Achilles' Verse: Im flachen Pool der Supernixen

Schwimmbecken in China (Archivbild): Wenn es im Schwimmbecken zu voll wird, wird aus Schwimmspaß eher Schwimmfrust Zur Großansicht
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Schwimmbecken in China (Archivbild): Wenn es im Schwimmbecken zu voll wird, wird aus Schwimmspaß eher Schwimmfrust

Wunderläufer Achim Achilles will seine Hühnerbrust im Schwimmbad stählen - und muss seine hehren Pläne schon bald begraben. Statt entlang strammer Bahnen führt sein Weg im Zick-Zack um plaudernde Wellnessnixen und austretende Senioren mit Skalpell-Fußnägeln. Ein Unding!

Ja, Schwimmen ist gut. Vor allem für Läufer, die aus 80 Prozent Beinen und Hühnerbrust bestehen. Leider kommt man kaum dazu. Denn gerade im Winter ist Schwimmen ein theoretischer Sport. Am Eingang ist zwar "Schwimmbad" zu lesen, aber leider wird dies überwiegend in "Stehparty" oder "Dümpelbecken" oder "Plauder-Pool" verdreht. An einem normalen Werktagsvormittag sind nicht Sportler, sondern weibliche Wellness-Wesen in der Übermacht. Von wegen Quote. Warum marodieren diese Damen eigentlich nicht in den Vorständen deutscher DAX-Unternehmen? Dort werden händeringend Frauen gesucht, die eiskalt um sich keilen.

Zu den drei meist gelesenen Texten der Menschheit gehören neben den 10 Geboten und Bedienungsanleitungen für Pulsuhren die klassischen Baderegeln. Kein Kind, das nicht von einem bärbeißigen Bademeister angemosert wurde: Nicht vom Rand springen! Nicht vom Rand pinkeln! Vorher brausen, und zwar mit Buxe runter! Ein mitunter traumatischer Befehl, gerade für Heranwachsende mit Schamglatze.

Man darf es als Triumph der Pädagogik betrachten, dass in manchen Bädern inzwischen einfühlsame Aushänge erklären, warum die Dusche hilfreich sei. Denn Körperpartikel und Chlor zusammen erzeugen jenes typische Badeanstaltsaroma, das bei geruchsempfindlichen Menschen fix bis zum Würgereiz führt.

Wenn Chlor weinen könnte, würde es schluchzen

Bin ich frauen- oder seniorenfeindlich, nur weil ich mich frage, wie es Damen in den nicht mehr ganz besten Jahren geschafft haben, ihren großräumigen Badeanzug bis zum Beckenrand knochentrocken zu halten? Besteht der Tatbestand der Vorverurteilung, wenn ich vermute, dass die Brause schlicht, sagen wir mal, vergessen wurde? Ein wenig Wasser jedenfalls hätte die Staubwolke ums kunstvoll turmtoupierte Haupthaar reduziert. Ist es Trocken-Shampoo? Mehltau? Oder Schlimmeres?

Wenn Chlor weinen könnte, dann würden wir die Chemikalie jedenfalls schluchzen hören, just da die Fregattenfrau sich samt Körperpartikeln zu Wasser lässt, natürlich genau in meiner Schwimmbahn. Warum muss ich gerade jetzt an stille Einlagen denken? Ich teile ja gern, wirklich, aber "teilen" heißt ungefähr halbe/halbe. Leider verhält es sich wie mit Walker und Waldweg - ein Exemplar reicht, um eine undurchdringliche Viererabwehrkette zu bilden.

Wer einmal vom ausgreifenden Brustbeinschlag dieser Damen getroffen wurde, der weiß, was Ewald Lienen seinerzeit fühlte. Ein in den siebziger Jahren zuletzt pedikürter Zehennagel schlitzt selbst stramme Oberschenkel skalpellgleich auf. Mit einem aalartigen Tauchschlängler kann man dem Killerfuß manchmal entgehen. Unmöglich wird Überholen allerdings, wenn Lady Titanic die Körperarbeit einstellt und auf der Stelle zappelt.

Schweinswale in der Nordsee sollen ja verrückt spielen, weil Fundamente für Offshore-Windräder in den Meeresboden gerammt werden. Wenn sich plötzlich die Beckenbeleuchtung verdunkelt, weil zwei wuchtige Pylonen vor mir stehen, wird mir ganz schweinswalig zumute.

"Spritzen Sie doch nicht so"

Kaum habe ich die rettende Wasseroberfläche erreicht, muss ich mich anmaulen lassen. "Spritzen Sie doch nicht so", ermahnt mich die Offshore-Oma. Ich könnte jetzt anhalten und einen Vortrag beginnen über den Zusammenhang von Schwimmen und Wasser und kraftvollem Kraulen und kollateralen Wassertropfen. Aber mein Fluchtreflex ist stärker. "Jetzt spritzt er absichtlich noch mehr", sekundiert der Tanker von der Nebenbahn. Ja, zum Teufel, hol' doch die Wasserschutzpolizei, denke ich, und mache den ersten Beinschlag des Tages.

