In Deutschland reiten etwa zwei Millionen Menschen. Jährlich verunglücken dabei etwa 93.000 Menschen. Damit stellt Reiten etwa sechs Prozent der insgesamt 1,46 Millionen Sportunfälle. Leider stammen diese Unfallstatistiken der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin aus dem Jahr 2000, aktuellere Zahlen gibt es bisher nicht, weil Reitunfälle nicht meldepflichtig sind.
Über Männer und Frauen gemittelt nimmt Reiten damit zwar nur einen mittleren Platz in der Liste der gefährlichsten Sportarten ein - weit nach Fuß-, Hand-, Volley- und Basketball. Bei Frauen jedoch ist Reiten aufgrund seiner Beliebtheit die Sportart mit den meisten Unfallopfern.
Professor Norbert Meenen ist Sektionsleiter der Pädiatrischen Sportmedizin des Altonaer Kinderkrankenhauses und Gründer und Sprecher der Hamburger AG Reitsicherheit, einer ärztlichen Vereinigung, die die Sicherheit im Reitsport fördert und verbessert. Er kennt die Tücken der beliebten Sportart und klärt im Interview darüber auf.
Herr Meenen, warum ist Reiten gefährlich?
Pferde sind Fluchttiere und erschrecken leicht. Der Anlass kann uns völlig harmlos erscheinen, eine Plastiktüte kann beispielsweise schon der Grund sein, dass sich das Tier erschrickt und zur Seite springt oder durchgeht. Pferde können auch unsicher werden, wenn sie sich langweilen, weil sie von einem Anfänger geritten werden. Das Pferd will dann erst mal nur eines: abhauen. Um den Reiter kümmert es sich dann nicht mehr. Wenn der dann nicht weiß, wie er mit einem durchgehenden Tier umgehen muss, wird's brenzlig.
Verunglücken erfahrene Reiter also seltener?
Auch erfahrene Reiter kann es treffen. Beim Profireiten sind die Gründe für Unfälle andere. Die Anforderungen an die Tiere sind höher, und die Pferde selbst oft auch jünger und schwieriger von ihrer Natur her.
Wann und wie passieren die meisten Unfälle?
Die meisten passieren beim Sturz vom Pferd. Viele Unfälle finden aber auch schon im Stall statt, bei der Pflege des Tieres. Pferde können treten und beißen. Daher sollte man schon im Stall unbedingt einen Helm tragen und festes Schuhwerk, vor allem Kinder.
Was sind die häufigsten Verletzungen?
Oft sind es Verletzungen der Extremitäten, also Prellungen und Brüche von Armen, Schultern, Händen und auch der Rippen. Aber auch Wirbelverletzungen, Gehirnerschütterungen und schwerere Kopfverletzungen passieren. Ein Helm kann zwar schützen, aber absolute Sicherheit bietet er nicht. Die schlimmsten Verletzungen treten dann auf, wenn das Pferd mit dem Reiter fällt und über ihn rollt. So etwas geschieht beispielsweise beim Spring- und Vielseitigkeitsreiten. Es kann aber auch beim Ausreiten passieren, wenn das Pferd stolpert und man nicht rechtzeitig aus dem Sattel kommt.
Wie kann man Unfälle vermeiden?
Je besser man das Pferd kennt, desto sicherer ist das Reiten. Ein Helm ist Pflicht, guten Schutz für den Oberkörper und die Halswirbelsäule bieten unserer Erfahrung nach Airbag-Westen. Vor dem Reiten sollte man ein Falltraining machen, dass man sich mit einer Judorolle bei einem Sturz abrollen kann.
Können Eltern guten Gewissens ihre Kinder aufs Pferd lassen?
Ja, wenn sie die Sicherheitsvorkehrungen beachten, ist Reiten ein fantastischer Sport, Kinder können dadurch ihre Bewegungsfähigkeit verbessern und lernen auch noch Verantwortung für ein Lebewesen. Das Kind wird durchs Reiten sicherer.
Worauf müssen Eltern achten?
Weil eben schon Unfälle im Stall passieren, ist es ganz wichtig, dass die Kinder dort schon den Helm aufsetzen. Weiterhin muss klar sein, dass Pferde keine Schmusetiere sind, sondern beißen und treten können. Eltern sollten ihre Kinder nur auf gut ausgebildete Schulpferde lassen, begleitet von einem erfahrenen Reitlehrer. Wichtig ist, dass das Kind das Pferd kennt und das Pferd das Kind. Daher rate ich von spontanen Urlaubsausritten auf fremden Pferden ab.
Gibt es Pferderassen, die gefährlicher sind als andere?
Nein, das kann man so nicht sagen. Es kommt immer auf die Ausbildung des Pferdes an. Grundsätzlich sind aber zum Beispiel Island-Pferde wesentlich nervenstärker als ein Vollblutpferd.
Das Interview führte Jens Lubbadeh
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Gesundheit | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ernährung & Fitness | RSS |
| alles zum Thema Pferdesport | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH