Stiftung Warentest Süßstoff Stevia hilft beim Kaloriensparen

300-mal süßer als Zucker, aber kaum Kalorien: das Süßungsmittel Stevia macht vielen Menschen Hoffnung, der Markt boomt. Mit den Produkten lassen sich tatsächlich Kalorien einsparen, hat eine Untersuchung der Stiftung Warentest ergeben. Allerdings leidet häufig der Geschmack.

Sprießende Stevia-Pflanze: Hinter der Süßkraft stecken zwei Geschmacksstoffe, einer der beiden hat eine bittere Note
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Sprießende Stevia-Pflanze: Hinter der Süßkraft stecken zwei Geschmacksstoffe, einer der beiden hat eine bittere Note


Stevia scheint eine Art Wunderkraut zu sein, das die Träume vieler Süßigkeiten-Junkies erfüllt: Die Pflanze enthält Stoffe, die etwa 300-mal süßer sind als der herkömmliche Haushaltszucker. Während die Zunge diese sogenannten Steviolglykoside wahrnimmt, passieren sie den Rest des Körpers weitgehend unangetastet. Da der Körper sie kaum verarbeitet, kann er auch keine Energie aus ihnen ziehen - sie enthalten quasi keine Kalorien.

In der Herkunftsregion der Pflanze, dem Hochland von Amambay zwischen Paraguay und Brasilien, nutzen die Menschen Stevia seit Jahrhunderten zum Süßen, in Europa wurde die Pflanze erst vor einigen Jahrzehnten eingeführt. Wer Stevia wollte, konnte hierzulande lange Zeit nur die getrocknete Pflanze - als Badezusatz getarnt - im Reformhaus kaufen. Bis heute sind die Blätter nicht zum Verzehr zugelassen.

Allerdings erklärte die Europäische Lebensmittelbehörde Efsa die süßen Inhaltsstoffe der Pflanze im April 2004 als gesundheitlich unbedenklich: Die Steviolglykoside seien weder krebserregend, noch schadeten sie der Fortpflanzung. Seit Ende 2011 dürfen die Substanzen nun als Zusatzstoff E 960 in Lebensmitteln verwendet werden. Viele Hersteller brachten umgehend steviagesüßte Produkte auf den Markt, Stiftung Warentest hat 16 davon getestet. Bei sechs der Produkte verglichen die Prüfer die kalorienreduzierte Steviavariante mit dem Originalprodukt.

Trotz Stevia enthalten viele Produkte noch Zucker

In allen untersuchten Lebensmitteln konnten die Tester die pflanzlichen Inhaltsstoffe nachweisen. Allerdings enthalten die meisten Produkte trotz Steviasüße noch konventionelle Süßstoffe oder Zucker. Dies liegt vor allem am Eigengeschmack der Steviasüße: Einer der beiden süßenden Steviolglykoside, das Steviosid, besitzt eine bittere, lakritzartige Note. Zu viel Stevia würde schlicht den Geschmack von Erdeeberkonfitüre oder Vollmilchschokolade verfälschen.

Hinzu kommt, dass die Hersteller den Süßstoff nur in begrenzten Mengen nutzen dürfen, ein Liter Limonade etwa sollte höchstens 80 Milligramm des Pflanzenstoffs enthalten. Alle untersuchten Produkte hielten diese Höchstgrenze ein. Vor einer Überdosis Stevia muss demnach niemand Angst haben: Die Efsa rät, täglich höchstens vier Milligramm Steviolglykoside pro Kilogramm Körpergewicht zu konsumieren. Wer die Produkte in normalen Mengen verzehrt, erreicht diese Grenze nicht einmal annähernd.

Weniger Kalorien, allerdings auch weniger Süße

Trotz der begrenzten Mengen hilft die Steviasüße beim Kaloriensparen: Fast alle untersuchten Steviaprodukte enthielten im Vergleich zum Original ein Viertel oder die Hälfte weniger Kalorien. Als Verbraucherenttäuschung entpuppte sich nur der Lipton Ice Tea mit Stevia. Ein halber Liter des Getränks enthielt gerade mal 1,5 Gramm weniger Zucker als das Original, eine Einsparung von fünf Kilokalorien.

