Tödliche Bergunfälle "Ein winziger Moment kann alles entscheiden"

Heiner Brunner rückt an, wenn Schlimmes passiert: Als Leiter der bayerischen Bergwacht Hochland weiß er, was Angehörigen nach tödlichen Unfällen hilft - und warum die öffentliche Diskussion traumatisieren kann.

DPA

Ein Interview von


Zur Person
    Heiner Brunner ist Regionalleiter der Bergwacht Hochland und seit fast 20 Jahren im Kriseninterventionsdienst (KID) der Bergwacht Bayern aktiv. Bei Lawinenunfällen, Vermisstensuchen, Seilbahn- oder Liftunglücken und Suiziden wird Brunner gerufen und wenn ein Kind schwer verletzt ist. Er muss den Angehörigen auch die Nachricht überbringen, wenn ein Mensch gestorben ist.

SPIEGEL ONLINE: Herr Brunner, was können Sie ausrichten bei den schweren Notfällen, zu denen Sie gerufen werden?

Heiner Brunner: Wir versuchen, Sicherheit und Stabilität zu vermitteln und zusätzliche Stressfaktoren zu reduzieren. Die Menschen, die wir betreuen, sind ja meist schon viele Stunden auf den Beinen, da geht es auch schlicht um Grundbedürfnisse: Essen, Trinken, etwas Trockenes zum Anziehen. Wir sind nicht die Tröster vom Dienst, sondern wir wollen Struktur und Orientierung geben: Was passiert gerade? Wie kommst du jetzt heim? Wer ist für dich da? Wie geht es in den nächsten Tagen weiter? Ganz wichtig ist, das soziale Netz zu aktivieren, soweit es bei den Betroffenen vorhanden ist.

SPIEGEL ONLINE: Sie leisten also Erste Hilfe für die Psyche.

Brunner: Genau. Wir geben in den ersten Stunden Stabilität und rücken in dieser Zeit die Bedürfnisse der Betroffenen in den Mittelpunkt. Die Angehörigen sollten Abschied nehmen und wir begleiten dabei. Wir klären über den Zustand des Toten auf, schaffen eine würdevolle Atmosphäre und sehen zu, dass niemand die Angehörigen stört, wenn sie den Leichnam sehen und sich von ihm verabschieden. Das ist für die Hinterbliebenen ein sehr wichtiger Schritt. Ein Mensch stürzt lebend ab und bleibt deshalb auch lebend in der Erinnerung. Den Toten zu sehen hilft, den Tod zu begreifen.

SPIEGEL ONLINE: Bei Nachrufen liest man häufig Sätze wie "Er ist bei der Ausübung seiner Leidenschaft gestorben" oder "Er starb in seinem Element". In der Öffentlichkeit wird das als tröstlicher Aspekt verkauft. Wie erleben es die Hinterbliebenen?

Brunner: Wenn die Angehörigen das selbst so formulieren und der Satz nicht nur als Floskel auftaucht, werden sie es vermutlich auch so wahrnehmen. Entscheidend ist aber, von wem diese Interpretation stammt. Die Angehörigen sollten da die alleinige Deutungsmacht haben. Niemandem sonst steht es zu, darüber zu urteilen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielen die Medien?

Brunner: In den Nachrichten werden Unfälle häufig auf eine Schlagzeile und die Schuldfrage reduziert. Das erlebe ich als kontraproduktiv. Vor einiger Zeit gab es zum Beispiel im Sellrain drei Lawinentote, alles Männer zwischen 68 und 74 Jahren. In den TV-Nachrichten hieß es dann: "Sie suchten den Kick und fanden den Tod." Wenn ich mir vorstelle, dass da die Enkelin vor dem Fernseher sitzt, tut mir das sehr leid. Dass sofort die Schuldfrage gestellt wird, ist ein simpler Schutzreflex. Wenn wir dem Ereignis Schuld zuweisen können, erklären wir einen Unfall als zukünftig vermeidbar. Wir haben das befreiende Gefühl: Mir kann dieser Fehler nicht unterlaufen.

SPIEGEL ONLINE: Oft wird in der Berichterstattung unterstellt, dass die Bergsteiger leichtsinnig waren.

