Trendsportart Crawling Das Baby-Krabbel-Workout

Crawling wird als neue Trendsportart gepriesen. Mit Baby-Krabbeln soll man mehr Muskeln im Körper trainieren als mit jedem anderen Sport. Was ist da dran? Ein Selbstversuch.

David Bedürftig

Von David Bedürftig


Verdammt, hoffentlich will der nicht mit mir rausgehen. Den Kopf zehn Zentimeter über dem Redaktionsfußboden, krabble ich unbeholfen auf Händen und Füßen durchs Zimmer, atme Staub ein. Peinlichkeitsfaktor 100, höchste Stufe. "Bauchmuskeln anspannen, regelmäßig atmen", kommandiert Krabbel-Coach Johannes Randolf. Ich spann ja schon. Was wohl die Kollegen denken? Hauptsache, ich muss gleich nicht an meinem Fußballplatz vorbeikriechen.

Der Frühling ist da. Mal mehr, mal weniger. Aber in jedem Fall höchste Zeit für uns Freizeitsportler, den Körper wieder auf Vordermann zu bringen. Noch schneller als Nelken und Narzissen schießen jedes Frühjahr Fitnesstrends aus dem Boden. Crawling, Englisch für Krabbeln, kreucht und fleucht gerade aus Australien und den USA nach Deutschland und wird von Fachzeitschriften als beste Rumpfübung aller Zeiten gepriesen. Natürlich schwören auch die Reichen und Schönen längst auf die Krabbelei. Und so viel ist klar: Was gut für Gisele Bündchen ist, muss auch gut für mich sein. Höchste Zeit für einen Selbstversuch.

In jedem Haushalt leben 100 Arten von Krabbeltieren: Spinnen, Milben, Schaben - und jetzt also auch ich. Crawling soll meine Oberkörpermuskulatur kräftigen, meine Wirbelsäule mobilisieren und korrekt aufrichten und mir so zu einer besseren Haltung verhelfen. Kann ja nicht so schwer sein, das bisschen Krabbeln. Kinderleicht quasi, wenn schon Babys davon nicht genug bekommen.

Der "Fun-Faktor"

Also runter in die Liegestützposition, endlich wieder Kind sein. Das rechte Bein beugen und nach vorne neben den ebenfalls gebeugten rechten Arm ziehen. Die Brustwirbelsäule nach oben und die Lendenwirbelsäule nach unten drücken, Körperspannung beibehalten. Dann linkes Bein nach vorne neben den linken Arm ziehen und die rechte Hand weiter nach vorne schieben. Huch, was passiert? Auf einmal schwitze ich. Weiterkrabbeln. Die Muskeln zittern.

David Bedürftig

"Nicht so einfach, was?", grinst Trainer Randolf. Ich grinse nicht. Erst mal Luft holen. Randolf ist der bislang einzige Krabbel-Guru im deutschsprachigen Raum, Tanzlehrer an der Universität Linz und Physiotherapeut, klein und geschmeidig. Typ österreichische Frohnatur, aber auf die sympathische Art. Er leitet Krabbel-Gruppen in Linz, in Deutschland sucht man solche Kurse noch vergeblich.

"Wir gebrauchen heutzutage die Oberkörpermuskeln im Alltag nicht mehr", sagt Randolf. Zu viel Büroarbeit, zu viel träges Herumhocken vor dem Computer. "Der Super-GAU, denn für die Stabilität der Wirbelsäule benötigen wir ein gleichmäßiges Training des Ober- und Unterkörpers."

Zur Person
    Johannes Randolf, Jahrgang 1967, lehrt Tanz an der Anton Bruckner-Universität Linz und betreibt eine Praxis für Physiotherapie. Sein Buch "Krabble! Training für Körper und Gehirn mit den natürlichen Bewegungen der Babys" ist der erste deutsche Crawling-Ratgeber und erklärt verschiedene Krabbel-Übungen.

Randolf suchte nach physiotherapeutischen Ansätzen "mit Fun-Faktor" und entwickelte sein eigenes Krabbel-Programm mit vielen verschiedenen Übungen. Auf allen Vieren trainiere man alle Muskelketten und -verbindungen auf einmal und vor allem: dreidimensional. Das stimuliere die Wirbelsäule. Von zweidimensionalen Fitnessgerättrainings hält der Österreicher gar nichts. Lieber jeden zweiten Tag (um die Handgelenke nicht zu überlasten) 60 Minuten krabbeln, inklusive Aufwärmen und Knieschonern.

