Achilles' Verse: Laufen, lieben, sterben

Wieder hat es einen Todesfall beim Breitensport gegeben, diesmal beim Berliner Halbmarathon. Muss das sein? Wanken jede Woche nur Verrückte, Leistungsgeile und Selbstüberschätzer durch die Innenstädte? Unsinn, sagt Dauerläufer Achim Achilles. Laufen ist und bleibt Leben.

Läufer vor dem Brandenburger Tor: Nur Verrückte unterwegs? Zur Großansicht
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Läufer vor dem Brandenburger Tor: Nur Verrückte unterwegs?

"Find what you love and let it kill you." Charles Bukowski

Warum passiert es so häufig auf den letzten Kilometern? Beim Marathon beginnt angeblich bei Kilometer 36 die Todeszone, beim Halbmarathon wird es offenbar nach 19 Kilometern lebensgefährlich. Der Körper läuft im roten Bereich, das Herz schlägt im ungewohnten Alarmzustand, das Publikum schreit, die Uhr drängelt, der Partner fiebert mit. Stress, an Körper, Geist und Seele. Und für manche zu viel. Immer wieder sterben Läufer kurz vor dem Ziel.

Am Sonntag in Berlin ist es erneut geschehen. Ein 24-jähriger Mann kollabierte in Hörweite des Ziels, wurde reanimiert, mit dem Krankenwagen in die Charité gefahren, wo er verstarb. Ursache? Unklar.

Zeit für Abertausende Besserwisser: "Sport ist Mord", dröhnen überfütterte Infarktkandidaten aus dem Fernsehsessel. "Vorher zum Doktor", rufen Schüßlersalzjünger, die den deutschen Rekord bei Arztbesuchen zu verantworten haben. "Leistungsgeile Gesellschaft", geifern Gleichmacher, die ihrem Kind fürs Kicken den eigenen Ball spendieren und noch ein privates Tor obendrein, damit ja keiner Zweiter werden muss. Böser Leistungsdruck. Darauf erst mal Burnout.

Alles Unsinn. Natürlich ist jeder Todesfall tragisch, aber Dramen gehören zum Sport wie zum Leben. Statistisch gesehen findet sich auf jeder Großveranstaltung ein Mensch mit unentdecktem Herzfehler, egal, ob beim Andrea-Berg-Konzert, bei Hertha im Stadion oder in Köln beim Karneval. Und eben beim Marathon. Hart aber wahr: Manchmal stirbt auch einer, der noch eine Stunde zuvor ein astreines Gesundheitszeugnis vorgelegt hat.

Keine Statistik misst, wie viele Menschen sich mit einer Chipstüte in der Hand verabschieden und fordert ein Attest für den Kauf von frittierten Kartoffelscheiben.

Laufen ist gefährlich - atmen auch

Millionen Menschen kennen die Vorzüge einigermaßen regelmäßiger Bewegung, eigentlich jeder, der häufiger als dreimal nacheinander gelaufen ist. Ja, Laufen ist gefährlich, so wie Atmen auch - Wespe verschluckt, Stich in den Hals, ersticken, tot. Kann alles passieren. Muss aber nicht. Und wenn, dann ist es Schicksal.

Sind die Todesfälle beim Marathon ein Grund, mit dem Laufen aufzuhören? Oder weniger Kilometer zu schrubben? Oder wenigstens langsamer? Oder stur auf die Pulsuhr zu starren, um ja nicht das computergenau ausgemessene Nichtschwimmerbecken des Lebens zu verlassen? Niemals. Es ist befreiend, bis zur Kotzgrenze zu rennen. Es ist eine herrliche Chiffre für Leben, wenn das Herz ordentlich wummert.

Bedächtiges Zen-Laufen mit total bewusstem Atmen mag auch eine schöne Sache sein, aber das Einholen, Überholen, Abhängen dieses Heinis da vorn, 300 Meter entfernt, befriedigt manchmal eben noch intensiver. Oder zwingt mal wieder zu Demut, wenn der Kerl anzieht und dranbleibt und im Fotofinish gewinnt in einem Rennen, das niemanden interessiert außer den beiden, die es sich geliefert haben. Respekt, Sportsfreund, denkt sich der Unterlegene. Läufer wissen, was andere leisten. Und sie wissen, dass das richtige Leben oft weit draußen spielt, außerhalb der trügerisch-lauwarmen Komfortzone.

Weg von der hochmuttisierten Gesellschaft

"Nur kein Risiko, sei präventiv, präpariert und nimm die Vitamine", befiehlt unsere hochmuttisierte Gesellschaft. Nieder mit dem Wellness-Terror. Und ein Hoch auf den Philosophen Robert Pfaller, der sagt, dass Grenzbereiche glücklich machen und nicht der superoptimierte Fettverbrennungsbereich, der so langweilig rund läuft wie der Tod gar nicht sein kann.

Das Gegenteil ist geil: Geh raus, wenn es regnet, probier' aus, wie schnell Du rennen kannst und wie lange, leg' Dich über den Lenker und tritt in die Pedale als sei eine Mannschaft Dobermänner hinter Dir her. Leben ist nun mal Risiko. Man muss ja nicht gleich über dem Grand Canyon seiltanzen. Aber mal den Halbmarathon versuchen. Wenn das Schicksal will, vereinen sich Laufen, Lieben und Sterben zu einem unseligen Schlag.

Die Älteren sagen: Wer beim Sport stirbt, hat doch Glück gehabt. Wie der 80-Jährige, der im vergangenen Jahr beim Velothon kurz vorm Ziel einfach tot auf den Asphalt schlug, vielleicht mit einem Lächeln. "Find what you love and let it kill you", hat der geniale Säufer Charles Bukowski gelallt. Unter den vielen Optionen für das Unausweichliche ist der Tod beim Laufen nicht die schlechteste.

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insgesamt 21 Beiträge
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1. Wenn ich das Gleich zu Thatcher Tod sage
Spiegelwahr 09.04.2013
Wenn ich die gleiche Kaltschäuzigkeit zu Thatcher Tod sage, dann schlägt der Zensur von Spiegel knallhart zu, aber bei einen 23 jährigen Läufer ist es erlaubt.
2. Gut gesagt...
juppII 09.04.2013
...Herr Achilles. Schöner Kommentar. Muss man auch kein Wort mehr hinzufügen.
3. In Hörweite des Ziels kollabiert?
cn459 09.04.2013
Wenigstens bis ins Ziel hätte er ja noch durchhalten können; dann hätte sich der Tod wenigstens gelohnt.
4. Zu ertrinken...
silke_w. 09.04.2013
... soll auch ein schöner Tod sein. Das meinte vor vielen Jahren zumindest meine nun schon entschlummerte Oma, die als Kind fast in einem Bach ertrunken wäre und sich an die letzten bewussten Sekunden mit Wohlgefühl erinnerte. Kein Grund, jetzt ins Wasser zu gehen. Doch, es soll eben jeder nach seiner Fasson selig werden...
5. Sh*t happens
spon-1245711913406 09.04.2013
Tragisch dass Leute bei einem Lauf umkippen. Aber es sterben doch sicherlich wesentlich mehr wegen Bewegungsmangel als durch Sport.
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ZUR PERSON
  • Beatrice Behrens
    Achim Achilles

    Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.