Brunner: Auch wer mit Flipflops am steilen Bergpfad gewandert ist, hat sich vermutlich sicher gefühlt. Wahrscheinlich war er der vollen Überzeugung, dass es gutgeht. Wir bekommen so viele Filme von spektakulären Aktionen im Bergsport zu sehen, das beeinflusst natürlich unser Risikobewusstsein. Da ist immer alles gut, alles leicht. Das wollen andere auch erleben.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie nie schockiert, wenn sich jemand aus objektiver Sicht leichtfertig in eine Notsituation manövriert hat?

Brunner: Manchmal wundere ich mich schon, dass nicht mehr passiert. Aber jeder, der selbst in den Bergen unterwegs ist, hat sicher schon öfter gedacht: Oh, jetzt habe ich aber Schwein gehabt. Und in noch mehr Situationen ist uns gar nicht bewusst, wie viel Glück wir hatten. Wer weiß bei einer Skitourenabfahrt schon, über wie viele riskante Stellen er gefahren ist und wie kurz er vor einem Lawinenabgang stand? Das verzerrt unsere Wahrnehmung.

SPIEGEL ONLINE: Wie gehen Sie selbst mit der Gefahr um?

Brunner: Ich bin seit mehr als 40 Jahren alpin unterwegs. Da habe ich den ein oder anderen Unfall miterlebt. Es ist vermessen zu glauben, dass mir nichts passieren kann. Ich weiß, ich kann mein Leben verlieren. Wir sollten uns also hüten, vorschnell zu bewerten.

SPIEGEL ONLINE: Was machen die Spekulationen der Medien mit den Angehörigen?

Brunner: Für die kann das sehr belastend sein. Wir raten ihnen dazu, sich der Berichterstattung nicht auszusetzen. Die meisten machen es aber doch. Sie wollen wissen, wie es zu dem Unfall kam. Wenn dann der Verstorbene verurteilt wird, ist das mehr als schmerzhaft.

SPIEGEL ONLINE: Die Ursachen müssen aber analysiert werden.

Brunner: Natürlich sind kompetent recherchierte Unfallanalysen notwendig. Nur so können wir aus dem Unfallgeschehen lernen. Aber selten sind die Ursachen so offenkundig, dass sie kurz nach dem Ereignis sicher benannt werden können. Die Staatsanwaltschaft, Alpinpolizei und sachverständige Gutachter des Gerichts benötigen in der Regel mehrere Monate, bis sie alle Fakten gesammelt und ausgewertet haben. Nach so einer Zeitspanne berichtet niemand mehr über den Ausgang.

SPIEGEL ONLINE: Welcher öffentliche Umgang mit tödlichen Unfällen wäre aus Sicht der Hinterbliebenen denn hilfreich?

Brunner: Größtmögliche Zurückhaltung wäre angemessen. Vor zwei Jahren ist zum Beispiel ein junger Mann in den Dolomiten verunglückt. Ein Reporter rief die Lebensgefährtin an und wollte von ihr wissen, wie es ihr jetzt geht. Sie hatte von dem Unfall aber noch gar nicht erfahren, weil das Paar nicht verheiratet war und sie deshalb nicht zu den Familienangehörigen gehörte, die zuerst verständigt wurden. So etwas ist zusätzlich traumatisierend.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie selbst noch unbeschwert in die Berge gehen?

Brunner: Mit großer Leidenschaft. Ich bin sehr bewusst und genussvoll in den Bergen unterwegs. Durch meine Arbeit bei der Bergwacht weiß ich: Auch ein breiter Wanderweg kann tödlich sein. Ein winziger Moment kann alles entscheiden. Das macht ein Stück weit demütig, schränkt mich aber nicht in meiner Risikobereitschaft ein. Ich bin sehr dankbar, dass ich nach wie vor in die Berge gehen kann, weil ich erlebe, dass immer und überall etwas geschehen kann.

Im Video: Luftrettung Matterhorn - Air Zermatt ( 21.10.2004)

