Sperre für Sportlerinnen Warum sind lange Beine okay - und viel Testosteron nicht?

Manche Frauen haben von Natur aus viel Testosteron im Körper. Sie dürfen laut Leichtathletik-Weltverband nicht mehr auf Mittelstrecken-Läufen starten. Eine unfaire Entscheidung.

Läuferin Dutee Chand
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Läuferin Dutee Chand

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Die Welt des sportlichen Wettbewerbs ist in fast allen Disziplinen sauber zweigeteilt. Hier die Männer, dort die Frauen. Egal ob Laufen, Werfen, Fußball oder Curling.

Nun aber zieht der Leichtathletik-Weltverband IAAF eine klare Grenze zwischen Frauen und Frauen. Betroffen sind Mittelstreckenläuferinnen mit von Natur aus extrem hohem Testosteronspiegel. Sie müssen sich künftig einer Hormonbehandlung unterziehen, um weiter bei den Frauen teilnehmen zu dürfen. "Es geht um faire Voraussetzungen in der Athletik, sodass Erfolg durch Talent, Hingabe und harte Arbeit bestimmt wird und nicht durch andere Faktoren", schreibt der IAAF.

Die Regel, Frauen angesichts des Testosteronspiegels auszuschließen, hatte der Internationale Sportgerichtshof 2015 auf Eis gelegt. Der IAAF sollte belegen, welchen Vorteil die hohen Testosteronwerte denn tatsächlich darstellen. Das ist inzwischen passiert. Laut einer Studie erbringen Sportlerinnen mit sehr hohen Testosteronwerten im Vergleich zu jenen mit niedrigen Werten eine um 1,8 bis 2,8 Prozent bessere Leistung über Laufstrecken von 400 und 800 Meter. Beim Stabhochsprung und Hammerwerfen lag der Leistungsunterschied sogar bei 4,5 beziehungsweise 2,9 Prozent: In diesen Disziplinen gilt die Hormongrenze aber nicht. Warum eigentlich?

Kein Anzweifeln ihres Geschlechts

Interessanterweise stellt der Verband klar, dass die von der Neuregelung betroffenen Frauen zweifellos Frauen sind - "es ist in keiner Weise ein Urteil oder ein Anzweifeln ihres Geschlechts und ihrer Genderidentität". Und dass die Athletinnen keineswegs betrogen haben. Nur künftig sollen sie doch bitte ihren Testosteronspiegel in den Griff bekommen, obwohl sie ihn nicht künstlich in die Höhe getrieben haben. Stattdessen sollen sie ihn fortan künstlich senken - "mit einer Hormonbehandlung die der Antibabypille ähnelt, wie sie Millionen von Frauen weltweit nehmen", schreibt der IAAF.

Alternativ können sie bei den Männern starten. So nach dem Motto: Liebe Frauen, natürlich seid ihr Frauen, aber seid das doch bitte woanders, wo ihr weniger den Betrieb stört. Dazu muss man auch sagen: Der Effekt des Hormons reicht bei Weltklasseläufern nicht, um die Leistungsunterschiede von Männern und Frauen auszugleichen.

Die Grenze, ab der eine Frau zwar noch eine Frau ist, aber eine mit zu viel Testosteron für den sportlichen Wettbewerb unter Frauen, liegt jetzt bei fünf Nanomol Testosteron pro Liter Blut. Zum Vergleich: Bei den meisten Frauen liegt dieser Wert zwischen 0,1 und 1,8; bei Männern zwischen 7,7, und 29,4, so der IAAF. Etwa sieben Promille der Spitzensportlerinnen haben laut IAAF erhöhte Testosteronwerte.

Eine Grenzziehung mag deshalb plausibel erscheinen, allerdings wird sie für Experten immer willkürlich bleiben. So sagte etwa der Leiter des Endokrinologischen Labors am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität in München, Martin Bidlingmaier: "Aus hormoneller Sicht sind männlich und weiblich nur Extrempunkte. Alles dazwischen ist ein Kontinuum."

Natürlich gibt es Gründe, warum man die Grenze begrüßen könnte.

Ein hoher Testosteronspiegel bringt laut der vorgelegten Studie einen Leistungsvorteil, den man als unfair empfinden kann.

Einige Frauen mit einem extrem hohen Testosteronspiegel haben eine Hormonstörung, wie etwa die indische Läuferin Dutee Chand. Andere sind intersexuell wie die südafrikanische Läuferin Caster Semenya, die sich zeitlebens als Frau identifiziert hat und über deren Geschlechtsidentität plötzlich weltweit offen diskutiert wurde.

Caster Semenya beim 800m Lauf bei den Commonwealth Games 2018
DARREN ENGLAND/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Caster Semenya beim 800m Lauf bei den Commonwealth Games 2018

Man könnte also, wenn einem so etwas wichtig ist, feststellen, dass Chand und Semenya außergewöhnliche Frauen sind.

