Testosteron im Spitzensport Die Frau, die keine sein darf

Die Sprinterin Dutee Chand stand vor dem Durchbruch, da wurde sie disqualifiziert, weil ihr Testosteron-Wert zu männlich sei. Seitdem kämpft die Inderin gegen Weltverbände - und hat gute Chancen, mit überholten Vorschriften aufzuräumen.

Dutee Chand im Oktober 2014: Zu männlich für den Sport?
AP

Dutee Chand im Oktober 2014: Zu männlich für den Sport?

Von


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Dutee Chand entdeckte schon als kleines Mädchen ihre Liebe zur Leichtathletik. Als sie vier Jahre alt war, tobte sie mit ihrer älteren Schwester das erste Mal über eine Laufbahn. Als sie zehn Jahre alt war, lebte und trainierte sie drei Stunden von ihrem Heimatort entfernt in einem nationalen Programm. Ihre ganze Pubertät über kämpfte die Inderin für ihren Traum, professionelle Läuferin zu werden.

Kurz nach ihrem 17. Geburtstag schien es, als hätte sie es geschafft. Chand war indische Jugendmeisterin über 100 Meter, hatte sich für die Commonwealth Games in Glasgow qualifiziert. Mit den Preisgeldern plante sie, ihre Eltern und ihre sechs Geschwister aus der Lehmhütte zu holen, in der sie aufgewachsen war. Da zerstörte eine medizinische Untersuchung ihren Traum.

Chand war nicht krank, ihr Körper nicht schwach. Das Problem war ein anderes: In ihrem Blut entdeckten die Mediziner extrem große Mengen des Geschlechtshormons Testosteron - so viel, dass ihre Probe von einem Mann hätte stammen können. Ihr Körper produzierte das männliche Geschlechtshormon von Natur aus, gedopt hatte sie nicht. Mediziner sprechen von Hyperandrogenismus.

Wenige Tage vor den Commonwealth Games disqualifizierte der indische Leichtathletik-Verband Chand, die in der Pubertät zu einer jungen Frau herangereift war, als nicht weiblich. Da begann der zweite große Kampf in ihrem jungen Leben.

Testosteronspiegel = Geschlecht?

Die Regel, das Geschlecht bei Zweifeln allein anhand des Testosteronspiegels zu bestimmen, stammt aus dem Jahr 2011. Sie löste umfassende Geschlechtsuntersuchungen ab, wie sie beim umstrittenen Fall der Caster Semenya noch üblich waren. Männliche Sexualhormone seien in erster Linie für die höhere körperliche Leistungsfähigkeit von Männern verantwortlich, erklärte der Leichtathletik-Weltverband die Entscheidung. Aus diesem Grund liefere auch ein ungewöhnlich hoher Testosteronspiegel einen unfairen Vorteil bei Frauenwettkämpfen. Das Internationale Olympische Komitee IOC schloss sich dem 2012 an.

Wollen die betroffenen Frauen ihre Karriere fortsetzen, bleibt ihnen nur eine Möglichkeit: Sie müssen mit Medikamenten oder einer Operation ihren Hormonspiegel senken. Im Anschluss an die Olympischen Spiele in London wählten gleich vier Athletinnen diesen Weg. Alle stammten aus ländlichen Regionen in Entwicklungsländern, behandelt wurden sie in Frankreich. Eine Studie zeigt laut "New York Times", dass die Ärzte bei ihnen weit mehr veränderten als eigentlich notwendig war, unter anderem durch plastische Eingriffe.

Auch die Trainer der jungen Inderin versuchten, sie zu einer Operation zu überreden. Vergeblich. "Ich empfinde es als falsch, meinen Körper zu verändern, um beim Sport teilnehmen zu dürfen", sagte die junge Frau der "New York Times". Stattdessen tat sie etwas, das sich vor ihr noch keine Frau getraut hatte: Sie reichte im Oktober 2014 beim Internationalen Sportgerichtshof CAS in Lausanne Beschwerde ein - dem höchsten Gericht im Sport.

