Trotzphase bei Kindern: Stampfen, schreien, wüten

Von Jana Hauschild

Trotziges Kind: Die neuen Ideen prallen ständig mit dem Willen der Eltern zusammen Zur Großansicht
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Trotziges Kind: Die neuen Ideen prallen ständig mit dem Willen der Eltern zusammen

Ein schreiendes Kind auf dem Supermarktboden? Schlecht erzogen, meinen Außenstehende. Doch so sehr der tägliche Ausnahmezustand Eltern nervt - Wüten ist für das Kind unverzichtbar.

Fines Gesicht versteinert. Das kleine Mädchen wird hochrot, fängt an zu schreien. Tränen der Wut kullern über ihre Wangen. Anlass: ein paar Schuhe.

Fine ist zweieinhalb Jahre alt und mitten in der Trotzphase. Obwohl draußen Winter herrscht, möchte sie ihre Ballerinas anziehen. Doch die Mutter steckt Fines Füße in warme Stiefel. Ein Drama.

Schreien, weinen, sich auf den Boden werfen: Die meisten Eltern von Kleinkindern kennen solche Szenen. Und dennoch fürchten viele, nur ihre Kinder würden sich so benehmen. "Am Anfang dachte ich, ich hab was in der Erziehung falsch gemacht", erinnert sich Fines Mutter. Heute weiß sie: Ihre Tochter verhält sich ganz normal. Neun von zehn Kindern zwischen anderthalb und drei Jahren trotzen lautstark. Ein Ausraster pro Tag ist in der Hochphase nicht ungewöhnlich.

Für Eltern ist dieser Lebensabschnitt eine schwere Geduldsprobe, für die Kinder jedoch unverzichtbar. In jener Zeit wird der Grundstein dafür gelegt, ob sie sich als Erwachsene an Regeln halten können, ob sie später ihre Gefühle im Griff haben, wie sie mit Stress und Frust umgehen. Also: Ob sie in der Gesellschaft zurechtkommen werden.

Stampfen, schreien, wüten

"Im Grunde ist der Beginn der Trotzphase eine gute Nachricht", sagt die Kinderpsychologin Ulrike Petermann von der Universität Bremen. "Denn das Kind hat dann einen wichtigen Entwicklungsschritt gemacht." Das ist etwa ab anderthalb Jahren. In diesem Alter lernen die Kinder laufen, sind mobiler und entdecken, dass sie einen eigenen Willen haben. Die Eltern stellen gerade deswegen mehr Regeln und Verbote auf. Der Wille von Eltern und die Ideen der Kinder prallen nun regelmäßig aufeinander. Ihren Unmut teilen Kinder ungefiltert mit: Sie können ihre Gefühle noch nicht kontrollieren oder sie durch Worte auszudrücken. Deshalb stampfen, schreien, wüten sie.

"So wie Kinder laufen und sprechen lernen, müssen sie auch erst lernen, ihre Emotionen zu regulieren und Bedürfnisse aufzuschieben", sagt Psychologin Ronja Born. Im Rahmen des Erziehungsprogramms "Triple P" ("Positive Parenting Programme") vermittelt sie Eltern einen positiven Umgang mit ihren Kindern auch in der Trotzphase. Mutter und Vater spielen in dem Lernprozess eine Schlüsselrolle, betont Petermann: "Trotz wächst sich nicht einfach aus." Die Eltern müssten in diesen Lebensjahren besonders aktiv erziehen. "Sie sind die Helfer des Kindes", unterstreicht Petermann. "Sie müssen dem Kind zeigen, wie es seine Wut anders äußern kann, ihm Grenzen aufzeigen, aber auch nicht zu viel verbieten."

Bloß nicht nachgeben

Und wenn der Wutanfall kommt? Konsequent bleiben. "Geben Sie nicht nach, wenn das Kind anfängt zu toben, weil es einen Schokoriegel nicht bekommt", sagt Elterntrainerin Born. "Sonst lernt es: Bin ich wütend genug, bekomme ich, was ich möchte."

Solch eine Szene kann Nerven kosten, weiß auch Fines Mutter. Das Mädchen wird vor dem Schlafen zum Trotzkopf. Gelassen zu bleiben, wenn Fine mit Socken nach ihr wirft oder sich in Rage schreit, fällt ihr manchmal schwer. Sie zählt in Gedanken bis zwanzig, muss sich daran erinnern: Fine meint es nicht persönlich.

Ruhe bewahren, das rät Born auch, wenn es nicht nur beim Schreien bleibt. "Machen Kinder ihrem Zorn durch Schlagen und Treten Luft, sollten Eltern ihnen die klare Botschaft senden: Deine Wut ist in Ordnung. Nur wie du sie äußerst nicht." Gleichzeitig sei es wichtig, dem Kind ein alternatives Verhalten anzubieten. Wie ein knappes: "Nicht schlagen. Mit dem Fuß stampfen." Setzt das Kind das um, sollten Eltern ausdrücklich loben.

