Ernährungsstudie Schützen Biolebensmittel vor Krebs?

Wer viele Bioprodukte isst, hat ein geringeres Risiko, an Krebs zu erkranken - zu diesem Ergebnis kommt eine Studie aus Frankreich. Deutsche Forscher sehen die Schlussfolgerungen der Kollegen skeptisch.

Symbolbild
DPA

Symbolbild


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Wer bio isst, denkt dabei vermutlich an die Umwelt. Aber was wäre, wenn Bio-Kost auch der eigenen Gesundheit nutzt? Französische Forscher berichten: Wer häufiger Bio-Produkte verzehre, habe ein geringeres Risiko für Krebs, genauer gesagt für Brustkrebs und Lymphome, also Tumoren im Lymphgewebe.

Das klingt nach einem weiteren Grund, den Bioanbau zu stärken und gegebenenfalls sein eigenes Ernährungsverhalten zu überdenken. Aber ist die Sache so einfach? Leider nicht.

"Es ist schwierig, den Einfluss der Ernährung auf die Krebsentstehung zu untersuchen, einfach weil die Ernährung so schwer messbar ist", sagt etwa Tilman Kühn vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg.

Die französischen Wissenschaftler um Julia Baudry von der Université Paris versuchten es folgendermaßen: Sie werteten Daten einer großangelegten Studie aus, die den Zusammenhang zwischen Ernährung und Gesundheit untersuchen will, der NutriNet-Santé-Studie. Die Teilnehmer gaben zum Beispiel an, wie oft sie Obst, Gemüse, Fisch und Fleisch, Eier, Brot und Schokolade als Biovariante verzehrten. Den Forschern lagen insgesamt Angaben von 68.946 Erwachsenen vor. An der noch laufenden Studie nehmen vor allem Frauen teil, sie stellen knapp 80 Prozent der Teilnehmer.

Das Krebsrisiko sank, je mehr Biokost die Studienteilnehmer aßen

In den darauffolgenden Jahren - im Schnitt hatten die Wissenschaftler die Teilnehmer viereinhalb Jahre beobachtet - berichteten 1340 Menschen, also knapp zwei Prozent der Probanden, von einer neu aufgetretenen Krebserkrankung. Am häufigsten kam es dabei zu Brustkrebs (459 Fälle), gefolgt von Prostatakrebs (180 Fälle), Hautkrebs (135 Fälle), Darmkrebs (99 Fälle) sowie Non-Hodgkin-Lymphomen (47 Fälle) und anderen Lymphomen (15 Fälle).

Um den Zusammenhang von Biokost und Krebs zu erfassen, teilten die Forscher die Teilnehmer in vier Gruppen ein - vom geringsten Verzehr von Bioprodukten hin zum größten, wie sie im Fachmagazin "Jama Internal Medicine" berichten.

Diese Gruppen unterschieden sich in vielerlei Hinsicht. Menschen, die viele Bioprodukte aßen,

  • trieben im Schnitt mehr Sport,
  • waren häufiger Nichtraucher,
  • verfügten über ein höheres Haushaltseinkommen,
  • waren häufiger verheiratet,
  • hatten einen niedrigeren Body-Mass-Index,
  • waren älter,
  • tranken seltener Alkohol
  • und aßen weniger rotes Fleisch.

In den folgenden Analysen zogen die Forscher diese Unterschiede in Betracht, weil sich einige dieser Gewohnheiten auch aufs Krebsrisiko auswirken.

Die Analyse ergab, dass diejenigen Teilnehmer, die besonders häufig Biolebensmittel verzehrt hatten, ein geringeres Risiko für Brustkrebs nach der Menopause sowie für Lymphome aufwiesen. Das Krebsrisiko war demnach bei Teilnehmern mit dem höchsten Biolebensmittelkonsum um 25 Prozent - beziehungsweise 0,6 Prozentpunkte - geringer als bei Teilnehmern mit dem geringsten Verzehr an Biokost. Das ist aber kein Beweis, dass Biokost das Krebsrisiko senkt. Den kann eine Studie dieser Art nicht liefern, sie kann nur mögliche Zusammenhänge aufdecken und Hinweise liefern.

Aber: "Der gefundene statistische Zusammenhang ist überzeugend genug, um dieses Thema weiter zu erforschen", sagt Kühn vom DKFZ. Die Studie allein liefere aber keine überzeugenden Beweise, um zur Krebsvorsorge auf Biolebensmittel umzusteigen.

Eine 2014 veröffentlichte britische Studie mit rund 623.000 Frauen, bei der ebenfalls erhoben wurde, in welcher Menge Teilnehmerinnen Bioprodukte aßen und wie viele von ihnen an Krebs erkrankten, kam nur teilweise zu diesem Ergebnis: Zwar sank dort ebenfalls das Risiko für Non-Hodgkin-Lymphome mit steigendem Biokonsum. Doch das Risiko für Brustkrebs fiel nicht gleichermaßen, sondern stieg sogar leicht an. Warum sich die Studienergebnisse an dieser entscheidenden Stelle unterscheiden, ist unklar.

