Achilles' Verse: Bekloppt bis ins Ziel

Schwimmer in der Seine beim Paris-Triathlon 2011: Unter Sportsfreunden herrscht eine wunderbar-tolerante Beklopptheit Zur Großansicht
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Schwimmer in der Seine beim Paris-Triathlon 2011: Unter Sportsfreunden herrscht eine wunderbar-tolerante Beklopptheit

Ehekrach, Drogen und Deo im Schuh: Beim Triathlon im Berliner Grunewald erlebt Achim Achilles den Sportsonntag des Jahres. Vollgepumpt mit Salztablettenmatsch kommt er schließlich im Ziel an - und muss dann doch einen Schwächeanfall vortäuschen.

Mona ist bisweilen überempfindlich. Ich war wirklich leise, als ich um fünf Uhr morgens zum Wettkampf des Jahres aufstand. Was kann ich dafür, wenn der nervöse Verdauungstrakt wie ein Jagdhorn trötet? Kam wohl vom Magnesium. Oder vom glibbrigen Eiweiß-Shake. Besser jetzt blähen als später im Neoprenanzug.

Als ich die Radreifen mit leisem Fiepen im Flur aufpumpte, kam Mona schnaubend aus dem Schlafgemach. "Hau endlich ab", giftete die Gattin. Wenn ich heute wieder scheitere am BerlinMan, dann ist es allein ihre Schuld, dachte ich. Athleten brauchen Zuspruch, Wärme, Verständnis, gerade bei traumatischen Wettbewerben. Vor zwei Jahren war ich acht Kilometer vor dem Ziel eingegangen, mit mörderischen Krämpfen. "Did not finish", das ist wie Abitur auf der Waldorfschule - ein ewiger Makel in der Biographie.

Schon die ganze Woche herrschte Ehespannung. Na gut, vielleicht hätte ich die Rennmaschine nicht im Wohnzimmer final durchölen sollen. Aber die sündhaft teure Hochleistungsschmiere ist bestimmt gut fürs Parkett. Und die schwarzen Krümel von der Kette sieht man auf dem dunklen Sofa kaum. Mona war nur eifersüchtig, weil neben dem Rad kein Platz mehr im Bett war. Ich trug die letzten Nächte ohnehin untenrum den Neoprenanzug, damit sich die Beine an den Druck gewöhnen können.

"Wundervoll-tolerante Beklopptheit"

Meine wahre Familie wohnt in der Wechselzone. Unter uns Sportfreunden herrscht jene wundervoll-tolerante Beklopptheit, die Triathleten vom Rest der Welt unterscheidet. Der eine wundert sich, warum der Reißverschluss vom Neo vorn liegt. Der nächste sprüht Deo in die Laufschuhe. Und der dritte leidet, weil keiner seine 15.000-Euro-Rennmaschine bestaunt. Warum auch? Hat doch jeder. "Sechs Bier und drei Joints" habe er zum Einschlafen gebraucht, erklärt der Sportsfreund neben mir. Ich fühle mich massiv unterdrogt und inhaliere Nasenspray.

Beim Schwimmen rammt einer wie ein Hammerhai immer wieder in meine Flanke. Wenn man zehn hektische Kraulzüge in irgendeine Richtung macht, dann auf Brust wechselt, um den Kurs zu korrigieren und wieder zehnmal ins Wannseewasser hämmert, kommt man locker auf die doppelte Distanz.

Die Radstrecke wird durch das Kopfsteinpflaster erst schön. Sollte jemand demnächst ein Radgeschäft eröffnen wollen, muss er sich einfach am Rand postieren. Nach spätestens einer halben Stunde hat er Ware für eine ganze Saison gesammelt: Luftpumpen, Trinkflaschen, Helme, Reparaturzeug. Manchmal verdecken allerdings die Reste eines Fahrers die wertvollen Stücke.

30 Salzpillen gegen Krämpfe

Als ich vom Rad klettere, zucken die Beine komisch. Bitte nicht schon wieder Krämpfe. Exakt an der gleichen Stelle wie vor zwei Jahren wird das Zucken unerträglich. Ich bin ein elender Psycho. Aber ich habe vorgesorgt. In meiner Rückentasche trage ich 30 Salzpillen, die sich leider seit dem Start in weiße Matsche verwandelt haben. Als Triathlet steckt man die seltsamsten Dinge in den Mund.

