Training trotz Krankheit Besser auf den Körperfunk hören

Überall röchelt, hustet und schnieft es: In der Vorweihnachtszeit haben Infekte mit Fieber und triefender Nase Hochsaison - Lauftraining ist da nicht drin. Oder? Wann sich der Körper erholen sollte und wann die Krankheit nur eine Ausrede ist.

Laufen im Herbst: Auch mit Fieber kein Problem für den Körper?
DPA

Laufen im Herbst: Auch mit Fieber kein Problem für den Körper?


Klar ist: Wer wirklich krank ist, sollte keinen Sport treiben. Nur: Wo fängt Kranksein an und hört Gesundsein auf? Ist jemand, der trotz Erkältung laufen geht, ein Held des Alltags, ein Krieger des Sports - oder einfach nur ein Volltrottel?

Im Leistungssport herrschen sehr einfache Gesetze: "No Pain, no Gain", keine Schmerzen, kein Gewinn. Oder sportpoetisch ausgedrückt: "Nur die Harten kommen in den Garten." Machogehabe einer Leistungsgesellschaft. Wer ganz nach oben will, darf sich nicht von Wehwehchen geschlagen geben, so lautet das Leitmotiv.

Der Beruf des Leistungssportlers verlangt es, immer an Grenzen zu gehen. Und manchmal auch darüber hinaus. Als Basketball-Superstar Dirk Nowitzki 2011 in einem NBA-Finalspiel mit 38,4 Grad Fieber antrat, wurde er von Medien und Fans dafür gefeiert - legendär ist das "Flu-Game" von Michael Jordan, als er in der Finalserie 1997 gegen Utah mit einem Infekt antrat und trotzdem 38 Punkte machte.

Sportärzte schüttelten bei so etwas den Kopf. Denn während Nowizki und Jordan um die Meisterschaft kämpften, kämpften ihre Körper um die Gesundheit. Und so ein Kampf kann im schlimmsten Fall in eine lebensbedrohliche Herzmuskelentzündung münden.

Medikamente wirken nur scheinbar

Fieber ist keine Krankheit, Fieber ist ein Warnsignal. Der Körper ist geschwächt, das Immunsystem in erhöhter Alarmbereitschaft. Wer zu diesem Zeitpunkt seinen Körper durch Sport zusätzlich schwächt, dem drohen ernsthafte Konsequenzen. Medikamente können den Sportler zwar kurzfristig aufpäppeln, aber eben nur scheinbar und vorübergehend. Der Schmerz geht, die Gefahr bleibt. Wer Fieber hat, muss sich ausruhen. Und wer Fieber hatte oder Medikamente eingenommen hat, sollte einige Tage pausieren, bis er seinen Körper wieder belastet.

Geschwollene Lymphknoten, Hals- oder Gelenkschmerzen, gelber oder grüner Auswurf, Dauerhusten - alles gute Gründe, das Training ausfallen zu lassen, meint Fernando Dimeo, Sportmediziner der Berliner Charité. "Beschwerden, die sich durch eine lokale Behandlung - Nasentropfen oder Hustenbonbons - therapieren lassen, sind meistens eher harmlos."

"Wenn nur die Nase ein wenig läuft, kann man ruhig moderat weiter trainieren", meint auch der Mediziner und Laufexperte Matthias Marquardt. "Eine halbe Stunde lockeres Traben sollte aber reichen und man sollte sich etwas wärmer anziehen als sonst." Hartes Training bei geschwächtem Immunsystem bringe aber keine Leistungssprünge mit sich. Im Gegenteil: Infektionen können langwierige Krankheiten nach sich ziehen und damit lange, unnötige Trainingspausen forcieren. Im Zweifelsfall also: aussetzen und es sich gut gehen lassen.

Ein schmaler Grat

Viele Hobbyläufer sagen aber: "Ich bin krank" und meinen eigentlich: "Ich bin gestresst, ich fühle mich nicht so gut, ich bin überlastet, es ist mir alles zu viel." Ob Bewegung, Sporttreiben, Auspowern das individuelle Stressgefühl an dieser Stelle verringern oder zusätzlich verstärken würde, kann kein Arzt sicher sagen. Das muss man selbst spüren. Die Aufgabe ist also, die Signale des Körpers wieder zuzulassen und wahrzunehmen. Nicht alles wegschieben, abschalten oder unterdrücken.

Es ist ein schmaler Grat zwischen Anspannung und Entspannung. Bevor sich der Körper nimmt, was er braucht, sollte man ihm geben, was er benötigt. Und das sind gerade in der kühleren Saison ganz banale Dinge: ausreichend Schlaf, ausgewogene Ernährung und Bewegung an der frischen Luft.

Wer sich in gesunden Zeiten ein bisschen fordert und die Leistungsgrenzen allmählich verschiebt, der stärkt nicht nur sein Immunsystem, sondern auch sein Körpergefühl. Und dieses Körpergefühl hilft dann in schlechten Zeiten, die richtige Entscheidung zu treffen.