Weniger Pestizide als mögliche Ursache

Die Forscher erklären den schützenden Effekt vor allem mit dem geringeren Gehalt an Pestiziden in Biolebensmitteln. Das klingt zunächst einmal schlüssig: Einige Pflanzenschutzmittel stehen unter Verdacht, das Krebsrisiko zu erhöhen. Biolebensmittel weisen Untersuchungen zufolge weniger Pestizidrückstände auf als konventionell erzeugte Lebensmittel, weil im Ökolandbau der Einsatz dieser Mittel weitgehend verboten ist.

"Die Reduzierung der Lymphome wäre mit dieser Pestizid-Hypothese grundsätzlich konsistent", sagt Heiner Boeing vom Deutschen Institut für Ernährungswissenschaft in Potsdam-Rehbrücke (DIfE). Auch für Brustkrebs hält der Ernährungsforscher einen Zusammenhang aufgrund der hormonähnlichen Wirkung einiger Pestizide für grundsätzlich plausibel.

Aber: War die Pestizid-Belastung bei den Bio-Fans unter den Teilnehmern tatsächlich geringer? "Dafür liefern die Forscher keinen empirischen Beweis", kritisiert ein Forscherteam um Frank Hu von der Harvard University in Boston, USA, in einem Kommentar zu der Studie.

"Eigentlich hätten die Forscher die Pestizid-Belastung im Blut messen sollen, dann wäre der Zusammenhang eindeutiger", sagt auch Kühn vom DKFZ. "So besteht auch die Möglichkeit, dass andere Faktoren, wie etwa ein allgemein gesünderer Lebensstil, für den beobachteten Effekt verantwortlich sind - auch wenn die Forscher wichtige bekannte Risikofaktoren herausgerechnet haben, etwa das Rauchverhalten."

Sind die Grenzwerte für Pestizide zu hoch?

Hinzu kommt: Auch bei herkömmlichen Lebensmitteln liegen die Pestizidrückstände in Deutschland und der EU in den allermeisten Fällen innerhalb der festgelegten Grenzwerte. Dem aktuellen Bericht der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) zufolge war mehr als die Hälfte der fast 85.000 im Jahr 2016 stichprobenartig getesteten Lebensmittel vollständig frei von Pestizid-Rückständen, mehr als 96 Prozent lagen innerhalb der Grenzwerte. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittel meldet für 2016 bei 1,7 Prozent der Proben aus Deutschland Überschreitungen der Pestizidrückstände.

Die Ergebnisse der französischen Forscher können theoretisch bedeuten, dass die Grenzwerte, die für sicher gehalten werden, nicht wirklich sicher sind und neu bewertet werden müssen, sagt Ernährungswissenschaftler Boeing. Dieser Schluss sei aber sicher vorschnell, solange der in der Studie gefundene Schutz von Biolebensmitteln nicht mit einer gleichzeitigen Messung von Pestizidrückständen in Blut oder Urin in Zusammenhang gebracht werden kann.


Wer hat's bezahlt?

Die NutriNet-Santé-Studie, deren Daten die Forscher nutzten, wird von verschiedenen staatlichen Stellen Frankreichs sowie der Universität Paris bezahlt. Für die aktuelle Auswertung erhielt Julia Baudry eine staatliche Förderung im Rahmen eines Programms, das den Aufbau nachhaltiger Nahrungsmittelsproduktion fördern soll.


Mehr Forschung sei in diesem Bereich dringend nötig, weil Lebensmittel mit Pestizidrückständen verbreitet konsumiert würden, schreibt das Team um Frank Hu in seinem Kommentar.

Derweil liefern wissenschaftliche Studien nur für einige wenige Lebensmittel Hinweise darauf, dass sie das Krebsrisiko beeinflussen. "Der häufige Verzehr von rotem Fleisch wie Rind oder Schwein wird mit einem erhöhten Darmkrebsrisiko in Verbindung gebracht, ein hoher Ballaststoff-Anteil in der Nahrung etwa aus Vollkornprodukten scheint davor hingegen zu schützen", erläutert Kühn.

Wie sich das Krebsrisiko tatsächlich senken lässt

Abseits einzelner Lebensmittel oder Lebensmittelgruppen gebe es im Bereich Ernährung einen vermeidbaren Risikofaktor, der nachweislich das Krebsrisiko beeinflusse, sagt Kühn: Übergewicht. "Etwa 6 bis 7 Prozent der Krebsfälle lassen sich auf Adipositas zurückführen." Der Einfluss sei über verschiedene Krebsarten hinweg feststellbar.

