Swimrun "Umziehen würde zu viel Zeit kosten"

Sich quälen, wo andere Urlaub machen: Swimrunner liefern sich zum Beispiel in den schwedischen Schären Wettkämpfe. Sie laufen im Neoprenanzug querfeldein - und schwimmen mit Schuhen. André Hook erzählt im Interview, was die Schinderei bringt.

Ötillö/ Jakob Edholm

Zur Person
    André Hook, Jahrgang 1978, startet mit seinem Sportpartner Wolfgang Grohé als deutsches Männerteam bei den Swimrun-Weltmeisterschaften Ötillö in Schweden. Im vergangenen Jahr landete das Duo auf dem 14. Platz. Dieses Jahr wollen sie unter zehn Stunden bleiben und in die Top Ten kommen.
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SPIEGEL ONLINE: Herr Hook, was bitte ist ein Schläufer?

Hook: Eine Mischung aus Schwimmer und Läufer. Viele denken, Swimrun sei wie Triathlon ohne Fahrradfahren, doch das ist es nicht. Wir sind eher Amphibienwesen. Man schwimmt mit Schuhen und läuft im Neoprenanzug.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Hook: Ein Umziehen in der Wechselzone wie beim Triathlon würde zu viel Zeit kosten. Bei der Weltmeisterschaft nächste Woche in Schweden müssen wir mehr als 20 Inseln überqueren. Das würde über 40 Wechsel bedeuten - zu viel.

SPIEGEL ONLINE: Ist Laufen im Neoprenanzug nicht brutal?

Hook: Meist ist es weniger schlimm, als man es sich vorstellt. Damit es an Armen und Beinen nicht so scheuert, schneiden wir den Anzug über dem Ellenbogen am Arm beziehungsweise über dem Knie am Bein ab. Das sorgt für ein wenig mehr Kühlung.

SPIEGEL ONLINE: Schwimmen mit Schuhen ist doch kräftezehrend...

Hook: Ja, das macht schwere Beine und ist nicht gut für die Wasserlage, aber Hilfsmittel wie ein Pullbuoy sind erlaubt. Das ist so ein Styropording, das wir uns zwischen die Beine klemmen. Das gibt Auftrieb.

SPIEGEL ONLINE: Tragen Sie normale Laufschuhe?

Hook: Wir tragen Trail-Run-Schuhe mit Grip. Manche Athleten bohren Löcher in ihre Schuhe, damit das Wasser beim Laufen herausläuft. Ist aber kein Muss, wenn der Schuh, wie bei uns, auch so das Wasser schnell wieder abgibt.

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SPIEGEL ONLINE: Schafft das nicht ein großes Ungleichgewicht im Feld, wenn so viele Hilfsmittel verwendet werden?

Hook: Als die Swimrun-Idee entstand, dachte man, die Distanzen seien so groß, dass niemand sie an einem Tag schaffen kann. Daher sind Hilfsmittel erlaubt. Mittlerweile relativiert sich das Wettrüsten. Wir sind vergangenes Jahr ohne Paddles angetreten. Flossen zum Beispiel müssten die Athleten ständig an- und ausziehen und beim Laufen in der Hand tragen. Das ist deswegen eher kontraproduktiv.

SPIEGEL ONLINE: Was ist an Swimrun so reizvoll?

Hook: Früher bin ich wochenlang durch die Alpen getourt. Das geht heute nicht mehr, weil ich mittlerweile Familienvater bin. Swimrun bietet mir die Möglichkeit für Abenteuer, Natur und Wettkampf - und zwar gebündelt an einem Tag. Das finde ich bei keiner anderen Sportart.

SPIEGEL ONLINE: Am kommenden Montag findet die Ötillö Swimrun-WM im Stockholmer Schärengarten statt. Was müssen Sie da leisten?

Hook: Das ist das Highlight des Jahres. Wir laufen quer durch die Pampa und schwimmen durch die wellige Ostsee. Immer abwechselnd, von Insel zu Insel. Insgesamt sind es 26 Inseln, 65 Kilometer Laufen, 10 Kilometer Schwimmen.

