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10. Januar 2013, 13:57 Uhr

Lebensmittel-Stichproben

Resistente Keime in Schweinemett entdeckt

Immer häufiger finden Behörden antibiotikaresistente Keime in Lebensmitteln - jetzt sind solche Bakterien auch in Proben von Schweinemett aufgetaucht. Die meisten Keime sind offenbar harmlos. Politiker fordern dennoch, den Einsatz von Antibiotika in der Tiermast deutlich zu senken.

Berlin - Viele Zwiebeln und gut gewürzt: Schweinemett auf Brot lockt an zahlreichen Bäckerei- und Fleischertheken hungrige Kunden. Doch die Ergebnisse einer aktuellen Untersuchung könnte so manchem Mettliebhaber den Appetit verderben. Einer Stichprobe zufolge, die im Auftrag der Grünen erfolgte, ist Schweinemett oft mit Keimen belastet, die gegen Antibiotika resistent sind.

Die Keime tauchten im Mett auf, weil mittlerweile viele Tiere in den großen Mastställen damit infiziert seien, erklärte die Grünen-Bundestagsfraktion am Donnerstag. Ursache sei der massive und häufig unsachgemäße Einsatz von Antibiotika in der Nutztierhaltung. Deutschland liegt laut einer Studie der Heinrich-Böll-Stiftung und des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) weltweit auf einem der vorderen Plätze beim Einsatz von Antibiotika pro Kilo erzeugtem Fleisch.

Die Grünen-Bundestagsfraktion ließ im Dezember in zehn großen Städten an jeweils fünf Orten Schweinemett einkaufen: bei Discountern, in Supermärkten und Bäckereien. Die Produkte, etwa Zwiebelmettwurst, Mettbrötchen oder frisches Mett, ließen sie im Labor untersuchen. Die Untersuchung umfasste insgesamt 50 Proben, acht davon waren demnach positiv auf sogenannte ESBL-Keime getestet worden.

ESBL ist die Abkürzung für "extended-spectrum beta-lactamases". Unter diesen Begriff fallen Enzyme, die bestimmte Antibiotika verändern und damit unwirksam machen. Bakterien, die diese Enzyme produzieren, werden deshalb gegenüber wichtigen Antibiotika wie etwa Ampicillin unempfindlich. Derartige Resistenzen findet man bei verschiedenen Bakterien wie Salmonellen, Klebsiellen oder einigen Escherichia-coli-Bakterien.

Verbreitung von antibiotikaresistenten Keimen ist problematisch

Wie hoch das Risiko ist, durch den Konsum von ESBL-belasteten Lebensmitteln zu erkranken, ist unklar. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) gibt dazu an, dass die meisten Bakterien, die ESBL bilden, harmlose Darmbewohner sind, die keine Erkrankungen verursachen. Es sei aber nicht bekannt, wie oft der Kontakt oder die Besiedlung mit ESBL-bildenden Keimen beim Menschen zu einer Erkrankung führe.

Gleichwohl ist die Problematik der Verbreitung antibiotikaresistenter Bakterien nicht zu unterschätzen. Denn im Falle einer Erkrankung, so das BfR, sei diese aufgrund der Resistenz schlechter behandelbar. Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene schätzt, dass in Deutschland jährlich bis zu 20.000 Menschen an Infektionen sterben, die sie sich in einer Klinik zugezogen haben. Dabei sind resistente Keime ein besonders großes Problem. Wie viele Menschen sterben, weil sie nicht mehr vollständig auf die Behandlung mit Antibiotika ansprechen, lässt sich jedoch nur abschätzen. Nach Angaben der Heinrich-Böll-Stiftung und des BUND sind es europaweit jährlich rund 250.000 Menschen.

Maßnahmen zur Eindämmung gefordert

In einer Stellungnahme vom letzten Jahr kommt das BfR zu dem Schluss, dass ESBL-bildende Bakterien in Nutztierbeständen (Geflügel, Schwein, Rind) sowie in Lebensmitteln (Schweinefleisch, Geflügelfleisch und Rohmilch) immer häufiger vorkommen. Aus den bisher vorliegenden Erkenntnissen sei bereits jetzt abzuleiten, dass ein Gesundheitsrisiko für den Menschen von ESBL-bildenden Bakterien aus der Tierhaltung ausgehe. Obwohl der Anteil belasteter Proben in Deutschland noch niedrig scheine, ist das BfR der Auffassung, dass Maßnahmen zur Eindämmung ergriffen werden sollten.

Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Bärbel Höhn, und der agrarpolitische Sprecher Friedrich Ostendorff kritisierten, Mastställe seien "quasi ein riesiges Trainingsgebiet für Keime, um resistent gegen Antiobiotika zu werden". Sie forderten, den Einsatz von Antibiotika in der Tiermast "deutlich" zu reduzieren. Dies sei nur möglich, wenn die Größen der Herden verkleinert würden und die Tiere mehr Platz bekämen.

Der BUND-Vorsitzende Hubert Weiger kritisierte, es würden weiterhin neue Megaställe gebaut, deren Förderung Fleisch beim Discounter scheinbar billig mache. "Tatsächlich zahlen die Verbraucher einmal beim Kauf des Fleisches, dann mit Steuergeld für neue Ställe und Schlachthöfe und drittens für die Umwelt- und Gesundheitsschäden."

Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) habe es nicht geschafft, hier Veränderungen einzuleiten. Der BUND setze sich dafür ein, bei der laufenden EU-Agrarreform die Vergabe der Subventionen an strenge Umwelt- und Tierschutzauflagen zu binden.

cib/AFP

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