Wer sein Krebsrisiko mit der Ernährung beeinflussen möchte, sollte den derzeitigen wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge in erster Linie Übergewicht vermeiden oder bekämpfen. Gut 30.000 Fälle von Krebs dürften nach Angaben des Deutschen Krebsforschungszentrums im Jahr 2018 auf zu hohes Gewicht zurückzuführen sein. Insgesamt seien 165.000 Krebsfälle in Deutschland vermeidbar - durch Rauchverzicht, gesündere Ernährung oder mehr sportliche Aktivität zum Beispiel.

Das Umsteigen auf Biolebensmittel dürfte eine - wenn überhaupt - eher untergeordnete Rolle spielen, sagt DKFZ-Forscher Kühn. "Es gibt viele gute Gründe, Biolebensmittel zu kaufen und zu essen. Aber sein Krebsrisiko darüber zu senken - das halte ich derzeit noch für unzureichend bewiesen."

Zusammengefasst: Laut einer aktuellen französischen Studie sinkt das Risiko für Brustkrebs und Lymphome bei steigendem Konsum von Biolebensmitteln. Solange das Ergebnis noch nicht mit weiteren Studien belegt wurde, ist es aber verfrüht, Biokost als krebsvorbeugend zu empfehlen.

Von Anja Garms, dpa/ mah

insgesamt 51 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ruhepuls 04.01.2019
1. Bio hilft nicht nur dem, der es ist...
Sicher ist es gesundheitlich günstig, wenn man vorwiegend "Bio" isst. WIE günstig ist im Einzelfall immer schwierig zu entscheiden. Schließlich kommt es auch auf die Menge und die Art an. Wer sich von "Bio-Müsli-Riegel" statt "Normal-Müsli-Riegel" ernährt, wird vermutlich kaum Vorteile haben, da beides Zuckerbomben sind. Und ob der Zucker dann bio ist oder nicht, spielt da auch keine Rolle mehr. Und ob der Zuchtlachs nun mit Bio-Soja gefüttert wird oder mit Normal-Soja ändert an seiner schlechten Fettsäuren-Zusammensetzung aufgrund dieser Fehlernährung auch nichts. Dafür müsste man ihn artgerecht halten und füttern (Krill etc.). Auf der anderen Seite hat "Bio" ja nicht nur für den Vorteile, der es isst, sondern für uns alle. Bio-Landwirte müssen - je nach "Siegel" streng oder weniger streng - deutlich weniger Pestizide und Herbizide verwenden, als konventionelle. Das führt nicht nur zu geringerer Belastung der Produkte, sondern auch generell zu geringerer Belastung der Umwelt - und das nützt allen. Inzwischen ist "Bio" auch nicht mehr so viel teurer als konventionelle (Ausnahme: Fleisch), weil viele Supermärkte und Discounter zumindest "Euro-Bio" im Angebot haben. Und LIDL seit Neuestem wohl auch "Bioland". Der Trend ist geht klar Richtung Bio-Produkte. Und das ist gut so. Auch wenn man damit keine "Anti-Krebs-Garantie" hat, aber die hat man nie, egal, was man macht.
quark2@mailinator.com 04.01.2019
2.
Intelligentere Menschen, die sich bewußter ernähren und dafür mehr Geld ausgeben (können) erkranken also seltener an Krebs ... Es ist ja immer gut, sowas auch mal exakt zu vermessen, aber die Erkenntnis an sich ist ja nun nicht sooo überaschend. Ob aber z.B. mit massenhaft Kupfer (Schwermetall) statt mit Chemie geschützter Biowein wirklich weniger krebserregend ist ...
großwolke 04.01.2019
3. Falsche Benutzung der Sprache
Es sank bei den Studienteilnehmern nicht das RISIKO für Brustkrebs, sondern das AUFTRETEN der Krankheit. Das ist es, was gemessen wurde. Wenn man das so formuliert, stellt sich die Frage nach der Ursache dieses Befundes fast von selbst. Bitte bemüht euch in der Wissenschaftsredaktion ein bisschen mehr um genaue Sprache. Gerade in Eurem Bereich machen schon kleine Ungenauigkeiten oft einen großen Unterschied.
equigen 04.01.2019
4. Möglicher Grund: Keine Zusatzstoffe
Wer auf die Zutatenliste von konventionellen Lebensmitteln schaut ist ja öfters mal erstaunt, was da an schrägen Dingen alles so drin ist: Künstliche Aromen, Süßsstoffe, Verdickungsmittel seltsamster Art, bedenkliche Farbstoffe usw. Bei Bio-Lebensmitteln ist dagegen sehr oft genau das drin was nach Mutters Originalrezept auch drin wäre. Das ist für mich übrigens auch ein Grund dafür, immer öfter Bio zu nehmen: Man kann sich das Durchlesen der Zutatenliste oft sparen, es gibt meist keine schlechten Überraschungen.
Pfaffenwinkel 04.01.2019
5. Weniger Pestizide in den Lebensmitteln
sind ganz sicher der Gesundheit zuträglich, dazu brauche ich keine Studie. Ob es jedoch Krebs verhindert, steht auf einem anderen Blatt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.