Hier geht's zum großen Achilles-Weihnachtskalender!

Lesen Sie weitere Folgen dieser Serie
Nächste Woche in der Ausreden-Serie: "Ich habe keine Lust"

Hier kannst du Achim auf Twitter folgen

Von Frank Joung

insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
sample-d 05.12.2014
1.
Auch für mich war die Kernaussage des Artikels immer das Entscheidungskriterium ob man pausiert oder trainiert. Fieber oder bakterielle Infektionen heissen Stop. Bei Schnupfen, leichten Erkältungen oder den deren Nachwirkungen wie Husten beschleunigt aber nach meiner Erfahrung ein moderates Training gerade den Gesundungsprozess...
ausgemerkelt 05.12.2014
2.
sample-d: wie schon im Artikel beschrieben, ist das ein schmaler Grat. Wenn man trotz moderater Krankheit Sport treibt, steigt dadurch die Körpertemperatur und der Effekt kann ein ähnlicher sein, wie wenn man Abends ein Erkältungsbad nimmt und sich dick eingepackt schlafen legt. Man erzeugt gezielt einen geringen Fieberzustand, der der Heilung zuträglich ist. Übertreibt man dies oder unterschätzt man seine Krankheit, können die Folgen aber verheerend sein. Im Zweifelsfall sollte man daher auf Sport verzichten und sich lieber früher schlafen legen. Eine generelle Aussage, Sport würde die Heilung beschleunigen, trifft nicht zu!
herkurius 05.12.2014
3. Macht keinen Sinn
Die ersten ca. zehn Millionen Jahre, Homo Erectus und andere mitgezählt, gab es keine Krankschreibung und Erholung im weichen Bett. Unser Körper versteht es bestens, seine Funktionsfähigkeit auch bei Krankheit aufrecht zu erhalten, und ein sinnvolles Wechselspiel von Unlust (Mattigkeit) und Adrenalin gibt ein Spannungsfeld vor, bei dem der Mensch Krankheit und Notwendigkeit abwägt. Ich glaube nicht, daß man dafür Sportärzte fragen gehen muss. Gibt es keine stichhaltigen Untersuchungen, ob die Heilung wirklich gefördert wird, wenn man sich ausruht? Bei Erkältungskrankheiten aller Schweregrade kann man selber die Erfahrung machen, daß sie sich durch Ausruhen und muffige Zimmerluft nicht verbessern - die Nebenhöhlen laufen voll, der Kreislauf wird schwach, an der frischen Luft und angeregt durch Interesse am "Draussen" wird's messbar besser. Nicht anders ist es bei Schmerzen. Sie können sich verselbständigen ("Schmerzgedächnis") - oder sie verschwinden bei Ablenkung. Mir scheint aus eigenem Erleben, daß auch Entzündungen durch Bewegung und Ablenkung schneller abklingen oder jedenfalls nicht länger dauern, und man weniger unter den Schmerzen und Schwellungen leidet. Das sind echte Alltagsbeobachtungen, über die sich wohl viele Menschen einig sind. Wo bleiben die Untersuchungen hierzu?!
Anay2 05.12.2014
4. Perfektes Timing
Perfektes Timing; da kann ich auch was dazu sagen. Vor ein paar Tagen eine leichten grippalen Infekt gehabt, ohne großes Fieber usw., aber schwer genug, um zwei Tage nicht zur Arbeit zu gehen. Nach drei Tagen dann gestern eine entspannte dreiviertel Stunde mit dem Fahrrad gefahren. Es klappte gut, hat auch Spaß gemacht, und ich bin wirklich gemächlich gefahren und habe mich warm angezogen habe. Aber abends habe ich es trotzdem in allen Knochen gespürt, und habe dazu auch noch ca. 1 bis 2 Stunden einen leichten Fieberschub bekommen. Da muss ich dem Autor also zustimmen: Wenn überhaupt, dann nicht zu lange, nicht zu sehr anstrengen, warm anziehen, und erst dann "Sport" machen, wenn der Infekt schon etwas abgeklungen ist. (Gesundheitlich bringt es m.E. wahrscheinlich so oder so nichts, aber gut für die Seele ist es immer.)
metalslug 05.12.2014
5. Kann auch nach vorne losgehen
Konnte dieses Jahr zwei Mal einen grippalen Anflug mit Training abwehren: Beim zweiten Mal war mir im Kraftraum sogar etwas schwindelig, so dass ich dachte: schon blöd wenn dir jetzt die Hantel deswegen auf die Birne kracht. Aber danach war ich fit und am Abend war der Anflug überstanden. Heute gehts mir ähnlich. Werde trotzdem trainieren und meine Einheit abbrechen wenn es nicht geht. Das ist meine Herausforderung heute: Einheit abbrechen, wenn es nicht geht.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.