Süßstoffe: "Dass Stevia Vorteile hat, ist reine Glaubenssache"

Der weiße Haushaltszucker kämpft mit einem schlechten Image. Zu Unrecht, sagt Ernährungsmediziner Andreas Pfeiffer. Im Interview erklärt er, warum der Kristallzucker nicht ungesünder als Honig - und der Hype um Stevia unbegründet ist.

Weißer Kristallzucker: Das Image des Haushaltszuckers ist besonders schlecht Zur Großansicht
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Weißer Kristallzucker: Das Image des Haushaltszuckers ist besonders schlecht

SPIEGEL ONLINE: Herr Pfeiffer, ist Honig gesünder als Zucker?

Andreas Pfeiffer: Nein, metabolisch gesehen unterscheiden sich beide nicht wesentlich voneinander.

SPIEGEL ONLINE: Was für Vorteile hat Honig denn dann überhaupt?

Pfeiffer: Nur geschmackliche (lacht).

SPIEGEL ONLINE: Und gesundheitliche? Es heißt ja immer wieder, er soll gegen Entzündungen helfen, das Immunsystem stärken, Husten lindern. Ist da irgendetwas dran?

Pfeiffer: Es gibt Honigsorten, bei denen bestimmte Effekte nachgewiesen sind, zum Beispiel Manuka-Honig. Es gibt auch einige Studien, die belegen sollen, dass Honig über Zucker hinausgehende Wirkungen hat. Wenn Sie die Honiggemeinschaft fragen, haben die eine fast schon mystische Beziehung dazu. Aber mit Wissenschaft hat das oft nur am Rande zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Zucker hat keinen guten Ruf. Zu Recht?

ZUR PERSON

Andreas Pfeiffer ist Direktor der Abteilung Endokrinologie, Diabetes und Ernährungsmedizin an der Charité in Berlin.

Pfeiffer: So schlicht gesehen nicht. Wenn ein gesunder Mensch Zucker, also Saccharose, in vernünftigen Mengen isst, macht ihm das überhaupt nichts. Die in ihm enthaltene Glukose ist der Hauptbrennstoff des Körpers.

SPIEGEL ONLINE: Brauner oder weißer Zucker - welcher ist gesünder?

Pfeiffer: Zwischen den beiden einen Unterschied zu machen, ist totaler Blödsinn. Das ist beides im wesentlichen Saccharose.

SPIEGEL ONLINE: In vielen Lebensmitteln ist zu viel Zucker , was immer wieder von Verbraucherschutzorganisationen kritisiert wird. Ist das verantwortlich für die Zunahme der Diabetes-Erkrankungen?

Pfeiffer: Diabetes ist kein einfaches Phänomen. Der Zucker verursacht Typ-2-Diabetes nicht direkt. Der Auslöser ist das Übergewicht. Aber natürlich führt überhöhter Zuckerkonsum zu Übergewicht. Typ-1-Diabetes hat mit dem Zuckerkonsum nichts zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht das bei Kindern aus? Lebensmittel für Kinder enthalten ja sehr viel Zucker.

Pfeiffer: Typ-2-Diabetes bei Kindern nimmt zu, ist aber absolut gesehen noch selten. In Deutschland sind das keine hundert Fälle. Aber auch hier ist Diabetes eine Folge extremer Adipositas.

SPIEGEL ONLINE: Aspartam hat auch keinen besonders guten Ruf. Immer wieder gab es den Verdacht, dass es Krebs auslösen könnte. Was ist da dran und warum überprüft die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA derzeit Aspartam erneut?

Pfeiffer: Ja, das stimmt, derzeit wird es erneut überprüft. Auslöser war eine italienische Studien aus dem Jahr 2010, in der Mäuse nach Aspartamkonsum Tumore entwickelt hatten sowie eine weitere Studie, die zum Schluss kam, dass täglicher Aspartamkonsum das Risiko einer Frühgeburt erhöht. Allerdings wurden die Standards beider Studien kritisiert.

Dass ein Mensch durch den Konsum von Aspartam und anderer Süßstoffe in Mengen, die normalerweise zum Süßen verwendet werden, gesundheitliche Folgen zu befürchten hat, ist meiner Ansicht nach wissenschaftlich nicht belegt. Wenn man Mäuse mit Mengen von Aspartam abfüllt, die mit reellem Konsum nichts zu tun haben, zeigt das meiner Ansicht nicht, was der Süßstoff im Körper tut. Es gibt bisher keine Daten, die mich vom Gegenteil überzeugt hätten. Aber darüber gibt es unter Experten unterschiedliche Meinungen.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt die Hypothese, dass Süßstoffe eine Insulinausschüttung nach sich ziehen, was eine Unterzuckerung bewirkt. Stimmt das?

Pfeiffer: Nein, das ist schon lange widerlegt.

SPIEGEL ONLINE: Süßstoffe machen also nicht hungrig?

