Triathlon Kinderschleifen über die Ziellinie

Achim Achilles sollte nur den Zieleinlauf beim Triathlon kommentieren. Doch was er da sah, ließ ihn verstummen. Warum müssen Triathlon-Männer ständig mit ihren Kindern ins Ziel wanken?

Läufer mit seinem Kind
imago sportfotodienst

Läufer mit seinem Kind


Ich habe ein schlechtes Gewissen. Dabei habe ich diesmal gar nichts angestellt, sondern nur gewagt, auf eine Spielart des Zieleinlaufs hinzuweisen, der von immer mehr Hobbysportlern betrieben wird: Kinderschleifen.

Schön fürs Erinnerungsfoto, lustig für die Zuschauer, geht aber womöglich mit akuten psychischen Problemen des Athleten einher, sicher aber mit unabsehbaren Spätfolgen für die Opfer, allesamt minderjährig.

Es begab sich beim Berlinman, dem zweitbesten Triathlon der Welt, gleich nach Hawaii . Im Rahmen einer sozialen Eingliederungsmaßnahme sollte ich Empathie lernen und wurde, neben den Mikro-Profis Olli und Alex, zum Sprecherpraktikanten ernannt. Die Aufgabe: Alle Menschen hochleben lassen, die nach vier bis sieben Stunden ins Ziel gerobbt kommen.

Ich weiß, wie das ist: Man sieht aus wie der letzte Husten, möchte brechen, weinen, sterben, hat aber zugleich im Sauerstoffmangelwahn für einen Moment dieses überbordende Frodeno-Gefühl, etwas global Relevantes vollbracht zu haben. Da macht man schon mal Dummheiten und küsst ausgerechnet jenes Fleckchen Asphalt, auf dem sehr frische, eklige Substanzen kleben.

Die emotional herausfordernde Aufgabe für den Menschen am Mikrofon: ein liebes Wort, was Anerkennendes oder Aufmunterndes für jeden, der es geschafft hat. Klar, alle wissen, dass nur beim Online-Dating mehr geflunkert wird als beim Zieleinlauf. Aber die Athleten mögen es halt so.

Und was lief nun falsch? Genau: die Kinder.

Als der erste Athlet seinen im Windelalter befindlichen Knirps von einer Mittäterin über die Bande gereicht bekam und das greinende Bündel auf wackeligen Beinen über den Zielstrich schleppte, glaubte ich an einen Einzelfall. Nach zwei Minuten der zweite Kandidat. Er hatte zwei stämmige Grundschulkinder dabei, die schon laufen konnten und Vati eher abschleppten.

Dann ging es Kind auf Kind: Mindestens ein Dutzend Freizeitsportler schleifte, zerrte, bremste, stolperte mit Nachwuchs über den heiligen Strich. Tränen flossen bei allen Beteiligten. Aber es war nicht nur Freude.

Stellen wir uns mal dumm und fragen: Warum tun Menschen so was, ausschließlich Männer übrigens? Schafft Zusatzgewicht auf den letzten Metern einen Trainingseffekt? Wäre neu. Will der Sportler wenigstens vor Publikum ein mustergültiger Vati sein und nimmt der Mutti die Kinder einfach mal ab, nachdem er das ganze Jahr über im Trainingsplanwahn überwiegend aushäusig unterwegs war? Schon eher.

Oder will er der Welt frühere Zeugungskraft beweisen, obgleich jeder Ausdauersportler weiß, dass Übungseinheiten und Sex unauflösliche Gegensätze sind? Und warum sind nie Teenager mit im Bild? Weil sie sich sträuben würden. Pubertät ist halt auch Notwehr gegen elterliche Albernheiten, erst recht, wenn die Heranwachsenden noch damit beschäftigt sind, Erziehungsratgeberterror oder Ernährungsirrsinn zu verdauen.