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Seite 1
angst+money 25.09.2018
1.
Der Meinung "selber schuld" zu sein ist eine Sache. Aber wenn man es nötig hat, sie in der Öffentlichkeit herumzuposaunen - wie es immer wieder in Foren oder auf Facebook vorkommt - spricht das nicht gerade für gute Kinderstube, um es mal zurückhaltend zu formulieren.
Ein_denkender_Querulant 25.09.2018
2. "abstürzen lassen"
Wenn es nach der AfD und ihrer Politik der Menschenfeindlichkeit geht, mit Aussagen wie, "wenn wir keine Flüchtlinge in Seenot retten, kommen auch weniger" werden die Menschenfeinde als nächstes vermutlich fordern "Keine Rettung von Bergsteigern". "Die Menschen haben sich selber und freiwillig in Not gebracht und es gibt immer mehr tote Bergsteiger, weil sie in Not gerettet werden. Um tödliche Unfälle zu vermeiden, muss die Rettung verboten werden." (fiktive Aussage nach rinzip der Menschenfeinde) Mit diesem Zynismus macht eine demokratische Partei Politik. Jeder kann sich überlegen, was diese Partei als nächstes fordert. Den einmal Menschenfeind, immer Menschenfeind. Alles Bergsteigern an dieser Stelle viel Glück vor Steinschlag und losen Haken. Mit viel Erfahrung kann man viel erkennen, aber leider nicht alles.
zeisig 25.09.2018
3. Sehr befremdlich.
Zitat von Ein_denkender_QuerulantWenn es nach der AfD und ihrer Politik der Menschenfeindlichkeit geht, mit Aussagen wie, "wenn wir keine Flüchtlinge in Seenot retten, kommen auch weniger" werden die Menschenfeinde als nächstes vermutlich fordern "Keine Rettung von Bergsteigern". "Die Menschen haben sich selber und freiwillig in Not gebracht und es gibt immer mehr tote Bergsteiger, weil sie in Not gerettet werden. Um tödliche Unfälle zu vermeiden, muss die Rettung verboten werden." (fiktive Aussage nach rinzip der Menschenfeinde) Mit diesem Zynismus macht eine demokratische Partei Politik. Jeder kann sich überlegen, was diese Partei als nächstes fordert. Den einmal Menschenfeind, immer Menschenfeind. Alles Bergsteigern an dieser Stelle viel Glück vor Steinschlag und losen Haken. Mit viel Erfahrung kann man viel erkennen, aber leider nicht alles.
Wie Sie von diesem Thema diese Brücke zur AfD geschlagen haben, das ist schon sehr erstaunlich, aber auch befremdlich. Irgendwo sollte auch das AfD Bashing seine Grenzen haben.
ichwillauchmal 25.09.2018
4. "Ein winziger Moment kann alles entscheiden"
Gilt nicht nur beim Bergsteigen. Einmal kurz die neue Nachricht auf dem Smartphone gecheckt und mit dem Auto in den Gegenverkehr... dürfte deutlich häufiger vorkommen, als man meint. Endet häufig tödlich. Tendenziell ist die Fahrt in die Berge gefährlicher, als eine schwere Route zu klettern.
stoffi 25.09.2018
5. Ich denke
Viele geraten in Bergnot, weil sie nicht richtig geschult sind, oder mangelhafte Ausrüstung haben. Ich selber habe keine Ahnung, bin nur die Mutter eines Bergsteigers, mit dem ich stets über die Risiken spreche. Er klettert meist mit einem bestimmten Freund, der auch mal leicthsinniger Weise allen auf Tour geht. Im letzten Jahr haben sie sich ein neues besonderes Sicherungsseil gekauft, was auch immer das ist. Vor der nächsten Tour gingen sie mehrmals damit zum Über in eine Kletterwand und danach auf grosse Tour. Dann geschah folgendes:,, Oben angekommen sagte mein Sohn zu seinem Freund:,, sieh mal, die beiden da haben die gleiche neue Sicherung." sie blieben noch oben und machten sich zwei Stunden später auf den Abstieg. Nach einer Stunde hörten sie laute Rufe. Nach einer weiteren Stunde sahen sie eine Person wild mit den Armen gestikulieren und da wussten sie, da war was passiert. die Frau des Pärchens mit der neuen Sicherung war in eine Spalte gestürzt, aber sie hatten keine Ahnung, wie sie sich hätten damit retten können.Beide sprachen nur tschechisch und so macht mein Sohn dem Mann mit Händen und Füssen klar, das er und sein Freund nun seine Frau retten würden. Um die Bergwacht zu verständigen war es schon zu spät, denn bis die da wären, wäre es bereits dunkel. Nach etwa zwei Stunden konnten sie die Frau aus der Spalte retten und sie schafften dann noch vor Dunkelheit unten an zu kommen. Zusammen tranken sie dann noch einen heissen Tee bevor jeder seines Weges ging. Mein Sohn hat noch ein paar paar Fotos von der Spaltenrettung gemacht um für sich später zu sehen, wie richtig er die Sache angegangen war. Was wäre wohl gewesen, wären die beiden Bergsteiger nicht auf Hilfe im Berg gestossen?
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