Die Wut in einen Mülleimer schreien

Experten empfehlen, aggressiven Kindern einen Wutwinkel in der Wohnung zu schaffen, wo es seine Emotionen herauslassen kann. Etwa eine Ecke mit vielen Kissen, wo das Kind draufhauen kann, ohne andere und sich zu verletzen. Andere raten Eltern, ihre Kinder all ihren Ärger in einen leeren Mülleimer schreien zu lassen und anschließend gemeinsam mit dem Kind die Wut zu entsorgen. Darüber hinaus mit dem Kind während der Wutminuten ein Gespräch zu beginnen, bringt nichts. "Das würde es überfordern und könnte die Situation noch verschärfen", sagt Born.

Manche Ausbrüche lassen sich vermeiden. "Oftmals sind die Kinder einfach nur müde oder hungrig, oder sie langweilen sich", sagt Born. "Darauf sollten Eltern dann eingehen oder solchen Momenten vorbeugen." Abends nicht mehr mit dem Kind einkaufen, unterwegs immer etwas zu essen dabei haben und bei Langeweile dem Kind eine Beschäftigung vorschlagen. Sei es beim Einkaufen das Gemüse wiegen, bei langen Wegen zum Bus über Steine hüpfen, auf der Autobahn rote Autos zählen.

Trotzdem Zuneigung zeigen

Mit dem Alter werden die Wutanfälle weniger, das Kind wird kompromissbereiter. Bei manchen dauert das aber länger. "Wenn Eltern zu mir in die Ambulanz kommen und sagen, ihre drei- oder vierjährige Tochter trotzt immer noch sehr stark, dann würde ich dem Kind keine Diagnose aufdrücken", sagt Petermann, die seit 36 Jahren Kinder behandelt. "Vielmehr würde ich an dem Erziehungsverhalten der Eltern ansetzen." Ist das Kind jedoch schon in der ersten Klasse und tobt immer noch täglich auch in der Schule und viel intensiver als etwa seine Geschwister in dem Alter, dann sei eine professionelle Untersuchung angeraten. Bestätigt sich die Diagnose "Oppositionelles Trotzverhalten", wendet Petermann ein eigens entwickeltes Trainingsprogramm an.

Egal ob zwei Jahre alt oder schon fünf: Ebbt ein Wutanfall ab, sollten Eltern die erste Möglichkeit nutzen, ihr Kind in die Arme zu nehmen, um ihm zu zeigen, dass man es trotzdem lieb hat. "Denn auch für Kinder sind diese Anfälle anstrengend und verwirrend", sagt Born. Sie zu bestrafen, sei kontraproduktiv: "Das Kind bekommt dann Schuldgefühle, unterdrückt zukünftig die Wut, statt zu lernen, mit ihr umzugehen."

Wenn die kleine Fine nach einem Wutanfall am Abend im Bett liegt, möchte sie ihrer Mama wieder nahe sein. "Das zeigt mir immer, dass ihr Ärger nicht gegen mich gerichtet war", sagt die Mutter. "Ich halte dann ihre Hand, bis sie einschläft."

