Zucker-Alternativen Schaden Süßstoffe eigentlich der Gesundheit?

Sie sind viel süßer als Zucker, haben aber weniger Kalorien und beugen angeblich sogar Krankheiten wie Diabetes vor. Aber sind Süßstoffe wirklich die gesündere Alternative? Alle Antworten zum Thema.

Süßstoff und Zucker: Mediziner und Forscher streiten in vielen Fällen darüber, was die gesündere Alternative ist
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Süßstoff und Zucker: Mediziner und Forscher streiten in vielen Fällen darüber, was die gesündere Alternative ist

Von Mareile Jenß


Zur Autorin
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    Mareile Jenß ist freie Journalistin und hat Ökotrophologie in Hamburg und Kiel studiert. Sie schreibt rund um die Themen Ernährung und Lebensmittel.
Auf ihrer Pirsch nach Essbarem standen unsere Vorfahren oft vor einer Frage: Ist die Pflanze ein Gaumenschmaus, oder ist sie giftig? Um derlei Gefahren aus dem Weg zu gehen, hat unser Körper hilfreiche Prüfmechanismen entwickelt, darunter etwa den Geschmacksinn: Während uns energiereiche Pflanzen mit ihrem süßen Geschmack locken, verschmähen wir giftige und ungenießbare Pflanzen aufgrund ihres Bittergeschmacks.

Doch was den Urmenschen bei der Nahrungssuche das Überleben sicherte, droht unsereins zum Verhängnis zu werden, sind es doch häufig die süßen Leckereien, die dem modernen Menschen die Pfunde auf die Hüften zaubern.

Wie gut also, dass es Süßstoffe gibt: Tatsächlich sind Aspartam, Saccharin, Cyclamat und Co. um ein Vielfaches süßer als herkömmlicher Zucker. Je nach Süßstoff kann dessen Süßkraft bis zu 3000-fach höher als die von Zucker sein. 100 Gramm Haushaltszucker liefern rund 400 Kilokalorien. Der Kaloriengehalt von Süßstoffen variiert zwischen null und vier Kilokalorien pro Gramm (also ebenfalls bis zu 400 Kilokalorien pro 100 Gramm). Weil aber bei Süßstoffen nur sehr geringe Mengen zum Süßen von Speisen benötigt werden, sind sie insgesamt die kalorienärmere Alternative. Die natürlich oder künstlich hergestellten Verbindungen sind vor allem in Softdrinks, Nachspeisen, Süßigkeiten, Kaugummis oder Molkereiprodukten enthalten.

Doch ist dem süßen Schein auch aus gesundheitlicher Sicht zu trauen? Die Wissenschaft ist sich uneins. Verschiedene Studien haben die künstlichen Süßmacher mit Gesundheitsrisiken wie Krebs, Diabetes und Übergewicht in Verbindung gebracht. Nach Einschätzung der EU-Lebensmittelbehörde (Efsa) gehen bei den verzehrüblichen Mengen jedoch keine Gesundheitsrisiken von Süßstoffen aus.

Dennoch reißen die widersprüchlichen Meldungen über Süßstoffe nicht ab, sodass Verbraucher zunehmend verunsichert sind. Hier sind die Informationen für mehr Klarheit:

1. Sind Süßstoffe für Diabetiker gefährlich?

Süßstoffe sind bei Diabetikern ein beliebtes Süßungsmittel, weil sie den Blutzuckerspiegel und die Insulinsekretion nicht direkt beeinflussen. Ob und inwieweit sie tatsächlich für Diabetiker geeignet sind, oder ob sie sogar das Risiko für Diabetes steigern, wird jedoch kontrovers diskutiert. Auch die Studienlage dazu ist nicht eindeutig.

Verschiedene Untersuchungen haben ergeben, dass die Verwendung kalorienarmer Süßstoffe Typ-2-Diabetikern bei der Kontrolle ihres Körpergewichts hilft und dadurch den Risikofaktor Übergewicht eindämmt. Daneben bieten sie Diabetikern die Möglichkeit, ihren täglichen Energiebedarf ohne Verzicht und aus unterschiedlichen Lebensmittelkategorien zu decken und so ihre Auswahl zu vergrößern. Dennoch hält sich die Kritik an Süßstoffen beständig.