Pfeiffer: Das ist eine komplexere Frage. Wenn man Ratten die Wahl lässt zwischen normalem Wasser und mit Süßstoff versetztem Wasser, werden sie zunächst mehr von dem Süßstoff-Wasser trinken. Das bedeutet, dass das Gehirn darauf konditioniert ist, mit dem Reiz "süß" energiereiche Nahrung zu verbinden. Allerdings werden die Ratten das Süßstoff-Wasser links liegen lassen, wenn dann nicht auch energiereiche Nahrung kommt. Aber es ist nicht belegt, dass Süßstoffe Hungergefühle erzeugen.

Trotzdem halte ich es für möglich, dass Menschen, die viel Süßstoff verwenden, generell mehr Süßes essen - ganz einfach aus Gewohnheitsgründen. Menschen haben nunmal bestimmte Präferenzen. Wenn jemand permanent viel Süßes isst, tritt eine Desensitivierung ein, so dass er letztlich immer mehr Süßes braucht - also eine gewisse Sucht nach Süßem entwickelt.

SPIEGEL ONLINE: Wie beurteilen Sie den neuen Süßstoff Stevia?

Pfeiffer: Stevia ist ein Süßstoff, der aus einer natürlichen Quelle stammt. Er hat eine wesentlich stärkere Süßkraft als Zucker, aber auch einen bitteren Beigeschmack. In einer naturphilosophisch geprägten Gesellschaft wie hier in Deutschland, finden Leute einen Süßstoff mit natürlicher Herkunft in der Regel besser als Aspartam. Aber dass Stevia, weil es natürlich ist, irgendwelche Vorteile hat, ist reine Glaubenssache.

Das Interview führte Jens Lubbadeh

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insgesamt 124 Beiträge
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1. Kern verfehlt
kalimpula 26.06.2013
Natürlich ist nichts besser oder schlechter als der Ersatz. Vielmehr sollte es darum gehen, die Gesellschaft zu wecken, dass der Zuckerkonsum allgemein zu hoch ist. Mir kommt es hier vor, als wenn die Zuckerlobby versucht den Absatz anzukurbeln und drohende Mitbewerber kalt zu stellen. Wäre ja nicht das erste mal. Ich kann nur raten, Produkte auszuschließen, un denen un ersten Positionen der Zutaten Zucker aufgeführt ist. Lieber lange kauen. Das gibt Langzeitzucker. Obst pur ist auch viel besser als der ganze überzuckerte Industriemüll...
2. na ja
weiterschlafen 26.06.2013
es ist richtig daß zu viel immer schadet,egal um was es geht.Aber ich werde trotzdem kein Aspartam zu mir nehmen und auch sonst keine Süßstoffe ausser Honig und Rohrzuker in geringen Mengen.Seit tausenden von Jahren hat der Mensch ohne Süßstoffe und Zucker zusätzlich einzunehmen überlebt,unser Körper holt sich das Zeug (Fruchtzuker) aus Obst und Gemüse.Die Zukerlobby kann mich nicht reinlegen.
3. das Beste fehlt !!!
mebschmw 26.06.2013
Eine Alternative fehlt in der Betrachtung, und zwar die einzig gute: Xylit = Xylitol = Xucker (Marke) = Birkenzucker. Xylit schmeckt wie Kristallzucker, sieht auch so aus und hat eine nahezu identische Süßkraft. Es kommt auch im menschlichen Körper vor, löst keine Insulinausschüttung aus, hat nur 50% Kalorien und ist für Hunde und Zahnbelags-Bakterien tödlich. So perfekt ist kein anderes Süßzeug. Damit schmeckt auch mein Illy-Espresso wie er soll. Und die Zähne und die Figur haben Grund zum Jubeln! Einziger Nachteil: Xylit ist 6x so teuer wie Kristallzucker. Aber ne Tüte (1 kg zu 9 €) hält bei mir 4 Monate. Was solls. Zahnarztrechnungen wären erheblich teurer.
4. DIe "süße" Mafia...
ich_bin_der_martin 26.06.2013
Zitat von sysopDPADer weiße Haushaltszucker kämpft mit einem schlechten Image. Zu Unrecht, sagt Ernährungsmediziner Andreas Pfeiffer. Im Interview erklärt er, warum der Kristallzucker nicht ungesünder als Honig - und der Hype um Stevia unbegründet ist. http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/stevia-honig-zucker-aspartam-welcher-suessstoff-ist-der-beste-a-905135.html
Jahrzehnte hat sich die "Nahrungsmittel-Industrie" Mühe gegeben, der Bevölkerung einen "süßen Zahn" einzubläuen. Nach und nach wurden die Speisen immer süßer. Die Industrieprodukte sind ohne Zucker eklig und nicht verkäufluch. Mit Zucker (aus dem Man auch Alkohol machen kann) wird eine Menge - ja sehr viel- Geld verdient. Setvia süß ähnlich wie Zucker, bringt der europäischen Industrie jedoch viel weniger Gewinn. Stevia ist gesünder, weil es kaum Kalorien enthält und die Zähne nicht angreift. Das alles ist dem europäischen Hochadel jedoch Latte - weil sie damit kein Geld verdienen können...
5. 'Also'
bauern-muenchen 26.06.2013
sprach der Zucker 'ich bin so gefährlich, weil ich so raffiniert bin!' und grinste sich einen. Diese Raffinesse fehlt dem Artikel, deswegen ist er so bitter - und mir vergeht mal wieder das Lachen.
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