Bariatrische Chirurgie in Südafrika Schlank durch Operationen

Fettleibigkeit wird zur Weltkrankheit - mit gravierenden Folgen. Chirurgische Eingriffe könnten den Menschen beim Abnehmen helfen. In Südafrika soll die bariatrische Chirurgie deswegen auch armen Menschen zukommen.

Cebisile Mbonani

Von "The Sunday Times"-Autorin Shantini Naidoo


Ihre Fettleibigkeit machte Dineo* schon lange zu schaffen. Die Frau aus Südafrika hatte einen Hang zu Fast Food, sahnigen Desserts und Chips. Dazu trank sie zwei Liter zuckerhaltige Getränke pro Tag. "Für mich war das Entspannung", erinnert sie sich. Ihr Gewicht stieg mit der Zeit auf 141 Kilogramm an. Immer wieder verordnete sie sich Diäten, der Jo-Jo-Effekt machte die kleinen Erfolge aber zuverlässig zunichte. Im Jahr 2008 verlor sie aufgrund gewichtsbedingter Komplikationen ihr zweites Kind. Das Stigma, übergewichtig zu sein, führte sie in die Depression.

Dann erfuhr sie von der sogenannten bariatrischen Chirurgie. Unter den Begriff fallen mehrere operative Verfahren, die krankhaftes Übergewicht reduzieren sollen. Mithilfe eines Bandes etwa kann der Magen so zusammengeschnürt werden, dass unterhalb der Speiseröhre nur noch eine kleine Tasche übrigbleibt. Das dadurch entstehende schnelle Sättigungsgefühl soll die Gewichtsabnahme bewirken. Bei anderen Verfahren, die im Gegensatz zum Magenband nicht wieder rückgängig gemacht werden können, können zum Beispiel ein Teil des Magens und mitunter auch des Darms entfernt werden. Das soll sowohl eine frühere Sättigung hervorrufen als auch dazu führen, dass der Körper die aufgenommene Nahrung nicht resorbieren kann.

  • Dieser Text ist Teil des Projekts "Rethink Health". Dabei veröffentlichen fünf Redaktionen weltweit über einen Zeitraum von drei Wochen im Oktober Texte zum Thema Gesundheit. Zum Beispiel zur Frage, wie wir angesichts einer sich rasant ändernden Welt gesund bleiben können, wie diese neue Welt aber auch neue Möglichkeiten der Gesundheitsversorgung bietet. Die teilnehmenden Medien sind "Der Spiegel", "El País", "The Sunday Times", "The Nation" und "The Hindu".

Rund 80 Prozent der Kosten für einen solchen Eingriff übernahm in Dineos Fall ihre Krankenversicherung. Den Restbetrag von 100.000 Rand, rund 6800 US-Dollar, musste sie selber aufbringen. "Ich musste etwas tun, wenn ich nicht bewegungsunfähig werden wollte. Ich konnte zwar Auto fahren, aber kaum laufen. Also habe ich angefangen, zu sparen." Vor rund sechs Monaten hat sich Dineo schließlich der Operation unterzogen. Seitdem hat sie etwa 40 Kilogramm abgenommen.

Ansätze, die wirklich helfen

Laut WHO sind 40 Prozent der Menschen weltweit übergewichtig. Derzeit gibt es kein Land auf der Welt, dessen Versuche, der Fettleibigkeit systematisch Einhalt zu gebieten, erfolgreich verlaufen. Dabei ist Fettleibigkeit ein großer Risikofaktor für nichtübertragbare Krankheiten wie Krebs, Diabetes, Herzkreislauf- und Lebererkrankungen. Insgesamt gehen 70 Prozent der Todesfälle weltweit auf diese Krankheiten zurück. Fettleibigkeit kann als soziales Stigma zudem zu sozialer Isolation, Suizidgedanken und Ablehnung von medizinischer Versorgung führen.

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Kampf der Fettleibigkeit: Ein Eingriff der das Leben ändern soll

In Südafrika sind 30 Prozent der Bevölkerung fettleibig und weitere 20 Prozent übergewichtig. Tess van der Merwe, Ehrenpräsidentin der South African Society for Obesity and Metabolism, sagt, es gebe zwei Ansätze, die im Kampf gegen diese Erkrankung wirklich helfen. "Der erste ist eine bewusste Verhaltensänderung kombiniert mit der Dash-Diät (das sind natriumarme Lebensmittel, die zur Senkung des Blutdrucks beitragen und reich an Kalium, Magnesium und Kalzium sind). Belastungssportarten wie Pilates sind zudem hilfreich. Ziel dieser Strategie ist, die automatisierten erlernten Reaktionen auf Essen rückgängig zu machen", erklärt sie. "Der zweite Ansatzpunkt für fettleibige bis krankhaft fettleibige Personen lautet bariatrische Chirurgie."