In einer 2013 im "American Journal of Clinical Nutrition" veröffentlichten Studie untersuchten französische Forscher von 1993 bis 2007 rund 66.000 Frauen hinsichtlich der Entstehung von Typ-2-Diabetes. Das Ergebnis: Probandinnen, die durchschnittlich mehr als 360 Milliliter pro Woche mit Süßstoff versetzte Light-Getränke tranken, wiesen ein höheres Risiko auf als jene, die gezuckerte Getränke konsumierten.

Als Ursache dafür ziehen die Studienautoren den vielfach verwendeten Süßstoff Aspartam in Betracht: Er könnte den Blutzucker erhöhen, so die Insulinausschüttung steigern und zu einer Diabetes-auslösenden Insulinresistenz führen.

"Die Regulation des Blutzuckerspiegels ist ein komplexes Geschehen, das von verschiedenen Faktoren beeinflusst wird", sagt Christian Prinz, Direktor der Helios Klinik für Gastroenterologie und Diabetologie in Wuppertal. Somit könne auch die Entstehung von Diabetes nicht nur einem einzigen Faktor wie Aspartam zugeschrieben werden.

Soft-Getränke enthalten in der Regel viele verschiedene Zusatzstoffe. Dazu gehört auch Zuckersirup. Das darin enthaltene Kohlenhydrat Fruktose ist um ein Vielfaches süßer als Zucker und wird daher als Zuckeraustauschstoff verwendet. Eine amerikanische Studie sieht einen Zusammenhang zwischen einer hohen Aufnahme von Fruktose aus Soft-Getränken und dem Auftreten von Leberverfettungen. In anderen Studien hing ein hoher Fruktosekonsum zudem mit der Entstehung des metabolischen Syndroms zusammen - einem Risikofaktor für Diabetes-Typ-2.

2. Schützen Süßstoffe vor Karies?

Schon der Gedanke an Süßes lässt so manchem einen Blitz durch die Zähne fahren: Karies-Alarm! Mikroorganismen in der Mundhöhle, die als Plaque auf der Zahnoberfläche liegen, greifen den Zahnschmelz an und verursachen so Karies. Wichtigster Vertreter dieser Kariesbakterien und Hauptverursacher von bakteriellem Zahnbelag ist der Erreger Streptococcus mutans. Er baut Kohlenhydrate wie Zucker zu Milchsäure (Lactat) ab, die den Zahnschmelz entkalkt und die schmerzhaften Zahnlöcher herbeiführt.

Süßstoffe hingegen, so zumindest die Theorie, werden nicht bakteriell abgebaut und schützen vor Karies. Doch "in der Kariesprophylaxe sind sie jedoch nur von geringer Bedeutung", sagt Ulrich Schiffner von der Poliklinik für Zahnerhaltung und Präventive Zahnheilkunde des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE). Aufgrund ihrer hohen Süßkraft bedarf es nur sehr geringer Süßstoffmengen in einem Lebensmittel.

Anders sieht es bei Zuckeraustauschstoffen aus. Sie wirken schwach kariogen. Als Beispiel nennt Schiffner den Zuckeraustauschstoff Sorbit. "Die Kariesbakterien zersetzen Sorbit zwar zu Säuren, diese unterscheiden sich jedoch von denen aus dem Abbau von Saccharose." Sorbit kann einer Studie zufolge die Entstehung von Karies um circa 40 Prozent senken. Besser schneidet sogar der Austauschstoff Xylit ab: "Er wird nicht zu Säuren abgebaut und setzt darüber hinaus sogar die Aktivität von Streptococcus mutans herab", sagt Schiffner.

3. Erhöhen Süßstoffe das Risiko für Krebs?

Immer wieder ist zu lesen: Süßstoffe könnten das Krebsrisiko steigern. Unter Verdacht steht auch Aspartam. Im Gegensatz zu anderen Süßstoffen wird Aspartam sehr schnell und vollständig im Darm zu Asparaginsäure, Phenylalanin sowie Methanol abgebaut. In einer italienischen Studie aus 2010 verabreichten Forscher Mäusen hohe Dosen von Aspartam. Weil die Tiere daraufhin Tumoren entwickelten, vermuteten die Forscher auch für Menschen ein erhöhtes Risiko.

