Dokumentarfilm "Wechselzeiten" "Triathleten sind alles andere als verrückt"

Der Dokumentarfilm "Wechselzeiten" begleitet vier Anfängerinnen auf dem Weg zu ihrem ersten Wettkampf. Regisseur Guido Weihermüller erklärt im Interview mit achim-achilles.de, wie Triathlon Menschen verwandeln kann.

Cecilia beim Schwimmen: Die alleinerziehende Mutter nutzt das Training, um Zeit für sich zu haben
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Cecilia beim Schwimmen: Die alleinerziehende Mutter nutzt das Training, um Zeit für sich zu haben


Zur Person
  • privat
    Guido Weihermüller, Jahrgang 1964, ist Werbefilmer und Triathlet. "Wechselzeiten" ist sein erster Dokumentarfilm. Dieser erzählt die Geschichte von vier Frauen, die sich auf ihren ersten Triathlon vorbereiten. Am Film beteiligt waren außerdem: Silvia Weihermüller, Eduard Ebel, Jan Brockmann, Hans Hartmann und viele mehr.
SPIEGEL ONLINE: Herr Weihermüller, in einer Filmszene stürmen vierzig Triathleten im Neoprenanzug in einen Badesee. Die übrigen Badegäste schauen irritiert dabei zu. Sind Triathleten nicht ein bisschen irre?

Weihermüller: Nein, gar nicht. Wer sich jeden Abend auf die Couch setzt, ein Bier trinkt und Fernsehen schaut, gilt in Deutschland als normal. Ich sehe das anders. Normal ist, dass man Sport macht und sich bewegt. Dass man nicht stehenbleibt, sondern sich immer wieder neuen Herausforderungen stellt. Für mich sind Triathleten alles andere als verrückt.

SPIEGEL ONLINE: Was ist so spannend am Triathlon?

Weihermüller: Ich mache selbst Triathlon. 2011 habe ich mit dem Sport begonnen. Damals wog ich ein paar Kilo zu viel und war nicht wirklich fit. Ich wettete mit zwei Bekannten, dass ich einen Triathlon schaffen könne. Also fing ich an zu trainieren. Während dieser Zeit habe ich viele Triathleten kennengelernt und gemerkt, wie unterschiedlich diese sind. Jeder Sportler hat seine eigene Geschichte. Da wusste ich: Ich muss einen Film über Triathlon machen.

SPIEGEL ONLINE: Im Film geht es um vier Frauen, die zum ersten Mal in ihrem Leben an einem Triathlon teilnehmen. Woher stammt die Motivation dieser Frauen?

Weihermüller: Die Frauen im Film sind ganz unterschiedlich - genauso wie deren Gründe, an einem Triathlon teilzunehmen. Sarah beispielsweise hat Angst vor Wasser und will dagegen ankämpfen. Cecilia, eine alleinerziehende Mutter, nutzt das Training, um Zeit für sich zu haben. Und die 53-jährige Kristina will beweisen, dass sie nicht zu alt für Triathlon ist. Für alle ist der Wettkampf aber eine große Herausforderung.

SPIEGEL ONLINE: Die Frauen haben entweder die Triathlon-Sprintdistanz oder die etwas längere Olympische Distanz absolviert. Wie rüstet man sich für 1500 Meter Schwimmen, 40 Kilometer Rad und 10 Kilometer Laufen?

Weihermüller: Die Frauen haben am Rookie-Programm teilgenommen, einer Art Trainingscamp, in dem die Teilnehmer unter professioneller Betreuung auf den Triathlon vorbereitet werden. Das Programm richtet sich speziell an Anfänger und dauert zwölf Wochen. Es gibt nur zwei Voraussetzung, die man erfüllen muss, um mitmachen zu dürfen: in der Lage sein, 100 Meter zu kraulen und 20 Minuten locker zu joggen.

SPIEGEL ONLINE: Sind zwölf Wochen nicht extrem kurz, wenn man überhaupt keine Erfahrung hat?

Weihermüller: Klar, man muss schon viel trainieren, damit man das schafft. Die Frauen haben sich fünfmal die Woche getroffen, um Sport zu treiben. Das Schwierige beim Triathlon ist ja, dass man alles am Stück machen muss. Die Wechsel gut hinzubekommen, ist gar nicht so einfach.

SPIEGEL ONLINE: Im Film geht es aber nicht nur um die Wechsel zwischen den Sportarten.