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insgesamt 72 Beiträge
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1. liebevolle Erziehung muss paradoxe Momente aushalten
kalumeth 18.11.2012
Zitat von sysopEin schreiendes Kind auf dem Supermarkt-Boden? Schlecht erzogen, meinen Außenstehende. Doch so sehr der tägliche Ausnahmezustand Eltern nervt - Wüten ist für das Kind unverzichtbar. Trotzphase: Wütende Kinder stellen Eltern auf Geduldsprobe - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/trotzphase-wuetende-kinder-stellen-eltern-auf-geduldsprobe-a-866897.html)
Quatsch, Eltern machen doch auch so oft, was s i e wollen - warum bekommt das Kind nicht auch seinen Willen? : die Ballerinas anziehen, aber die Filzstiefel im Rucksack mitnehmen. Nach 10 Minuten sind die Füße kalt, aha, wir haben ein kleines Praktikum über Wintertemperaturen gemacht und ziehen jetzt freiillig im Supermarkt die Stiefel um. Ohne Geschrei. Auch mit der Schokolade geht es so. Zuerst Schokolade und dann "für die Zähne" ein Stück Babybel hinterher. Meistens schreien nur die Kinder, die sich auch zu Hause ständig nach den Eltern richten müssen, anstatt liebevoll ausprobierend in dieses Leben hereingeführt zu werden. - Ich weiß wovon ich rede: Mein Kind hat viele seiner Wünsche bekommen, auch genug Taschengeld. Jetzt im Studium setzt der Sättigungseffekt von "ich habe genug bekommen" ein: f r e i w i l l i g kommt es mit dem Bafög-Satzt aus und weist höhere Geldzahlungen zurück! Langfristig die erfolgreichere Methode, mündig-verantwortliche und zufriedene Menschen zu erziehen..
2. Geld im Ueberfluss?
pixie48 18.11.2012
Nun ja, wenn man mit dem Pfennig keinen Kupferdraht machen muss, kann man ja vielleicht die Ballerinas im Schneematsch ruinieren oder genuegend Taschengeld geben. Wir konnten das nicht und Schokolade gabs zu Weihnachten und zum Geburtstag - mehr war nicht drin. Mit dem Taschengeld kam dann auch die Verantwortung fuer gewisse Ausgaben. Wir hatten ja auch kein Geld zum verpulvern. Und wenns dann ans Kicken oder Schlagen kam, hab ich den Fuss oder die Hand geschnappt und gesagt ich kann weder Fuss noch Hand verstehen, das Kind muss schon mit mir reden. Das ging dann auch ganz schnell, den ich konnte nur ein Kind verstehen, das ganz ruhig mit mir sprach. Im Uebrigen, Vorbild sein hilft ganz enorm. Komisch, meine sind auch verantwortungbewusste Menschen geworden, die die gleiche Methode bei ihren Kindern genauso erfolgreich anwenden.
3. Wirklich eine...
fvdvoe 18.11.2012
sehr realistische Idee. Ich zeige meinem Kind seine "Wutecke" oder seinen Mülleimer in den es schreien darf... "Nein, schrei' nicht mich an, schreie bitte in deinen Eimer" Klappt bestimmt 1A, während die Ratio gerade auf der Strecke bleibt. Sowas kann auch nur von Erziehungstheoretikern kommen.
4. Temperamentsfrage
judas-adolf 18.11.2012
Zitat von kalumethQuatsch, Eltern machen doch auch so oft, was s i e wollen - warum bekommt das Kind nicht auch seinen Willen? : die Ballerinas anziehen, aber die Filzstiefel im Rucksack mitnehmen. Nach 10 Minuten sind die Füße kalt, aha, wir haben ein kleines Praktikum über Wintertemperaturen gemacht und ziehen jetzt freiillig im Supermarkt die Stiefel um. Ohne Geschrei. Auch mit der Schokolade geht es so. Zuerst Schokolade und dann "für die Zähne" ein Stück Babybel hinterher. Meistens schreien nur die Kinder, die sich auch zu Hause ständig nach den Eltern richten müssen, anstatt liebevoll ausprobierend in dieses Leben hereingeführt zu werden. - Ich weiß wovon ich rede: Mein Kind hat viele seiner Wünsche bekommen, auch genug Taschengeld. Jetzt im Studium setzt der Sättigungseffekt von "ich habe genug bekommen" ein: f r e i w i l l i g kommt es mit dem Bafög-Satzt aus und weist höhere Geldzahlungen zurück! Langfristig die erfolgreichere Methode, mündig-verantwortliche und zufriedene Menschen zu erziehen..
Leider ist das Verhalten von Kindern zum Teil unabhängig von den Bemühungen der Eltern. Trotz der Tatsache, dass wir eher weniger verbieten und eben auch mal die dünne Jacke anziehen lassen und die dicke mitnehmen, hat sich unser Sohn in seiner Trotzphase alle 10 Minuten schreiend auf den Boden geschmissen. Einfach nur, weil irgendetwas nicht passte oder schnell genug ging. Jetzt mit 4 Jahren hat sich das Gott sei Dank ausgewachsen. Aber man sollte immer daran denken, dass man auch als Eltern nicht alles beeinflussen kann. Was bei dem einen funktioniert, muss bei dem anderen noch lange nicht klappen.
5. ..
kalumeth 18.11.2012
Zitat von pixie48Nun ja, wenn man mit dem Pfennig keinen Kupferdraht machen muss, kann man ja vielleicht die Ballerinas im Schneematsch ruinieren oder genuegend Taschengeld geben. Wir konnten das nicht und Schokolade gabs zu Weihnachten und zum Geburtstag - mehr war nicht drin. .
Ja sicher, früher. Man kann nur das teilen, was übrig ist. Mehr geht nicht. Früher (und auch heute) hatten viele nichts. Wer aber was hat, z.B. Haus, dickes Auto, schicke Möbel, usw. sollte sich klar werden, dass auch Kleinkinder das bereits spüren und eben ihren "gerechten Anteil" wollen. Familien"sozialismus" eben. Ja.
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  • Jana Hauschild ist Psychologin und arbeitet als freie Journalistin in Berlin.

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