Die Efsa nahm diese Studie für eine Neubewertung des Süßstoffs zum Anlass und analysierte sämtliche Tier- und Humanstudien zu Aspartam und dessen Abbauprodukten. Das Ergebnis des Efsa-Gutachtens: Bei dem zurzeit zulässigen ADI-Wert, also jener Höchstmenge für den täglichen Konsum eines Zusatzstoffes, die mit großer Wahrscheinlichkeit keine Gesundheitsgefahr für den Menschen darstellt, gibt es der Efsa zufolge kein nachgewiesenes Krebsrisiko beim Menschen. Zudem sei das Methanolprodukt, das in geringen Mengen Krebs fördern kann, zu gering, um ein Risiko für den Menschen zu bergen.

4. Verursachen Süßstoffe Durchfall?

Viele Lebensmittel, die Süßstoffe enthalten, sind häufig mit der Aufschrift "kann bei übermäßigem Verzehr abführend wirken" gekennzeichnet. Viele Verbraucher machen die Süßstoffe als Ursache für diese sogenannte laxierende Wirkung verantwortlich. Grund dafür sind jedoch die oftmals ebenfalls enthaltenen Zuckeraustauschstoffe (siehe Kasten nach dem folgenden Absatz).

Sie werden im Dünndarm nicht vollständig aufgenommen und gelangen unverändert in den Dickdarm, wo sie Wasser binden, den Stuhl verflüssigen und auf diese Weise Blähungen und Durchfall herbeiführen. Jene Lebensmittel, die mehr als zehn Prozent Zuckeraustauschstoffe enthalten, müssen daher mit einem Warnhinweis gekennzeichnet werden.

GLOSSAR
Süßstoffe
Süßstoffe sind natürliche oder synthetische Verbindungen mit keinem oder nur einem sehr geringen Energiegehalt. Gleichzeitig haben sie einen intensiven Süßgeschmack und sind um ein Vielfaches süßer als Zucker, sodass nur sehr geringe Mengen zum Süßen von Speisen und Getränken benötigt werden. Süßstoffe zählen zu den zulassungspflichtigen Lebensmittelzusatzstoffen.

Die häufigsten Vertreter sind: Saccharin (E 954), Cyclamat (E 952), Aspartam (E 951), Acesulfam (E 950), Neohesperidin (E 959) und Thaumatin (E 957).
Zuckeraustauschstoffe
Zuckeraustauschstoffe sind natürlich vorkommende und süßlich schmeckende Kohlenhydrate. Die meisten Zuckeraustauschstoffe gehören zu der Gruppe der Zuckeralkohole (Polyole). Im Gegensatz zu Süßstoffen enthalten Zuckeraustauschstoffe Energie. Ihr Energiegehalt liegt zwischen zwei und zehn Kilokalorien pro Gramm und ihre Süßkraft entspricht etwa der von Haushaltzucker.

Der menschliche Stoffwechsel verwertet Zuckeraustauschstoffe insulinunabhängig, sodass sie nur einen geringen Anstieg des Blutzucker- und Insulinspielgels verursachen. Der Verzehr von größeren Mengen kann abführend wirken und Blähungen verursachen. Als Lebensmittelzusatzstoffe sind auch Zuckeraustauschstoffe zulassungspflichtig.

Die häufigsten Zuckeraustauschstoffe sind: Sorbit (E 420), Mannit (E 421), Isomalt (E 953), Maltit (E 965), Lactit (E 966) und Xylit (E 967).

Anm. d. Red: In einer früheren Version war von Kilojoule statt Kilokalorien die Rede. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.
Stevia
Stevia ist ein natürlicher Süßstoff und wird aus der in Südamerika beheimateten Pflanze Stevia rebaudiana gewonnen. Die Pflanze gehört zu der Familie der Chrysanthemengewächse. Getrocknet oder zu Pulver verarbeitet haben die Blätter der Stevia-Pflanze eine zehn- bis 15-mal höhere Süßkraft als Zucker. Für die Süße der Blätter verantwortlich sind die darin enthaltenen Steviolglycoside wie Steviosid und Rebaudiosid. Ihre Süßkraft ist 40- bis 300-mal höher als die des Haushaltszuckers.