Krabbel, kriech, robb. Nach ein paar Crawling-Übungen bahnt sich bereits der Muskelkater meines unterbenutzten Oberkörpers an. Aber die Wirbelsäule fühlt sich überraschend entspannt an. Das ging fix. Wo mich eben noch das Schreibtischstuhlziehen im unteren Lendenbereich plagte, ist die Bürokrankheit auf einmal weg. "Weil wir uns im Alltag zu wenig dreidimensional betätigen, werden zu wenig Nervenimpulse ausgesandt und die Muskulatur um die Wirbelsäule wird geschwächt", erklärt der Krabbel-Coach.

Schwierige Koordinationsschleife

Crawling soll nicht nur Muskulatur und Wirbelsäule stärken, sondern stimuliert angeblich auch das Gehirn. Werden die Reichen und Schönen jetzt etwa auch noch schlau? Krabbeln vernetzt bei Babys die beiden Gehirnhälften miteinander, das ist bekannt. Auch dass wir durch unseren simplen Bewegungsalltag bestimmte koordinative Fähigkeiten verlieren.

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Koordinationstraining kann da Abhilfe schaffen und neue Verschaltungen im Gehirn erzeugen. Ein Zusammenhang von Krabbeln und kognitiver Entwicklung wurde jedoch noch nicht erforscht. "Aber auch beim Krabbeln befinde ich mich in einer schwierigen Koordinationsschleife und im ständigen Wechseln zwischen rechts und links und habe eine völlig neue Erlebnisebene", sagt Randolf.

Schwierige Koordinationsschleife? Dass ich nicht lache, Krabbeln ist doch kein Life-Kinetik. Ein bisschen Arm vor Bein werde ich ja wohl noch schaffen, bin doch Ballsportler. Also nächste Übung. Noch mal Fokus auf die Wirbelsäulenabschnitte, Fokus auf die Atmung, Fokus auf die Körperspannung. Aber verflixt, was ist das? Bleib hinten, Bein! Mit meinem linken Arm schiebt sich auch mein linkes Bein wie von selbst nach vorne, dabei sollte ich mich doch versetzt bewegen. Zu viel Informationsverarbeitung - und vielleicht doch eine neue, nicht ganz so simple Erlebnisebene.

"Jeder macht anfangs diesen Fehler", beschwichtigt Randolf. "Das Gehirn ist darauf programmiert." Mein Programm lautet erst mal weiterkriechen, ächz. Was bringt mir eine entspannte Wirbelsäule, wenn die Arme glühen? Nach 20 Minuten schnappe ich nach Luft und fange an, Respekt vor Babys zu bekommen. Die Kollegen belächeln unsere kleine Krabbelgruppe schon mitleidig. Immerhin hat mich die Fußballmannschaft nicht gesehen.



insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
babasikander 17.04.2017
1.
Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit :)
NightToOblivion 17.04.2017
2. Movement
Das Crawling ist eigentlich nur ein kleiner Teil des ursprünglichen "Fitness Trends". Es ist Teil der Movement Übungen. Krabbeln, Barfußlaufen, Hocken usw. Der gute Mann ist auch nicht der einzige Coach dafür. Vielleicht der einzige der nur das macht. Denn es geht eigentlich um ein Training für einen ganzen Körper. Relativ populär sind dazu in Deutschland die beiden Heinis von Strong & Flex TV auf YouTube.
meinerlei 17.04.2017
3. asana
Nun ja, die gezeigten Übungen haben ihre Entsprechungen im Yoga und heißen dort Asana. Aber die Gesättigten brauchen eben was Neues, Trends halt, um sich noch ein bißchen zu bewegen. Gähn. und darüber ein Artikel?
hackmackenreuther 17.04.2017
4. Nichts
ist so dämlich, auf dass es nicht mit einem englischen Wort noch in einen "Hype" verwandelt werden kann.
Katzazi 17.04.2017
5.
Andere Bewegungsmuster sind eigentlich immer Hilfreich für "neu" Muskelgruppen. Auch wenn ich das hier noch nicht ausprobiert habe, so scheint es ja relativ schnell zu wirken. Und wenn ich so darüber nachdenke, was für Verrenkungen man in manchen anderen Sportarten so treibt, ist das eigentlich auch nicht peinlicher, als manch anderes. Auch wenn es sicherlich nicht derartig koordiniert wäre, aber warum nicht in einer Gruppe machen und einen Ballsport draus machen? Dann dürfte das recht spaßig werden. Aber wahrscheinlich ist man so einfach zu langsm ... wobei wenn man Babys beobachtet, wie schnell die krabbelnderweise irgendwo oder einfach weg sind ...
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