Vererbung spielt eine viel größere Rolle, als einst angenommen

Van der Merwe studiert Fettleibigkeitsmuster in Südafrika bereits seit 30 Jahren. Sie ist der Ansicht, dass der erste Schritt zur Bekämpfung der Krankheit die Förderung von Verständnis ist. "Familien, die Medien und die medizinische Gemeinschaft müssen ihre Einstellung zu fettleibigen Patienten verändern. Bislang gehen wir auf eine sehr abwertende Art und Weise mit ihnen um", fordert sie. "Dabei wissen wir längst, dass Fettleibigkeit nicht immer nur eine Folge von Maßlosigkeit und Trägheit ist. Epigenetische Vererbung spielt eine viel größere Rolle, als wir einst angenommen hatten", sagt sie.

Ein wichtiger Faktor liegt wohl auch im Gehirn betroffener Menschen. Neuen Forschungsergebnissen zufolge hält die Hirnanhangsdrüse den Körper auf seinem in ihrer Erinnerung höchsten und konsistenten Gewicht. Dies wird als Body Stat bezeichnet und ist vermutlich eine evolutionäre Reaktion auf Hungersnot. "Unser Fehler bisher war, dass wir Fettleibigkeit dem Frontallappen, also dem Vernunftzentrum, zugeordnet haben. Und daraus gingen Terminologien wie 'Esssucht' hervor. Wie unzutreffend derartige Begriffe sind, ist uns erst in den vergangenen fünf bis sieben Jahren klargeworden", räumt Van der Merwe ein und fügt hinzu, dass die Folge davon ist, dass Patienten sich schämen, selbst wenn sie nicht übermäßig essen.

Kein Wundermittel gegen Fettleibigkeit

Eben weil Fettleibigkeit nicht nur eine Frage mangelnden Willens ist, bietet die bariatrische Chirurgie entscheidende Vorteile: Der Gewichtsverlust ist nahezu garantiert und damit einher geht auch der Rückgang der Begleiterkrankungen wie Diabetes und Bluthochdruck sowie die Vorbeugung von dauerhaften gesundheitlichen Beschwerden, die mit Fettleibigkeit einhergehen.

Trotzdem ist der Eingriff kein Wundermittel gegen Fettleibigkeit. "Patienten müssen sich zunächst qualifizieren und zeigen, dass sie gewillt sind, ihr Leben zu ändern", sagt der Chirurg Zack Koto, der sich auf minimalinvasive Schlüsselloch-Operationen in diesem Bereich spezialisiert hat. "Die Leute glauben, die Operation sei eine Patentlösung, doch sie bedarf einer Unterstützungsstruktur und einer vollständigen Änderung des Lebenswandels."

Der Eingriff verlangt von den Patienten, dass sie eine lebenslange strikte Diät einhalten, um Komplikationen zu vermeiden. Außerdem müssen sie für den Rest ihres Lebens Vitamine und Nahrungsergänzungsmittel einnehmen, weil ihr Verdauungssystem dauerhaft verändert wurde. Zur Unterstützung werden die Patienten daher im Vorfeld und im Nachhinein von Psychologen betreut und begleitet.

Ein chirurgischer Eingriff muss die letzte Notlösung sein

Auch Endokrinologe Sundeep Ruder warnt, dass ein chirurgischer Eingriff zwar effektiv ist, aufgrund der damit einhergehenden Risiken jedoch unbedingt als letzte Notlösung betrachtet werden sollte. "Es ist sehr teuer, die Operation für die unzähligen fettleibigen Menschen weltweit anzubieten. Wenn Änderungen im Lebenswandel bei ihnen aber keine Wirkung zeigen, muss man den Eingriff aber in Betracht ziehen", sagt er.

Die Operation kostet in Südafrika bis zu 500.000 Rand und wird bislang nur von privaten Krankenversicherungen übernommen. Weil Fettleibigkeit aber im Land auch bei Menschen mit geringem Einkommen verbreitet ist, wird der Einsatz bariatrischer Chirurgie nun auch von der gesetzlichen Krankenkasse geprüft. Zach Koto führt dieses fachübergreifende Projekt an. "Da es mehrere medizinische Bereiche betrifft, brauchen wir Psychologen, Endokrinologen, Physiotherapeuten, Anästhesisten und Chirurgen", zählt er auf. Er ist der Ansicht, dass es für diese Eingriffe spezielle Einrichtungen geben sollte. "Wir möchten dieses Mittel gegen Fettleibigkeit auch Patienten zugänglich machen, die es sich sonst nicht leisten können."