Die Steviolglycoside werden aus den Blättern extrahiert und sind als Stevia-Extrakt in Form von Pulvern, Kapseln oder Tabletten erhältlich. Stevia nimmt keinen Einfluss auf den Blutzuckerspiegel und ist nahezu kalorienfrei. Seit Ende 2011 sind Steviolglycoside als Lebensmittelzusatzstoff E 960 in der EU zugelassen.

Mehr über Stevia erfahren Sie im Interview mit dem Ernährungsmediziner Andreas Pfeiffer.
5. Kann Aspartam auch schädlich sein?

Zwar stufen Behörden wie die Efsa Aspartam in den verzehrüblichen Mengen als unbedenklich ein. Diese Einschätzung sowie der festgelegte ADI-Wert von 40 Milligramm pro Kilo Körpergewicht gelten jedoch nicht für Menschen, die an der Stoffwechselerkrankung Phenylketonurie (PKU) leiden.

Aspartam wird im Organismus durch das Enzym Phenylalaninhydroxylase (PAH) zu der Aminosäure Phenylalanin abgebaut. Bei Patienten mit PKU ist dieses defekt, sodass die Aminosäure nicht vollständig abgebaut wird, sondern vermehrt die Verbindungen Phenylpyruvat, Phenylessigsäure sowie Phenylmilchsäure entstehen.

Der daraus resultierende Stoffwechselstau kann bei Kindern zu schweren neurologischen Entwicklungsstörungen und bei Erwachsenen zu kognitiven Beeinträchtigungen führen. Betroffene sollten sich besonders phenylalaninarm ernähren. Mit Aspartam gesüßte Lebensmittel wie Kaugummis oder Bonbons werden deshalb mit dem Hinweis "enthält eine Phenylalaninquelle" gekennzeichnet.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es: "Tatsächlich sind Aspartam, Saccharin, Cyclamat und Co. um ein Vielfaches süßer und gleichzeitig kalorienärmer als herkömmlicher Zucker." Dieser Satz war missverständlich, denn je nach Süßstoff kann die Kalorienmenge pro Gramm ähnlich hoch sein. Aufgrund der höheren Süßkraft werden aber von Süßstoffen weniger Mengen benötigt, sodass die Kalorienzufuhr insgesamt geringer ist. Wir haben die Passage entsprechend geändert. Zudem war davon die Rede, dass Light-Getränke Zuckersirup enthalten. Dies ist jedoch falsch. In der Light-Variante von Soft-Getränken ist Zuckersirup keine übliche Zutat.

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Pickeldie 17.07.2014
1. Rechenfehler?
100 Gramm Zucker haben 400 Kilokalorien und 1 Gramm Süßstoff hat bis zu 4 Kilokalorien? Wo ist denn da der Unterschied?
appenzella 17.07.2014
2.
Was ist mit dem Methanolprodukt gemeint, Frau Jenß? Falls Sie damit das krebserregende Formaldehyd meinen, dann schreiben Sie das bitte auch und verstecken sich nicht hinter solchen netten Verharmlosern wie "schwach krebserregend". Danke.
maikäfer 17.07.2014
3. Schweinerei
In der industriellen Schweinemast wird der Süssstoff Saccharin als Apetitanreger verwendet. Die Tiere nehmen schneller zu.
nic 17.07.2014
4.
Hatte mal gehört, das Süssstoffe in der Schweinemast als Appetitanreger verwendet werden. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/ernaehrung-suessstoffe-machen-dick-a-534417.html
dr.mccoy 17.07.2014
5. Augenwischerei
Mit "großer Wahrscheinlichkeit" ist kein Ausschluss... Und die Tagesdosis mag ja "ungefährlich sein, aber die Lebenszeitexposition sicher nicht. Die Hersteller können nicht ausschliessen, daß z.B. 10-20 Jahre regelmäßiger Konsum von z.B. Aspartam in "ungefährlicher" Tagesdosis, sehr wohl Krebs verursachen kann. Die Argumentation wird dabei dann pervertiert und gegensätzlich argumentiert... "Wenn sie das schon 10 Jahre ohne Gesundheitsschäden zu sich nehmen, dann können ihre jetzigen Beschwerden dadurch ja nicht verursacht worden sein...."
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