Mona steht an der Strecke und brüllt irgendwas, wahrscheinlich: "Essen ist fertig!" Lustige Farbtupfer überall im Wald. Sportsfreunde hocken oder stehen oder lehnen, aber alle tun dasselbe. Hier zeigen Einteiler ihre Grenzen. Mein Magen fühlt sich an wie das Tote Meer, aber er hält. Er mag das viele Salz halt gern.

Im Ziel wartet Mona. Sie sieht ungehalten aus. Seit einer Stunde will sie ins Strand-Café, ihre neue Sonnenbrille ausführen. Wie erkläre ich ihr nur, dass sich meine Beine nicht anwinkeln lassen? Ich werde einen Schwächeanfall vortäuschen, um im Sani-Zelt zu chillen.

Zur Wiedergutmachung habe ich Mona abends ins Kino ausgeführt: Woody Allen, irgendwas mit Rom. Dreimal musste ich aus dem Saal, Rest-Krämpfe. "Jetzt ist aber mal Schluss mit diesem Sport-Unsinn", wisperte Mona. "Hmm, tja, naja", antwortete ich. Ich hatte draußen, mitten im letzten Krampf, schon mal die Wettkampftermine 2013 rausgegesucht.

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1. Das Abitur an der Waldorfschule...
Alex Monthy 10.09.2012
...ist seit Einführung des Zentralabiturs für die Probanden ungleich schwieriger als für die von Staatschulen, weil aus nicht nachvollziehbaren Gründen die vorherigen schulischen Leistungen nicht in die Wertung eingehen - allein die Note der Abschlußprüfung zählt. Insofern kann man das kaum noch als biographischen Makel ansehen - dann schon eher das Diplom von der Sporthochschule.
2.
udoooooo 10.09.2012
Zitat von Alex Monthy...ist seit Einführung des Zentralabiturs für die Probanden ungleich schwieriger als für die von Staatschulen, weil aus nicht nachvollziehbaren Gründen die vorherigen schulischen Leistungen nicht in die Wertung eingehen - allein die Note der Abschlußprüfung zählt. Insofern kann man das kaum noch als biographischen Makel ansehen - dann schon eher das Diplom von der Sporthochschule.
Whouu! Gebissene Hunde bellen! Im allg. gilt schon noch: Statt Abiturnorm: den eigenen Namen tanzen
3.
psychologiestudent 11.09.2012
Zitat von Alex Monthy...ist seit Einführung des Zentralabiturs für die Probanden ungleich schwieriger als für die von Staatschulen, weil aus nicht nachvollziehbaren Gründen die vorherigen schulischen Leistungen nicht in die Wertung eingehen - allein die Note der Abschlußprüfung zählt. Insofern kann man das kaum noch als biographischen Makel ansehen - dann schon eher das Diplom von der Sporthochschule.
könnte damit zusammenhängen, dass die 4 Semester, die normalerweise ins Abi miteingehen, bei den Waldorfschülern nicht die gleichen Inhalte haben wie an Regelschulen (wie auch immer man die Waldorf-Inhalte jetzt bewerten möchte). Deshalb sind das einzige, was man vernünftig vergleichen kann, die Noten aus dem Abi, daher gibt es doch nachvollziehbare Gründe für die Regel. Ist natürlich für einige ein Vorteil, die sich dann halt "nur" für 5 Prüfungen anstrengen müssen, für andere, die eher "Langstreckenläufer" sind, ist es eher ein Nachteil.
4. Ich stelle fest...
helgman 11.09.2012
...die Schnittmenge der Waldorfschüler und Ausdauerfreaks muss ausgesprochen hoch sein. Hält Namenstanz den Körper gar bis ins Alter hochleistungsfähig?
5. optional
groggybabe 11.09.2012
Ich bewundere Triathleten,diese Ausdauer,diese mentale Disziplin hätte ich auch gerne.aber jemand,der nie den Mund aufmachen kann ohne andere zu beleidigen (diesmal sinds die Waldorfschüler) hat irgendwie nichts von Sport verstanden und disqualifiziert sich selbst als Olympionik.
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ZUR PERSON
  • Beatrice Behrens
    Achim Achilles

    Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.
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