diese Taetigkeit vor Ort vorzufuehren.Am Stand von Bienenwachskerzen wurden Bienenwachskerzen gezogen.Kind:"Warum taucht die Fraue da die Strippen in den Kessel?"Mutter:"Die macht Kerzen,in dem Kessel ist Wasser."
2. Fest der Amtskirche
weltoffener_realist 18.12.2012
---Zitat--- Ein Kindergartenkind mit Ohrring fragt seine Mutter, warum man überhaupt Weihnachten feiert. "Dat is wegen Jesus. Der is jestorben und wieda uffjewacht." ---Zitatende--- Ach so. Ich dachte immer, wir feiern Weihnachten, um das Weiterbestehen der Amtskirche abzusichern. Weihnachten ist schließlich nicht nur für den Einzelhandel, sondern auch für die Kirche die Hauptsaison. Die Menschen gehen hin und hören sich wenigstens ein mal im Jahr die Geschichte von Schuld und Sünde und Buße an. Auch die Spenden fließen sicherlich reichlicher in den Klingelbeutel. In ein paar Jährchen kann die Kirche aber sicher auf dieses ganze Brimborium verzichten, man schafft sich ja ein immer stabileres Standbein in der Sozialwirtschaft (Kindergärten, Krankenhäuser, Altenheime, Pflegedienste). Schon fein, dass man weniger arbeitsrechtliche Probleme am Hacken hat als die private Konkurrenz. Aber ich schweife ab: Eine fröhliche Weihnachtszeit wünsche ich!
3. Weihnachten? Nein Danke!
zufriedener_single, 18.12.2012
Freiwillig auf einen Weihnachtsmarkt? Nope! Der einzige Grund dort hinzugehen sind gebrannte Mandeln. Und dann nix wie weg da. An sich könnten Weihnachtsmärkte ja ganz hübsch sein, wenn nur das dumpfe Publikum nicht wäre...
4.
a_beidel 18.12.2012
bin ich froh, in süddeutschland zu leben. dort sind weihnachtsmärkte noch weihnachtsmärkte, nämlich urig, gemütlich, gesellig, schön anzusehen... und den hype um das "hippe berlin" konnte ich noch nie nachvollziehen - dreckig, hässlich, arm und ganz und gar nicht sexy.
5. Alkoholisierte Gesellschaft
freidenker49 18.12.2012
Jedes Fest ein Anlass zum Saufen. Wann steht dem Alkohol endlich dieselbe Kariere bevor wie dem Rauchen?
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Zum Autor
  • Ralf Gellert für BEEF!
    Speis und Zank: Alle Kolumnen
  • Jan Spielhagen ist Chefredakteur von "BEEF!" und Hobbykoch. Seit er das Kochmagazin für Männer gründete, auf dem meist ein Stück Fleisch als Covermodell dient, wird er entweder als Fleischpapst oder Tiermörder denunziert. Beides ist ihm unangenehm, weil ihn nämlich weder religiöse noch kriminelle Motive leiten, wenn er an seinem Lieblingsplatz vor dem Grill steht und Frühlingszwiebeln, Fenchel, Wolfsbarsch und selbstgemachte Würstchen grillt. Im Sommer mit Sonnenbrille, im Winter mit Schal.
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