Früher gab es Capri-Sonne. Für meine Schwester und mich war sie ein untrügliches Zeichen dafür, dass wir uns im Auto irgendwo auf dem Weg von Berlin nach Südeuropa befinden mussten. Vielleicht noch auf der Transitstrecke durch die DDR, vielleicht schon auf dem Brenner Richtung Italien. Capri-Sonne bedeutete, dass wir mit wenig Pausen so weit wie möglich kommen wollten. Und dass wir die Kontrolle über Hunger und Durst und die Organisation für Essen und Trinken an meine Mutter abgegeben hatten. Zur Capri-Sonne gab es Kartoffelsalat und Frikadellen, die in Berlin Buletten heißen, und Vaters alter Audi 100 roch noch bis Mitte September nach ihnen.
Genau zweimal im Jahr gab es Capri-Sonne für uns: einmal auf der Hinfahrt in die Sommerferien und einmal auf der Rückfahrt. Und jedes Mal rutschte mir beim Einstechen der dünne Strohalm ab, und jedes Mal freute ich mich auf den Moment, an dem ich das Vakuum in die Metalltüte saugen würde.
Heute gibt es Togo. Wer das immer noch für ein kleines westafrikanisches Land hält, hat irgendwann in den neunziger Jahren den Anschluss verpasst. Togo ist nicht in Afrika, Togo ist überall, die größte auszunehmende Unart, der Super-GAU des Konsumierens in der Öffentlichkeit. Man trinkt nicht mehr zu Hause, man trinkt unterwegs, also "to go", zum Mitnehmen - aber das wird ja häufiger falsch als richtig geschrieben.
Schnabelbecher, bewährt in der Pflege
Und wie man da so trinkt. Aus überdimensionierten Pappbechern in liebevoller Pastellstreifenoptik oder unübersehbar im Corporate Design eines Fast-Food-Giganten. Da wird jeder Schluck Lifestyle nebenbei zur Werbebotschaft: "Schaut her, ich bin wahnsinnig individuell. Und einer von etwa einer Milliarde Fans dieses US-Giganten, der sich zwar als Coffee-Connaisseur positioniert, tatsächlich aber viermal mehr Milch als Kaffee verkauft und in Äthiopien die Bauern erpresst." Auf den Bechern prangt entweder ein Plastikdeckel mit Strohhalm oder bei warmen Getränken ein knickbarer Schnabelverschluss. Das ist irre praktisch - das Prinzip hat sich im Krankenhaus bewährt.
Und so nuckeln sich die Menschen durch die Straßen. Morgens, mittags, abends, aber eben auch zwischendurch, weil der Durst heutzutage viel plötzlicher kommt als früher auf den Autoreisen. Dieses Hochgeschwindigkeitsbedürfnis befriedigen die mehr als 1500 Coffeeshops in Deutschland. Etwa 20 Liter Kaffee nuckelt jeder von uns nach Berechnungen des Internetportals Utopia.de von 2009 jährlich aus dem Pappbecher. Das ergibt etwa 80 Becherleichen pro Schnauze und Jahr. Auf knapp 82 Millionen Einwohner hochgerechnet sind das etwa 6.560.000.000 Becher (in Worten: sechs Milliarden und fünfhundertsechzig Millionen).
Wer nicht selber nuckelt, wird zum Becherzeugen. In der Bahn trifft einen von rechts der Latte-Macchiato-Double-Shot-Sojamilch-Atem einer Studentin, im Meeting stößt gerade ein Kollege seine eisgekühlte Cola auf. Einer dieser Monsterbecher steht auf geschätzt jedem zweiten Elektrokasten in Deutschland - halbvoll zurückgelassen. Unzählige Denkmäler aus Pappe, die von der Freiheit des Überall-trinken-Könnens erzählen. Unzählige Mahnmale für all jene, die ihre körperlichen Bedürfnisse gerne diskret und kultiviert befriedigen.
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