SPIEGEL ONLINE: Klingt nach Stress. Können Sie die Natur überhaupt genießen?

Hook: Auf jeden Fall. Wir wollen zwar vorne mitlaufen, aber genießen immer wieder bewusst den Ausblick und den Augenblick. Das gehört dazu.

SPIEGEL ONLINE: Warum laufen und schwimmen die Athleten immer in Zweier-Teams?

Hook: Aus Sicherheitsgründen. Es wäre ein zu großer Aufwand, die gesamte Strecke mit Sicherheitspersonal auszustatten. Daher hat jeder einen persönlichen Sicherheitsmann an seiner Seite: den Teampartner.

SPIEGEL ONLINE: Das Team schwimmt und läuft immer gemeinsam?

Hook: Ja, das ist die große Herausforderung. Man braucht jemanden, der genauso tickt wie man selbst und der auch dasselbe Leistungsniveau und Ziel hat. Beim Laufen dürfen sich beide nie weiter als 50 Meter voneinander entfernen, beim Schwimmen nie mehr als zehn Meter. Manche verbinden sich mit einem Seil. Kein Einzelkämpfer zu sein, macht den Sport interessant. Ich komme vom Lauf- und Triathlonsport. Da musst du allein durch die Tiefs durch. Hier motiviert dich immer jemand.

SPIEGEL ONLINE: CNN hat das Rennen als eines der härtesten Ausdauerevents der Welt bezeichnet. Gibt es viele Un- oder Ausfälle?

Hook: Bislang ist noch nichts Schlimmes passiert. Das soll auch so bleiben. Hart ist es trotzdem und die Cut-Off-Zeiten sind streng. Deswegen kommen auch nicht alle Teilnehmer ins Ziel.

SPIEGEL ONLINE: Wovor haben Sie am meisten Respekt?

Hook: Bei einem Rennen haben wir uns einmal böse verlaufen. Wir sind querfeldein gelaufen und waren einen Moment unaufmerksam. Das war damals sehr schade, weil wir auf Platz drei lagen. Deswegen sind wir diesbezüglich achtsam und vorsichtig. Ansonsten hast du immer Respekt vor einem plötzlichen Tief.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind rund zehn Stunden unterwegs. Wann und wo essen Sie?

Hook: Bei Ötillö gibt es sehr viele Verpflegungsstationen. Man hat kaum aufgekaut, da kommt schon die nächste Station. Von schwedischen Spezialitäten über Hot Dogs bis zu Energiegels wird viel angeboten.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie immer dabei?

Hook: Zur Pflichtausrüstung gehören Verbandszeug, Trillerpfeile, Kompass, Landkarte und ein GPS-Sender, über den man getrackt werden kann.

SPIEGEL ONLINE: Bei welcher Disziplin quälen Sie sich mehr?

Hook: Wenn ich laufe, denke ich, das Laufen ist schlimmer. Während ich gegen die Wellen kämpfe, denke ich, das Schwimmen strengt mehr an. Beides ist schön, beides ist anstrengend. Das Gute ist: Ich freue mich immer auf den nächsten Streckenabschnitt und die nächste Disziplin.

Ein Interview von Frank Joung



insgesamt 4 Beiträge
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mawhrin101 05.09.2015
1. Coole Sache
Viel Spaß und viel Erfolg in Schweden!
hakmak 05.09.2015
2. 65 km laufen
alle Achtung! Dafür muß man topfit sein. Ich habe schon genug, wenn ich knapp 10 km gelaufen bin... und dann noch 10 km schwimmen!!!
nico1984 05.09.2015
3.
Viel Erfolg! Und als kleine Randbemerkung. Es sind nicht die einzigen deutschen Athleten die an dem Wettkampf teilnehmen!
trailrunner 05.09.2015
4. Cool!
Finde ich super, hatte ich noch nie von gehört. Viel Erfolg!
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