* Name redaktionell geändert.



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wizzbyte 27.10.2018
1. Wenn die Patienten
nach der bariatrischen OP eine Verhaltensänderung schaffen, sogar schaffen müssen, wie der Artikel suggeriert, wäre eigentlich die OP ja nicht nötig. Das Ziel ist in Wirklichkeit, bariatrische OP-techniken zu entwickeln, die eine Gewichtsabnahme bewirken und Gewichtszunahme weitestgehend verhindern. Das sollte auch vor Behandlungen des Gehirns nicht haltmachen. Fresssucht ist oft folgenreicher als eine Depression.
FrieFie 27.10.2018
2.
Die Folgen solcher OP´s werden meist heruntergespielt. Die darauf folgende Appetitlosigkeit hat z.B. auch psychische Folgen, umso mehr wenn das Essen als Belohnung und Entspannung empfunden wurde. Den Rest des Lebens muss man auf die Ernährung achten und Medikamente einnehmen ... also genauso, als würde man ohne OP eine Diät und dauerhafte Ernährungsumstellung durchhalten. Die möglichen Folgen sind unter anderem: Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Blähungen, Durchfall, Schwindel, Müdigkeit, Proteinmangel und Muskelabbau, Nieren- und Gallensteine, erhöhtes Suizidrisiko, Folge-OPs mit weiteren Krankenhausaufenthalten, Blutzuckerabfall, ... Außerdem können über den Magen oder Dünndarm aufgenommene Medikamente in der Wirksamkeit stark beeinträchtigt werden, andere dürfen gar nicht mehr oral eingenommen werden. Dafür braucht man täglich eine Vitamin B12-Spritze. Und dann gibt es Fälle, in denen sich nach der OP der Magen mit der zeit wieder weitete und das Gewicht wieder anstieg. Alles in allem halte ich des daher für ziemlich fahrlässig, solche OPs anzubieten, wenn nicht auch die dazu gehörige Nachsorge sichergestellt ist. Die Ernährungsprobleme von Ländern wie Südafrika wird man damit nicht in den Griff bekommen.
Wolfer 28.10.2018
3. Wenn Vererbung . . .
. . . eine Rolle spielen sollte, wo waren denn die fettleibigen Leute vor und nach dem Kriege? Ich kann mich nicht entsinnen in den 50iger und 60iger Jahren je fettleibige Menschen gesehen zu haben. Die Fettsucht ist erst aufgetreten als zuckerhaltige Getraenke und das sogenannte Fastfood in Mode kamen. Also hoert doch auf mit der Ausrede von Vererbung und so!
jdirker 28.10.2018
4. Kostengünstiger ...
ist FDH. Falls das nich klappt einen Psychiater!
PRAN1974 28.10.2018
5.
Zitat von wizzbytenach der bariatrischen OP eine Verhaltensänderung schaffen, sogar schaffen müssen, wie der Artikel suggeriert, wäre eigentlich die OP ja nicht nötig. Das Ziel ist in Wirklichkeit, bariatrische OP-techniken zu entwickeln, die eine Gewichtsabnahme bewirken und Gewichtszunahme weitestgehend verhindern. Das sollte auch vor Behandlungen des Gehirns nicht haltmachen. Fresssucht ist oft folgenreicher als eine Depression.
Natürlich schaffen viele eine Verhaltensänderung auch so, aber eben nicht dauerhaft. Da wird dann ein paar Monate Diät gehalten und plötzlich hat man etwas Stress und Frust und rutscht wieder in alte Gewohnheiten zurück. Der Unterschied nach der OP ist folgender: Zwar kann man sich auch danach vollstopfen, aber die Folgen werden wohl stundenlanges Völlegefühl und Bauchschmerzen sein - so stelle ich es mir jedenfalls vor. Also das Gegenteil der Entspannung und Frustabbau, die man vorher mit Essen verbunden hat. Die Leute lernen also direkt durch negative Konditionierung, dass sie nur kleine Portionen essen können. Klar ist natürlich, dass nach der OP nichts ist wie vorher. Die Leute haben vorher viele Probleme mit Essen bewältigt und müssen jetzt auf andere Weise klarkommen. Harmlos ist das alles ganz bestimmt nicht.
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