Genau. Wie jede Spitzensportlerin.

Selbstverständlich laufen, turnen, springen in der Weltspitze Frauen, die neben harter Arbeit und Hingabe auch Talent und überdurchschnittliche - außergewöhnliche - körperliche Voraussetzungen vorweisen.

Es gibt auch keine Maximalgröße beim Basketball

Warum aber sind superlange Beine, ein besonders breites Kreuz oder eine von Natur aus extrem gute Lungenkapazität erlaubt und torpedieren nicht die "fairen Voraussetzungen", die sich der IAAF wünscht - aber ein extremer Testosteronwert ist ein Problem?

Niemand käme auf die Idee, die US-Turnerin Simone Biles, deren Leistung die anderer Turnerinnen so deutlich überstrahlt, zu bitten, beim nächsten Turnier mal den rechten Arm hinterm Rücken festzubinden - der Fairness halber. Oder beim Basketball eine maximale Körpergröße durchzusetzen, weil die hart arbeitenden kleinen Athletinnen ja auch ein Anrecht auf die Weltspitze haben.

Es ist deshalb schade, dass der IAAF nicht zu einer Regel findet, die verblüffend einfach ist und die zum Beispiel auch Hormonexperte Bidlingmaier für sinnvoll hält: Wenn eine Frau als Frau aufgewachsen ist und sich als Frau fühlt - dann hat sich auch das Recht, als Frau Sport zu treiben.



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Leser161 27.04.2018
1. Einfach
Warum lange Beine okay sind und Testosteron nicht? Weil es im Sport Klassen gibt. Beim Boxen gibt es ziemlich viele, je nach Gewicht halt. Beim Laufen zwei - Männer und Frauen. Es muss daher eine willkürlich festgelegte Grenze geben, wann man in welche Klasse gehört. Beim Boxen ist es wieviel der Athlet auf die Waage bringt (und sein geschlecht) in der Leichtathletik halt eine gewisse Testosterongrenze. Gerade in Zeiten in denen wir erkennen das es soetwas wie Intersexualität gibt ist eine solche Einteilung hochaktuell und sinnvoll. Man kann generell gegen Klasseneinteilung im Sport sein. Aber ich fände das unfair gegenüber den Athletinnen die dann mit Männern konkurieren müssten.
asdf01 27.04.2018
2.
Warum gibt es Senioren- oder Junioren-Wettbewerbe? Weil man versucht, möglichst Gruppen ähnlicher Leitungsfähigkeit gegeneinander antreten zu lassen. Natürlich ist das nie perfekt, der eine ist mit 17 körperlich weiter als der andere. Will man diese Imperfektionen nicht akzeptieren, muss man in der Tat jeden gegen jeden antreten lassen und somit auch Frauen-Wettbewerbe abschaffen. Das ist dann korrekte Gleichstellung und müsste von den Feministen eigentlich bejubelt werden.
jeremy_osborne 27.04.2018
3. Endlich!
Eine sehr gute Entscheidung, wobei ich persönlich die Einführung einer dritten Kategorie, also Männer -- Frauen -- Intersex, als noch günstiger empfinden würde. Gerade die Mittelstreckenrennen bei den Frauen sind in letzter Zeit zur Farce verkommen. Und bei aller Liebe: "Wenn eine Frau als Frau aufgewachsen ist und sich als Frau fühlt - dann hat sich auch das Recht, als Frau Sport zu treiben." Das ist etwas zu naiv. Natürlich darf jede Frau, jede Intersexuelle, ja selbst jeder Mann jederzeit als Frau Sport treiben. Wenn man aber einen fairen Wettkampf haben möchte, muss man für die Teilnahme an diesem Wettkampf irgendwo eine Grenze ziehen.
hansulrich47 27.04.2018
4. Das seh ich anders!
Deutlich vermännlichte Sportlerinnen - wie früher aus der DDR - haben einen unfairen Vorteil. Ob das jetzt Doping ist oder "natürlich", das ist sehr zweifelhaft. Denn man kann der "Natur" schon mal mit Hormongaben nachhelfen. Und deshalb muss es Grenzwerte geben. Die Regeln sind sowieso schon zu lax, siehe "Asthma" bei Skilangläufern oder Radfahrern.
tanteju3 27.04.2018
5. Scheinheilig und inkonsequent.
Mag sein, dass es unfair den "normalen" Sportlerinnen gegenüber ist, aber ich halte diese Regelung trotzdem für scheinheilig. Man zwingt hier Menschen in eine Hormontherapie, deren Folgen gar nicht absehbar sind. Bei den männlichen Kollegen wurde diese Frage der Differenzierung aufgrund des Testosteronwertes noch nie gestellt, obwohl die Werte hier viel weiter auseinander liegen. Müsste man dann also konsequenterweise gar nicht mehr nach Geschlecht, sondern generell nach Testosteronwert kategorisieren?
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