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18. Februar 2013, 09:32 Uhr

Speis und Zank

Feinschmecker in Lauerstellung

Eine Kolumne von Jan Spielhagen

Fischstäbchen und Kinderteller sind out - jetzt kommen die Feinschmecker von morgen: Am Familientisch im Restaurant fallen Kinder auf, die das Fischbesteck so selbstverständlich benutzen wie die Eltern ihre Kreditkarte. Da schmilzt der Geldbeutel noch vor dem Hauptgang.

Die junge Dame neben mir bestellte schließlich Nudeln mit Trüffeln. Erst schien sie ein bisschen unentschlossen, doch nach einem Beratungsgespräch mit dem italienischen Restaurantbesitzer, den sie wie selbstverständlich duzte, entschied sie sich für die feinen Teigwaren mit dem teuren Hobelpilz. Der Patrone hatte vergeblich gegrillte Seezunge und Kalbspaillard angepriesen und schließlich den Wunsch notiert.

Kaum mit der Bestellung durch, holte die junge Dame einen Block aus ihrer Tasche und begann, mit ihrer jüngeren Schwester Schiffe versenken zu spielen. Die beiden sind 13 und elf Jahre alt und Angehörige einer Spezies, die man getrost als Feinschmecker in Lauerstellung bezeichnen kann. Erst ein paar Haare unter den Achseln aber schon mit den Küchen dieser Welt und ihren Highlights vertraut. Teenager mit kulinarischer Grundausbildung. Da schmilzt das Portemonnaie der Eltern schon bei der Vorspeise.

Die Immerwiederleser dieser Kolumne werden sich jetzt an meinen vorletzten Text erinnert fühlen, "Nein, meinen Brokkoli ess' ich nicht", in dem ich das Gemäkel vieler Kinder beim Essen beschrieb, und damit zu gleichen Teilen Achselzucken, Mitgefühl und Wut nicht nur unter den kampferprobten Foristen provozierte. Eine Freundin der Familie war sich nach der Lektüre ganz sicher, dass ich mit dem jungen Mann, der sich seit frühester Kindheit ausschließlich von Weißbrot ernährt, nur ihren Sohn gemeint haben konnte - und irrte.

Liebe Eltern, da draußen gibt es noch mehr verwöhnte, ungezogene und essgestörte Kinder als die Ihren. Wir sind nicht allein.

Lieber Surf and Turf statt Max und Moritz

Die talentierten Nachwuchsgourmets sind übrigens eine andere Facette der gleichen Entwicklung. Wenn man den lieben Kleinen von Anbeginn jede Freiheit bei der Wahl ihres Essens lässt, dann darf man sich nicht wundern, wenn sich die selbstbestimmten Heranwachsenden auch die Rosinen von den Menükarten picken. Warum denn Kinderteller Max und Moritz, wenn Surf and Turf viel besser schmeckt? Warum die pappigen Fischstäbchen bestellen, wenn die Wildfang-Dorade aus der Salzkruste so viel saftiger daherkommt?

Die langen Schlangen fettleibiger Kinder in den Schnellrestaurants nach Schulschluss sind da nur scheinbar ein Widerspruch. Genau genommen sind sie das andere Ende dieser bemerkenswerten Nahrungskette. Wenn Verwahrlosung und Armut an den McDonald's-Tresen führen, dann doch auch Fürsorge und Wohlstand an die Austernbar!

Der gut geförderte Geschmack der Kinder erhöht nicht nur die Restaurantrechnung erheblich, er verdirbt auch die Preise am heimischen Herd. Wer entwickelt denn nach der knusprigen Holzofenpizza mit Parmaschinken vom Wochenende noch Appetit auf das Tiefkühlpendant mit Industriesalami? Wen reizen denn noch die Fertigeintöpfe aus der Dose, wenn sie sich mit dem Pot-au-feu des Franzosen um die Ecke benchmarken lassen müssen?

Und so hat die ganze Sache auch ihr Gutes: Wer sich schon als Jugendlicher ans Bessere gewöhnt hat, der wird sich auch als Erwachsener nicht mit dem Schlechteren zufriedengeben. Eine teure aber schmackhafte Erkenntnis.

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