Die Chancen stehen gut, dass das Mädchen aus Indien etwas verändern kann. Denn die Regelungen des IAAF und des IOC besitzen einen großen Schwachpunkt: Sie versuchen, eine wissenschaftliche Trennlinie zwischen männlich und weiblich zu ziehen. Das aber ist quasi unmöglich.

Chand will sich nicht operieren lassen
AP

Chand will sich nicht operieren lassen

Das Geschlecht als Kontinuum

"Aus hormoneller Sicht sind männlich und weiblich nur Extrempunkte. Alles dazwischen ist ein Kontinuum", sagt Martin Bidlingmaier, Leiter des Endokrinologischen Labors am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München. Manche Frauen etwa werden mit einem X- und einem Y-Chromosom geboren - von ihrem Erbgut her wären sie männlich gepolt.

Tatsächlich aber reagieren ihr Zellen nicht so sensibel auf männliche Geschlechtshormone, deshalb entwickeln sie sich im Mutterleib zu Mädchen. Weil ihnen funktionsfähige Eierstöcke fehlen, bekommen sie in der Pubertät keine Periode. Oft fällt erst dann auf, dass ihr Körper sich von dem anderer Mädchen unterscheidet.

Wie diese gibt es viele Schnittstellen zwischen den Geschlechtern. Das beeinflusst auch den Spiegel des Hormons Testosteron. Bei einem Großteil der Menschheit trifft zwar zu, worauf sich der IAAF bezieht. Untersuchen Experten ihr Blut, finden sie bei den Männern etwa zehnmal so viel Testosteron wie bei den Frauen. Vereinzelt können die Werte jedoch in den Bereich des anderen Geschlechts rutschen. Bei Spitzensportlern scheint das sogar besonders häufig der Fall zu sein, schreibt Bioethikerin Katrina Krakzis in einem aktuellen Debattenbeitrag des Fachmagazins "Science".

Auch die zweite Basis, auf die der IAAF seine Geschlechter-Argumentation aufbaut, wackelt: Anders als er es darlegt, ist unklar, ob Frauen im Sport von einem hohen Testosteronspiegel profitieren. Zwar weisen Doping-Erfahrungen darauf hin, dass Testosteron Muskelmasse und Kraft steigern kann. Ob das vom Körper selbst produzierte Testosteron jedoch so wirkt wie das künstlich beim Doping zugegebene, ist fraglich.

Und selbst wenn es einen Effekt geben sollte, warum sollte er schwerer wiegen als andere körperliche Vorteile? "Wäre es dann nicht auch gerechter, Basketballer auszuschließen, die größer als zwei Meter sind, weil das im Vergleich zu kleineren einen unfairen Vorteil bietet?", fragt Bidlingmaier. Als Lösung sieht der Experte aus den Reihen der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) eine Regelung, die vor mehreren Jahrzehnten abgeschafft wurde. "Wenn eine Sportlerin als Frau aufgewachsen ist und sich als Frau fühlt, dann sollte sie auch als Frau Sport treiben können."

Einen kleinen Erfolg in diese Richtung hat Chand schon erreicht: Bis zur Entscheidung des CAS, die in den nächsten Wochen erwartet wird, darf sie an nationalen Wettbewerben teilnehmen. Auch im Hinblick auf die asiatischen Meisterschaften Anfang Juni in China hat der CAS erlaubt, dass sie antritt. So, wie sie ist.

Zusammengefasst: Dutee Chand, eine indische Sprinterin, wurde als Mädchen geboren. Kurz vor ihrem Durchbruch mit 17 Jahren disqualifizierte sie der indische Leichtathletikverband für Frauenwettbewerbe, weil ihr Körper extrem viel Testosteron produziert. Seitdem kämpft die junge Frau für ihr Geschlecht gegen die Regelung des Leichtathletik-Weltverbands. Ihre Erfolgschancen sind gut, an nationalen Meisterschaften darf sie bereits wieder teilnehmen.

Zur Autorin
  • Jeannette Corbeau
    Irene Berres, studierte Wissenschaftsjournalistin, hat sich auf Themen rund um den Körper spezialisiert. Sie ist Redakteurin im Ressort Wissenschaft und Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.