Eine Geste darstellender Sympathie

Gleichwohl hat sich Kinderschleifen in unserem helikopternden Kulturkreis als eine Geste darstellender Sympathie etabliert. Sieh her, Welt, ich liebe mein Kind, auch wenn oder gerade weil ich es nicht so oft sehe. Training geht halt vor. Es war vermutlich ein Fußballer, der sich einst seinen Nachwuchs aufs Feld hat reichen lassen. Fotografen waren entzückt, das Kind verschreckt. Egal, Hauptsache, das Sponsoren-Logo ist im Bild. Seither vergeht kein Finale ohne hilflos in die Gegend starrende Zwerge.

Kinder auf Fotos gehen immer, heißt es in den Sielen der verwandten Berufsgruppen Marketing/ Journalismus, und Hunde auch. Aufgabe für die nächste Saison: Sich einen Bernhardiner über die Absperrung reichen lassen. Vielleicht programmiert auch ein kecker Startupper eine App, die gegen geringe Gebühr den Kinderverleih in der letzten Kurve vorm Zielstrich organisiert. Früher schnappte sich der Hipmensch "Coffee to go", heute "Kids to finish".

Nur mal so: Warum lüpft der überwiegend männliche Sportler nicht mal seine Partnerin über die Bande, also jene heldenhafte Person, die ihm erstens für endlose Trainingseinheiten monatelang eben jene Kinder vom Hals gehalten, zweitens tote Wochenenden erduldet und drittens stinkende Klamotten sowie nächtliches Gejammer ertragen hat?

Überwiegend Frauen also, die stundenlang in der brütenden Sonne im Zielbereich bei zunehmend unleidigem Anhang gegart wurde und auch noch Begeisterung spielen muss, obgleich der Gatte wieder nur im hinteren Drittel gelandet ist, trotz haushaltskassengefährdender Investitionen ins Material. Nein, der Athlet greift zum Kind. Da wird das schlechte Gewissen nicht ganz so deutlich illustriert.

Und die Kleinen selbst? Werden nicht gefragt, sondern schnöde instrumentalisiert. Deutschlands Psychotherapeutennachwuchs sollte sich auf das Fachgebiet "Zieleinlauftrauma" spezialisieren. Da wächst eine zuverlässige Kundschaft heran. Fragt der Therapeut: "Warum können Sie bis heute weder verschwitzte Sportklamotten noch alkoholfreies Weizen riechen?" Antwort Patient: "Weil mir der Geruch seit meiner Kinderzeit in den Augen brennt. Mein Vater war Hobby-Triathlet."

Zum Autor
  • Frank Johannes
    Achim Achilles, Jahrgang 1964, lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.
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insgesamt 43 Beiträge
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Seite 1
grandpa_wolf 27.09.2016
1. Kinder sind der ultimative Beweis ...
nachdem sich die Männchen mittels einer erfolgreichen Teilnahme ja bereits als ausdauernd und stark bewiesen haben, für die Virilität und funktionierende Zeugungsfähigkeit. Und dass Mann Kinder nicht frisst :-) Steinzeit halt. Funktioniert aber immer wieder gut.
taste-of-ink 27.09.2016
2.
Vielleicht ist es bei Triathleten aber auch einfach eine Form des primatenhaften Sich-auf-die-Brust-Schlagens: Seht her, trotz zahlreicher Stunden auf Rennradsätteln war ich noch in der Lage, mich x-fach erfolgreich fortzupflanzen.
cvdheyden 27.09.2016
3. Einfach nur zum totlachen
Sowohl der Artikel als auch die Kommentare. Köstlich!!
fatherted98 27.09.2016
4. Vielleicht...
...will Mann darauf hinweisen, dass er nicht gedopt hat...weil ja Kind gezeugt....naja...müßte er halt auch wissen vom wem?!
zeisig 27.09.2016
5. Einfach verbieten.
Daß man diese Unsitte verbieten kann, wurde bei der letzten Fußball- EM bewiesen. Damals wurde das "Kind über die Bande reichen" einfach verboten.
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