Beim Paarvergleich Steviaprodukt gegen Original zeigte sich jedoch, dass die kalorienreduzierten Varianten häufig nicht so intensiv süß schmecken wie das Original und oft einen leicht bitteren Nachgeschmack besitzen. Auch könne Stevia auf der Zunge ein stumpfes, belegendes Gefühl erzeugen. Steviaprodukte seien für viele erst einmal gewöhnungsbedürftig, schreibt Stiftung Warentest.

Auch in Sachen Natürlichkeit hält das Produkte aus der Wunderpflanze nicht ganz, was sich mache versprechen: Um die süßenden Substanzen aus den Steviablättern zu gewinnen, ist ein komplexes chemisches Verfahren notwendig, heraus kommt ein weißes, reines Pulver. Dafür bringt die Steviasüße jedoch auch viele Vorteile mit sich: Sie ist leicht wasserlöslich, koch- und backfest und in Lebensmitteln lange haltbar. Auch sind mit Steviolglykosiden gesüßte Lebensmittel für Diabetiker geeignet, die Betroffenen sollten allerdings auf die weiteren Zuckerzusätze in den Lebensmitteln achten.

Die untersuchten Produkte im Überblick:

Limonade: Bei Fritz-Kola lohnt es sich, statt dem Original zur Steviaflasche zu greifen. Sie enthält nur 17 Gramm Zucker bei 330 Millilitern und etwa halb so viel Kalorien wie das Original. Allerdings klingt ihre Süße schneller ab als beim Original, es bleibt ein dumpfes Mundgefühl, schreiben die Tester. Beim Lipton Ice Tea hingegen existieren kaum Unterschiede zwischen Stevia- und Originalprodukt. Kein Wunder: Die Steviavariante des "Lipton Ice Tea Green" enthält neben Stevia vor allem Zucker und Fruktose - allerdings ist bereits das Original kalorienarm. Beim dritten Getränk, der Bad Dürrheimer Stevia Orange, stammen rund 40 Prozent der Süße aus Steviolglykosiden. Ein Liter hat noch 40 Gramm Zucker, das Getränk schmeckt laut Stiftung Warentest dominant süß, leicht bitter und leicht belegend.

Fruchtaufstriche: "Zentis Leichte Früchte Stevia Erdbeere" und "Schwartau Extra Erdbeere" beziehen beide weniger als zehn Prozent der Süße aus Stevia. Die Produkte haben einen etwa ein Drittel geringeren Zuckergehalt als herkömmliche Konfitüren, ihr Nachgeschmack ist leicht bitter.

Joghurt und Milchkaffee: Beim "Andechser Natur Stevia Bio-Joghurt Maracuja-Banane" macht Stevia rund 20 Prozent der Süße aus, der 125-Gramm-Becher enthält noch etwa 12 Gramm Zucker. Der Joghurt schmeckt frucht-säuerlich und wenig süß. Der "Bauer Balance Erdbeere mit Stevia" hat gut ein Viertel weniger Zucker als das Original, auch über einen geringeren Fettgehalt spart er Kalorien ein. Allerdings schmeckt der Originaljoghurt süßer und aromatischer. Ein weiteres Stevia-Produkt ist der "Mövenpick Caffè Colombia Freddo", etwa zehn Prozent der Süßkraft stammt aus Steviolglykosiden. Das Produkt hat einen kräftigen, für Kaffee typischen bitteren Geschmack, ein Becher mit 190 Millilitern enthält rund 14 Gramm Zucker.

Süßigkeiten: Die "Haribo Stevi-Lakritz" sind fast zuckerfrei, über die Hälfte der Süße stammt von Steviolglykosiden. Da diese selbst lakritzartig schmecken, verfälschen sie den Geschmack nicht. Die "Cavalier Belgische Schokolade Milch Stevia" hingegen ist mehr mit dem Süßstoff Erythrit gesüßt als mit Stevia. Die Schokolade ist laut den Testern extrem süß und erzeugt ein kratziges Mundgefühl. Auch bei den "Pulmoll Halsbonbons zuckerfrei" kommt der überwiegende Teil der Süßkraft nicht von Stevia, sondern von Zuckeralkoholen. Die Bonbons schmecken süß, nur leicht herb.

