Speis und Zank: Feinschmecker in Lauerstellung

Eine Kolumne von Jan Spielhagen

Fischstäbchen und Kinderteller sind out - jetzt kommen die Feinschmecker von morgen: Am Familientisch im Restaurant fallen Kinder auf, die das Fischbesteck so selbstverständlich benutzen wie die Eltern ihre Kreditkarte. Da schmilzt der Geldbeutel noch vor dem Hauptgang.

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Corbis

Junge Gourmets: Wissen schon genau, was gut und teuer ist

Die junge Dame neben mir bestellte schließlich Nudeln mit Trüffeln. Erst schien sie ein bisschen unentschlossen, doch nach einem Beratungsgespräch mit dem italienischen Restaurantbesitzer, den sie wie selbstverständlich duzte, entschied sie sich für die feinen Teigwaren mit dem teuren Hobelpilz. Der Patrone hatte vergeblich gegrillte Seezunge und Kalbspaillard angepriesen und schließlich den Wunsch notiert.

Kaum mit der Bestellung durch, holte die junge Dame einen Block aus ihrer Tasche und begann, mit ihrer jüngeren Schwester Schiffe versenken zu spielen. Die beiden sind 13 und elf Jahre alt und Angehörige einer Spezies, die man getrost als Feinschmecker in Lauerstellung bezeichnen kann. Erst ein paar Haare unter den Achseln aber schon mit den Küchen dieser Welt und ihren Highlights vertraut. Teenager mit kulinarischer Grundausbildung. Da schmilzt das Portemonnaie der Eltern schon bei der Vorspeise.

Die Immerwiederleser dieser Kolumne werden sich jetzt an meinen vorletzten Text erinnert fühlen, "Nein, meinen Brokkoli ess' ich nicht", in dem ich das Gemäkel vieler Kinder beim Essen beschrieb, und damit zu gleichen Teilen Achselzucken, Mitgefühl und Wut nicht nur unter den kampferprobten Foristen provozierte. Eine Freundin der Familie war sich nach der Lektüre ganz sicher, dass ich mit dem jungen Mann, der sich seit frühester Kindheit ausschließlich von Weißbrot ernährt, nur ihren Sohn gemeint haben konnte - und irrte.

Liebe Eltern, da draußen gibt es noch mehr verwöhnte, ungezogene und essgestörte Kinder als die Ihren. Wir sind nicht allein.

Lieber Surf and Turf statt Max und Moritz

Die talentierten Nachwuchsgourmets sind übrigens eine andere Facette der gleichen Entwicklung. Wenn man den lieben Kleinen von Anbeginn jede Freiheit bei der Wahl ihres Essens lässt, dann darf man sich nicht wundern, wenn sich die selbstbestimmten Heranwachsenden auch die Rosinen von den Menükarten picken. Warum denn Kinderteller Max und Moritz, wenn Surf and Turf viel besser schmeckt? Warum die pappigen Fischstäbchen bestellen, wenn die Wildfang-Dorade aus der Salzkruste so viel saftiger daherkommt?

Die langen Schlangen fettleibiger Kinder in den Schnellrestaurants nach Schulschluss sind da nur scheinbar ein Widerspruch. Genau genommen sind sie das andere Ende dieser bemerkenswerten Nahrungskette. Wenn Verwahrlosung und Armut an den McDonald's-Tresen führen, dann doch auch Fürsorge und Wohlstand an die Austernbar!

Der gut geförderte Geschmack der Kinder erhöht nicht nur die Restaurantrechnung erheblich, er verdirbt auch die Preise am heimischen Herd. Wer entwickelt denn nach der knusprigen Holzofenpizza mit Parmaschinken vom Wochenende noch Appetit auf das Tiefkühlpendant mit Industriesalami? Wen reizen denn noch die Fertigeintöpfe aus der Dose, wenn sie sich mit dem Pot-au-feu des Franzosen um die Ecke benchmarken lassen müssen?

Und so hat die ganze Sache auch ihr Gutes: Wer sich schon als Jugendlicher ans Bessere gewöhnt hat, der wird sich auch als Erwachsener nicht mit dem Schlechteren zufriedengeben. Eine teure aber schmackhafte Erkenntnis.

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insgesamt 47 Beiträge
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1. 90% der Ozeane sind leergefischt
sertim 18.02.2013
Gut, dass wir weiter Konsumenten (=Kinder) produzieren und sie das lehren, womit wir diesen Planeten vernichtet haben. Ausser uns, Konsumenten, darf nichts lebendiges eine Existenzberechtigung haben. Weiter so: mehr Sushi. Aber kultiviert. Den Fisch mit dem Fischbesteck formvollendet reinschaufenl.
2.
elpepino 18.02.2013
Zitat von sertimGut, dass wir weiter Konsumenten (=Kinder) produzieren und sie das lehren, womit wir diesen Planeten vernichtet haben.
Sie haben recht. Kinder und überhaupt die Menschheit gehört abgeschafft! Was sich diese Kinder erlauben! Essen! Und dann womöglich auch noch mit Genuss! Und gesund! Und kein Schlangenfrass der Industrie! Pfuideibel! Für dieses Problem (Nein, eigentlich sind es gleich mehrere Probleme auf einmal, von den mangelnden KiTa-Plätzen bis zur Herdprämie) gibt es eigentlich nur eine Lösung. Wenn wir Kinder zu Gemüse erklären, würden Vegetarier sie dann essen?
3. Fertignahrung Zuhause
DerSponner 18.02.2013
muss nun allerdings wirklich nicht sein...
4.
pk-1 18.02.2013
Zitat von sysopDer gut geförderte Geschmack der Kinder erhöht nicht nur die Restaurantrechnung erheblich, er verdirbt auch die Preise am heimischen Herd. Wer entwickelt denn nach der knusprigen Holzofenpizza mit Parmaschinken vom Wochenende noch Appetit auf das Tiefkühlpendant mit Industriesalami? Wen reizen denn noch die Fertigeintöpfe aus der Dose, wenn sie sich mit dem Pot-au-feu des Franzosen um die Ecke benchmarken lassen müssen?
Wer "am heimischen Herd" nichts Besseres zustande bringt als "Tiefkühlpendant mit Industriesalami" oder "Fertigeintöpfe aus der Dose" darf sich sowieso über nichts wundern ...
5. sehr schade,
einuntoter 18.02.2013
dass viele Menschen in D so wenig Wert auf gutes Essen legen.
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  • Jan Spielhagen ist Chefredakteur von "BEEF!" und Hobbykoch. Seit er das Kochmagazin für Männer gründete, auf dem meist ein Stück Fleisch als Covermodell dient, wird er entweder als Fleischpapst oder Tiermörder denunziert. Beides ist ihm unangenehm, weil ihn nämlich weder religiöse noch kriminelle Motive leiten, wenn er an seinem Lieblingsplatz vor dem Grill steht und Frühlingszwiebeln, Fenchel, Wolfsbarsch und selbstgemachte Würstchen grillt. Im Sommer mit Sonnenbrille, im Winter mit Schal.
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