Alkohol und Krebs Na, dann kein Prost!

Eine Vielzahl von Stoffen kann das Krebsrisiko erhöhen - aber Alkohol ist ein besonders starker Auslöser. Abstinenz, behaupten australische Forscher, senke das Krebsrisiko erheblich.

Anstoßen: Gesellig, aber gesundheitsschädlich?
DPA

Anstoßen: Gesellig, aber gesundheitsschädlich?


Eine Senkung des Alkoholkonsums um drei Liter pro Kopf und Jahr, behauptet eine australische Studie, senke auch das Krebsrisiko in erheblichem Maße. Die Studie hat das Potenzial, die Debatte um das Maß akzeptablen Alkoholkonsums anzuheizen: Sie macht das Ausmaß der gesamtgesellschaftlichen Kosten sichtbar.

Dass Alkoholkonsum die Wahrscheinlichkeit erheblich erhöht, an bestimmten Krebsarten zu erkranken, ist seit langem bekannt. Er gilt als ein Verursacher von Mundhöhlen,- und Rachenkrebs, Kehlkopf- und Speiseröhrenkrebs, Leber-, Darm-, möglicherweise von Magenkrebs und bei Frauen auch von Brustkrebs.

Anfang 2018 dokumentierte eine im Fachblatt "Nature" veröffentlichte Studie, wie es zur karzinogenen Wirkung von Alkohol kommt: Bei der Verarbeitung konsumierten Alkohols fällt als Zwischenprodukt Acetaldehyd an - einer der Stoffe, die auch den gefürchteten Brummschädel verursachen. Acetaldehyd aber schädigt auch die DNA, was direkt das Risiko für Kopierfehler erhöht und lässt Stammzellen mutieren - direkte Ursachen von Krebserkrankungen.

Eine sogenannte sichere Dosis, unterhalb der dieses Risiko nicht auftritt, gibt es nicht: das Risiko steigt nur mit steigender konsumierter Menge. Dass also mehr Alkohol mehr Krebs bedeutet, gilt als bewiesen.

Australische Forscher wollten nun wissen, ob sich dieser Effekt genauer quantifizieren lässt. Sie zogen dafür einen ungewöhnlich großen Datensatz heran: Die archivierten Gesundheits- und Konsumdaten der australischen Bevölkerung bis zurück in die Dreißigerjahre. Sie korrelierten also Alkohol-Verkaufsdaten mit Krankenakten und erfassten Todesfällen.

Klare Korrelation: weniger Schnaps, weniger Krankheit

So ließ sich nachweisen, dass über einen Beobachtungszeitraum von 20 Jahren 12 Prozent weniger Menschen an Krebs erkrankten, wenn diese auf den Konsum von drei Litern Reinalkohol pro Jahr verzichteten.

Das ist kein Vergleich völliger Abstinenz gegen Alkoholkonsum. Es geht nur darum, dass Menschen, die weniger trinken als andere ein geringeres Risiko haben, an Krebs zu erkranken.

Zum Vergleich: Der durchschnittliche Bundesbürger zwischen 15 und 69 Jahren trinkt den aktuellsten Statistiken zufolge 10,7 Liter Reinalkohol pro Jahr (Sucht-Jahrbuch 2018). Der Verzicht auf ein Drittel dieses Konsums, behauptet die Studie, würde dann zu 12 Prozent weniger Krebsfällen im Verlauf der nächsten 20 Jahre führen.

Durchschnittszahlen sind in dieser Hinsicht natürlich irreführend: Menschen trinken in verschiedenen Lebenslagen und -altern unterschiedlich viel; Frauen meist erheblich weniger als Männer (laut WHO liegt das Verhältnis in Deutschland hier bei 7 zu 16,8 Liter reinem Alkohol); Akademiker oft mehr als Arbeiter usw..

Aber was bedeutet schon Reinalkohol? 11 Liter Reinalkohol entsprechen

  • knapp 700 Flaschen Bier (0,33 Liter) pro Jahr oder
  • 1000 Gläsern Wein (0,1 Liter) pro Jahr.

Wichtig bei solchen Statistiken ist allerdings, dass die Korrelation von Zahlen keine Kausalität begründet: Weder erkrankt derjenige, der fünfmal mehr trinkt unausweichlich an Krebs, noch kann derjenige, der Abstinenz übt, daraus eine Garantie ableiten, dass ihm das nicht passiert. Aussagekräftig ist die Zahl nur über den Durchschnitt der gesamten Bevölkerung. Wenn die im Schnitt drei Liter weniger Alkohol konsumiert, behauptet die Studie, sinke die Krebswahrscheinlichkeit über die gesamte Bevölkerung um 12 Prozent in 20 Jahren.

Schon das sind aber statistisch so signifikante Zahlen, dass eine intensivere Diskussion des Alkoholkonsums nur eine Frage der Zeit sein dürfte: Solche Studien machen nicht das individuelle Risiko sichtbar, sondern die volkswirtschaftlichen Kosten. Was bisher die Zigarette war, könnte nun zunehmend der Alkohol werden. Immer mehr Studien identifizieren die gesellschaftlich sanktionierte Droge Alkohol als eine krebsverursachende Substanz, die wir uns freiwillig in zu hohem Maße zuführen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes waren die Bier- und Weinmengen, die ein Durchschnittsdeutscher pro Jahr trinkt, falsch berechnet. Wir haben die Zahlen korrigiert.

pat



© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.