Früher, als die Welt noch in Ordnung war, konnte man sich wenigstens noch auf Männersolidarität verlassen. Aber damit ist es auch vorbei. Vor lauter Minderheitenpanik verbünden sich ältere Herren zuverlässig mit den Trockenhaar-Nixen; wahrscheinlich spekulieren sie nach getanem Treibenlassen auf gemeinsamen Eierlikör mit einem Schuss Biovital. Ich fliehe unter die Dusche, wasche mir den Mund mit einem satten Spritzer Arctic-Duschgel aus und warte auf den demografischen Wandel. Eines Tages werde ich auch zu denen gehören, die diese Heißsporne terrorisieren.

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1. Ich würd ja...
shardan 27.11.2012
.. lachen, wenn es nicht so wahr wäre... Es wird - in meinen Augen - nur noch unterboten vom samstäglichen Einkauf im Supermarkt. Warum haben sich sämtliche Rollatorbesitzer eigentlichd arauf geeinigt, genau zu den Zeiten einkaufen zu gehen, zu denen berufstätige mehrheitlich einkaufen müssen wg. arbeitszeiten? "Wir gehen schon seit 50 Jahren Samstags um 11 einkaufen" lautet die fest in Erz und Stein gegossene Antwort. Änderung ausgeschlossen. So stehen dann fünf Einkaufswagen, drei rollatoren und 7 personen natürlicha n der engsten Stelle, ein Durchkommen ist unmöglich. Ein freundliches "Darf ich mal durch" wird mit einem geblafften "Nu drägeln se mal nicht so, junger Mann" (der ist 52..) beantwortet. Sehr beliebt ist auch der Karren- Spreizstand, den Einkaufswagen quer im Gang zwischen den Regalen, bloß nicht loslassen, wenn man nach der anderen regalseite greift und die Inschrift auf allen (identischen) Dosen einzeln lesen muss, was natürlich erstmal das Suchen nach der Brille auslöst... Natürlich ist der Behinderungseffekt für andere maximal, und selbstverständlich wird jeder, der mal vorbei möchte, kalt ignoriert. irgendwann schiebt dann der junge Schnösel (52) den karren einfach weg. Dann schimpft man wieder über die Jungen, die sich nicht benehmen können - und stellt die Karre quer vor das regal, damit ja keiner nach einer der Dosen greift, boveon amn nicht alle etiketten auf den (identischen) Dosen selbst gelesen hat. Liebe Senioren, es gibt außer dem Samstag noch andere Wochentage. Und wenn es irgendwie geht, gehe ich hier Dienstags oder Mittwochs in unseren Großmarkt, zur Mittagszeit. Da ist sogar Personal frei, das einen vor Langeweile gern bedienen möchte. Und kein Rollator, der einem plötzlich kniebrechend aus dem Seitengang in den Weg geschoben wird.
2. Körperpartikel?
nurmeinsenf 27.11.2012
Das wahre Grauen liegt in der Parfümierung! Verschwenderischer als ein Teenie sich mit Bodyspray einnebelt gehen nur die Bade-Senioren mit Eigenbeduftung um. Bei jeder Bahn muß man durch fiese, übelkeitserregende Geruchsschwaden, die sich im Umkreis von 2-3 Metern um diese "Trockenhaar-Nixen" verteilen. Da ziehe ich jeden ehrlichen Chlorgeruch vor.
3.
mm71 27.11.2012
Zitat von sysopREUTERSWunderläufer Achim Achilles will seine Hühnerbrust im Schwimmbad stählen - und muss seine heeren Pläne schon bald begraben. Statt entlang strammer Bahnen führt sein Weg im Zick-Zack um plaudernde Wellnessnixen und austretende Senioren mit Skalpell-Fußnägeln. Ein Unding! http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/sportler-achim-achilles-aergert-sich-im-schwimmbad-ueber-die-rumsteher-a-869503.html
Hm, also in vielen Bädern gibt es genau dafür extra gekennzeichnete Tempobahnen. In Berlin nicht?
4.
KuGen 27.11.2012
Sehr fein gezeichnet, danke!
5. Klasse!
yogibimbi 27.11.2012
Ich hätte dem ja als mitleidender Schwimmer noch einiges hinzuzufügen, aber das würde zu lang werden. Statt dessen, der Rache halber, nur noch ein neues Kurzwort für Aquafitness: Wal-Ballett. Auf portugiesisch hört sich das ganze geradezu poetisch an: Balé das Baleias, aber da hierzulande noch nicht jeder portugiesisch versteht, und sich die portugiesischen Damen auch nicht annähernd so territorial-borniert verhalten wie die o.g. Fregatten, lassen wir es besser bei der deutschen Fassung.
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ZUR PERSON
  • Beatrice Behrens
    Achim Achilles

    Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.