Rückenschmerzen Der Urmensch hatte auch noch keinen Stuhl

Hallo! Ja genau, Sie sind gemeint, Sie da an Ihrem Büroschreibtisch! Acht Stunden täglich sitzen ist nämlich zu viel. Schon mal einen Stehtisch ausprobiert? Der wirkt Wunder, meint Kolumnist Jens Lubbadeh.

Sitzen im Büro: Für viele ist das der Standard - den ganzen Tag
Corbis

Sitzen im Büro: Für viele ist das der Standard - den ganzen Tag


Der Urmensch hatte noch keinen Stuhl. Und wenn er einen gehabt hätte - er wäre wohl im Sitzen gestorben (Säbelzahntiger). Auch der moderne Mensch lässt sich mit dem Stuhl umbringen - nur langsamer: Bluthochdruck, Herzinfarkt, Diabetes, Krebs heißen die Säbelzahntiger unserer Zeit, die durch zu viel Sitzen hervorgerufen werden. Aber irgendwann kriegen sie uns auch - wenn wir nicht endlich unseren Hintern hochkriegen.

Wir sind uns dessen nicht mehr so bewusst, aber der Stuhl war lange Zeit ein Luxusobjekt. Pharaonen, Könige, Päpste thronten auf ihm, während das gemeine Volk im Staub kroch oder bestenfalls im Schneidersitz - auch dieses Wort sagt schon alles - auf dem Boden hockte. Erst die Renaissance machte den Stuhl zum Gebrauchsobjekt fürs gemeine Volk.

Nun verbringen wir fast unser ganzes Leben auf ihm: morgens am Frühstückstisch, dann hinterm Steuer, dann am Schreibtisch und abends auf der Couch - vor dem Roman, vor der Glotze, vor Facebook. Bis wir schließlich in die Horizontale gehen. Na dann, gute Nacht.

Was kommt als nächstes?

Wissenschaftler sehen im Sitzen eine neue Volkskrankheit. Und es geht nicht mehr nur um Rücken und Bandscheibe. Zu viel Sitzen ist ähnlich gefährlich wie Rauchen, wie unter anderem eine große Studie an 123.000 Amerikanern über 14 Jahre hinweg ergab: Bei Vielsitzern (mehr als sechs Stunden täglich) war die Mortalität erhöht (Männer: plus 20 Prozent, Frauen: plus 40 Prozent). Und das galt übrigens unabhängig davon, ob die Leute nach dem Sitzen ins Fitnessstudio gingen oder nicht.

Ich weiß, was Sie jetzt denken. Ach komm, sagen Sie, der Mensch sitzt schon seit Jahrmillionen und ist noch nicht ausgestorben. Was werden die Medien wohl als nächste tödliche Gefahr verteufeln? Lachen? Niesen? Atmen?

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Ja, es stimmt, der Mensch sitzt schon so lange, wie er Sitzfleisch hat. Und nein, er ist noch nicht ausgestorben wegen des Sitzens. Nur - er saß noch nie so viel wie heute.

Sie können ja mal für sich ausrechnen, wie viel Zeit Sie als Nachfahre des stolzen Homo erectus, des aufrecht gehenden Menschen, überhaupt noch in aufrechter Position verbringen. Bei mir sind das maximal zwei Stunden am Tag - ein Zwölftel meiner Lebenszeit! Ob die Natur unseren Körper dafür konzipiert hat?

Wacher, kreativer, mehr Elan

Vor 15 Jahren habe ich angefangen zu arbeiten. Vor fünf Jahren bekam ich Rückenschmerzen. Nach einer monatelangen Odyssee bei meinen Lieblingsärzten, den Orthopäden, konnte ich mir irgendwann aus all dem unverständlichen, unmotivierten und unfreundlichen Diagnose-Kauderwelsch das Richtige zusammenreimen: Ich hatte einfach zu viel Rückenmuskulatur durch das viele Sitzen verloren. Ich begann an mehreren Schrauben zu drehen: Ich bekam Krankengymnastik verschrieben (brachte gar nichts), machte regelmäßig Rückenübungen (brachte viel) und vor allem beantragte ich ein Stehpult, das mir nach einer schier endlosen Odyssee durch die Behörden und nach zweimaliger Abfuhr ein Jahr später endlich genehmigt wurde.

Und es ist großartig! Ich bin wacher, bilde mir ein, bessere Ideen zu haben, und arbeite mit mehr Elan. Allein, dass man nach der Kantine nicht mehr so schnell ins Mittagskoma fällt, macht es zur lohnenden Anschaffung - die Schweinshaxe im Bauch balanciert sich im Stehen einfach besser aus. Und Sie müssen auch nicht mehr Ihren Kopf abstützen, damit er nicht vor Ihrem Monitor auf die Tastatur plockt, wenn Sie wieder zu lange Excel-Tabellen hoch- und runtergescrollt haben.

Auch da sind uns die USA wieder ein paar Schritte voraus, viele Schritte sogar: Da gibt es schon Stehpulte mit Laufbändern. So kann man praktischerweise Excel-Tabellen und zehn Meilen gleichzeitig runterscrollen. Ist das nicht hypereffizient? Dadurch spart man sich das abendliche Geracker im Fitnessstudio und hat endlich mehr Zeit, um dann auf der Couch noch viel mehr Facebook-Seiten zu scrollen.

Warum der Sitzzwang?

Aber was will man von der Bastion des Kapitalismus auch anderes erwarten. Das Laufband ist ja im Prinzip nichts anderes als der Urenkel des Fließbands. Und so schließt sich der Kreis: Stellte Henry Ford, der Erfinder der Massenproduktion, seine Arbeiter noch an das Band, stellen die sich nun sogar selbst aufs Band. Wenn das mal nicht konsequent ist.

Man muss nicht gleich Büromarathons laufen. Aber die Richtung stimmt. Und es wäre schön, wenn das auch die Arbeitgeber verinnerlichen würden. Hier stehe ich nun an meinem Stehpult und kann nicht anders, als mich zu fragen: Warum muss die Gemeinschaft dafür zahlen, dass mein Arbeitgeber mich krank macht?

Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin mit dem schönen Kürzel BAuA empfiehlt seit Jahren höhenverstellbare Tische als eine wirksame Maßnahme, um Rückenproblemen und Bandscheibenvorfällen vorzubeugen. Und sie würde auch noch unsere Lebenszeit verlängern. Ich frage mich, wann Arbeitgeber endlich begreifen, dass sie ihre Angestellten mit diesem Acht-Stunden-Sitzzwang krank machen. Damit schaden sie sich selbst und der Gesellschaft.

Erheben wir uns!

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