Weihermüller: Stimmt. Die Wechselzeiten beim Triathlon sind ja wie Metamorphosen. Der Sportler verwandelt sich: vom Schwimmer zum Radfahrer, vom Radfahrer zum Läufer. Das ist aber nur die äußerliche Veränderung. Der Film erzählt vor allem von der innerlichen Verwandlung. Wie sich die Frauen mit der Zeit verändert haben. Kristina merkt beispielsweise während der Dreharbeiten, dass sie eigentlich die ganze Zeit vor etwas davonläuft. Ein Trainer hat mal zu mir gesagt, es gebe zwei Sorten von Menschen: Die, die vor etwas weglaufen und die, die zu sich hinlaufen. Und manchmal muss man erst vor etwas weglaufen muss, um am Ende zu sich zu finden.

SPIEGEL ONLINE: Die Hauptfiguren im Film sind alle Frauen. Wieso ist kein Mann dabei?

Weihermüller: Ich hätte im Film auch gern Männer gehabt. Am Rookie-Programm nehmen aber mehrheitlich Frauen teil. Ich vermute, dass Männer lieber allein trainieren, wenn sie etwas nicht gut können. Zumindest bei mir war das damals so: Als ich mit Triathlon anfing, fühlte ich mich zu schlecht, um am Rookie-Programm teilzunehmen. Ich hätte erst mitgemacht, wenn ich schon trainiert gewesen wäre. Das ist natürlich Blödsinn. Das Programm ist ja da, um Anfänger vorzubereiten.

SPIEGEL ONLINE: Triathlon-Training ist Schinderei. Warum tun sich das so viele Menschen an?

Weihermüller: Wo sonst im Leben hat man schon einmal eine definierte Leistung, auf die man stolz sein kann? Gerade Menschen, die den ganzen Tag im Büro verbringen, sehnen sich danach, ihren Körper zu spüren. Sport ist dabei hilfreich. Man schafft Dinge, die man sich selbst nicht zugetraut hätte und erfährt so Anerkennung.

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Filmangaben: Wechselzeiten. Start: 26.6. Regie: Guido Weihermüller.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, der Film würde bereits am 19. Juni anlaufen, tatsächlich kommt er am 26. Juni in die Kinos. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.

Das Interview führte Julia Schweinberger

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insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
wookey400 26.06.2014
1. Frage
Woran erkennst du einen Triathleten? Du musst ihn gar nicht erkennen. Er wird es dir sagen.
vinzenz 26.06.2014
2. Verrückt??
vielleicht..und das hilft auch ganz gewaltig!! - aber mit der Zeit lernt man (mehr oder weniger) - was einem vom "Normalo" unterscheidet, und den Triathleten einfach suspekt erscheinenlässt: Disziplin... die man fürs Training braucht - egal, über welche Distanz man startet - die sich aber auch aufs tägliche Leben überträgt; man wird zielorientierter, hinterfragt, gleicht soll und ist ab - und das kann für die Umgebung sehr unangenhm sein..
vinzenz 26.06.2014
3. Verrückt??
vielleicht..und das hilft auch ganz gewaltig!! - aber mit der Zeit lernt man (mehr oder weniger) - was einem vom "Normalo" unterscheidet, und den Triathleten einfach suspekt erscheinenlässt: Disziplin... die man fürs Training braucht - egal, über welche Distanz man startet - die sich aber auch aufs tägliche Leben überträgt; man wird zielorientierter, hinterfragt, gleicht soll und ist ab - und das kann für die Umgebung sehr unangenhm sein..
vinzenz 26.06.2014
4.
Zitat von wookey400Woran erkennst du einen Triathleten? Du musst ihn gar nicht erkennen. Er wird es dir sagen.
die "ichwarauchdabeitriathlen" - da stimme ich ihnen zu - für die, bei denen das Leidenschaft ist.. eher nicht..
THINK 26.06.2014
5.
Zitat von sysopClose Distance PicturesDer Dokumentarfilm "Wechselzeiten" begleitet vier Anfängerinnen auf dem Weg zu ihrem ersten Wettkampf. Regisseur Guido Weihermüller erklärt im Interview mit achim-achilles.de, wie Triathlon Menschen verwandeln kann. http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/triathlon-doku-wechselzeiten-portraet-von-vier-anfaengerinnen-a-977671.html
Wenn diese Leute wirklich nichts anderes haben, auf das sie stolz sein können, dann sind sie zu bedauern. Man kann einen Wettbewerb ausschreiben, bei dem Betonquader mit einem Hämmerchen zertrümmern werden müssen. Ich wette, dass es jede Menge Leute gibt, die stolz darauf sind, bei solch einen Wettbewerb mitzumachen. Triathleten sind nicht einfach so verrückt, Triathleten sind komplett gaga.
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