Ketchup: Der "Knorr Ketchup mit Stevia-Extrakt" spart rund 40 Prozent Zucker im Vergleich zum Original, allerdings leidet der Geschmack: Das Produkt ist weniger würzig, weniger fruchtig und weniger cremig als das Original.

Süßstoff: Bei allen Produkten stammt die Süßkraft vollständig von der Stevia-Pflanze. Das Streupulver der "Nevella Tafelsüße mit Stevia" kann wie Zucker verwendet werden und hat eine langsam eintretende, kräftig anhaltende Süße. Auch bei den kalorienfreien Tabletten "Eurovera Stevia Edle Süße" ist die Süße intensiv und lang anhaltend. Die Süßstofftabletten "Das gesunde Plus Stevia" haben eine langsam einsetzende, dann kräftiger werdende und lange anhaltende Süße, sind allerdings leicht bitter. Auch bei der Tafelsüße "Green Canderel Stevia" tritt die Süße erst verzögert ein und hält lange an, die Tabletten sind mit Vanillin aromatisiert.

irb

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insgesamt 50 Beiträge
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Seite 1
hopfenguru 25.10.2012
1. Zuckermafia
benutze die kleinen Tabletten für Kaffee seit 6 Monaten und bin begeistert!
hegauwanderer 25.10.2012
2. Schmeckt zu Kotzen,
das wird nie ein Erfolg! Durch den Gebrauch von Ersatzsüßstoffen ist auch noch niemand schlank geworden.
tgloge 25.10.2012
3.
Zitat von sysopDPA300-mal süßer als Zucker, aber kaum Kalorien: das Süßungsmittel Stevia macht vielen Menschen Hoffnung, der Markt boomt. Mit den Produkten lassen sich tatsächlich Kalorien einsparen, hat eine Untersuchung der Stiftung Warentest ergeben. Allerdings leidet häufig der Geschmack. http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/stiftung-warentest-suessstoff-stevia-hilft-beim-kaloriensparen-a-863335.html
Stevia führt nachweislich zu Heisshunger mit häufig nachfolgender Nahrungsaufnahme und einem gegenteiligen Abnahmeffekt. Einen Patienten der dadurch abgenommen hat ist mir in meiner Praxis bisher nicht untergekommen. Das Vorgaukeln von Kohlenhydraten bzw.Zucker fördert die Insulinausschüttung im Körper, wodurch der Blutzucker abfällt und Heisshunger entsteht. Daher sollte jemand der Abnehmen will nicht darauf zurückgreifen. Ich halte den Beitrag für marketingstrategisches Kalkül und daher im äussersten Maße oberflächlich gehalten. Aus medizinischer Sicht führen Zuckerersatzstoffe sogar zu Gewichtszunahme.
helgeharder 25.10.2012
4.
Zitat von tglogeStevia führt nachweislich zu Heisshunger mit häufig nachfolgender Nahrungsaufnahme und einem gegenteiligen Abnahmeffekt. Einen Patienten der dadurch abgenommen hat ist mir in meiner Praxis bisher nicht untergekommen. Das Vorgaukeln von Kohlenhydraten bzw.Zucker fördert die Insulinausschüttung im Körper, wodurch der Blutzucker abfällt und Heisshunger entsteht. Daher sollte jemand der Abnehmen will nicht darauf zurückgreifen. Ich halte den Beitrag für marketingstrategisches Kalkül und daher im äussersten Maße oberflächlich gehalten. Aus medizinischer Sicht führen Zuckerersatzstoffe sogar zu Gewichtszunahme.
Nachweislich? Na, dann weisen Sie mal nach. So einfach ist es nicht mit der Insulinausschüttung, daß nur auf süßen Geschmack hin reagiert wird.
marc777 25.10.2012
5. Ich bin überzeugt von Stevia
Hallo, ich benutze Steviapura seit 8 Monaten für Tee und süße meinen Joghurt und Dessert damit. Ich verzichte auf jeglichen künstlichen Süßstoff, den ich zuvor genommen habe. Leider schmecken die Stevia Produkte sehr unterschiedlich. Man muß verschiedene ausprobieren um das richtige für seinen Geschmack zu finden.
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