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Kindergesundheit: Fettleibigkeitsepidemie lässt sich kaum stoppen

Übergewichtige Jugendliche: Kinder in den USA wiegen heute durchschnittlich fünf Kilogramm mehr als ihre Altersgenossen vor 30 Jahren Zur Großansicht
Corbis

Übergewichtige Jugendliche: Kinder in den USA wiegen heute durchschnittlich fünf Kilogramm mehr als ihre Altersgenossen vor 30 Jahren

Während Kinder in vielen Ländern unterernährt sind, steigt die Zahl der übergewichtigen Kinder weltweit dramatisch an. Forscher warnen davor, das Problem zu verharmlosen.

London - Der Kampf gegen Fettleibigkeit bei Kindern kommt weltweit nur sehr schleppend voran: Die Zahl der übergewichtigen Kinder ist in den vergangenen 30 Jahren drastisch angestiegen - selbst in jenen Ländern, in denen viele Kinder unterernährt sind. Das stellt ein internationales Team von Wissenschaftlern in einer Serie von Studien fest, die nun im britischen Medizinjournal "The Lancet" veröffentlicht wurden.

Den neuen Schätzungen des Teams um Boyd Swinburn von der University of Auckland (Neuseeland) zufolge wiegen Kinder in den USA heute im Schnitt fünf Kilogramm mehr als ihre Altersgenossen vor 30 Jahren. Im Vergleich zu den Siebzigerjahren nehmen US-Kinder demnach heutzutage täglich durchschnittlich 200 Kilokalorien mehr zu sich. Davon profitiere vor allem die Nahrungsmittelindustrie, schreiben die Studienautoren. "Dicke Kinder sind eine Investition für künftige Umsätze", sagt Co-Autor Tim Lobstein von der World Obesity Federation in London.

In einer ihrer Arbeiten werteten die Forscher Ergebnisse von Studien aus, die zwischen 1972 und 2012 veröffentlicht wurden. In Ländern mit geringem und mittlerem Einkommen wie Indien, Mexiko oder Südafrika ist demzufolge zwar ein Teil der unter Fünfjährigen nach wie vor unterentwickelt und unterernährt. Gleichzeitig steigt aber die Zahl der fettleibigen Kinder dort rasch an: Mexiko hat die USA 2014 als das Land mit den meisten Übergewichtigen abgelöst, und in Brasilien stieg die Zahl der übergewichtigen und fettleibigen Kinder von etwa sieben Prozent Anfang der Siebziger auf über 25 Prozent um 2010.

Als fettleibig gilt, wer einen Body-Mass-Index (BMI) von mehr als 30 erreicht. Übergewichtig ist, wer einen Wert von 25 überschreitet.

Mehr Obst und Gemüse, aber noch mehr ungesunde Produkte

In einer weiteren Studie zur Essensqualität in 187 Ländern stellen Forscher um Fumiaki Imamura von der University of Cambridge fest: Zwar wird weltweit mehr Obst und Gemüse gegessen als noch vor 20 Jahren. Der vermehrte Konsum von ungesunden Produkten wie verarbeitetem Fleisch oder gesüßten Getränken steche diese positive Entwicklung aber aus, so die Wissenschaftler im Journal "The Lancet Global Health". In wohlhabenden Ländern wie den USA und Kanada sowie in Westeuropa ernährten sich die Menschen am schlechtesten.

In Deutschland ist dem Statistischen Bundesamt zufolge jeder zweite Erwachsene übergewichtig. 1999 brachten 48 Prozent zu viel auf die Waage, 2013 waren es schon 52 Prozent. In der sogenannten Kinder- und Jugendgesundheitsstudie (KiGGS) haben Gesundheitsexperten von 2003 bis 2006 Daten zur Gesundheit von Kindern in Deutschland erhoben. Demnach galten in dem Zeitraum 15 Prozent der Sieben- bis Zehnjährigen als übergewichtig. Bei den 14- bis 17-Jährigen waren es sogar 17 Prozent. Der Anteil von Fettleibigkeit lag bei 6,4 und im höheren Alter bei 8,5 Prozent. In einer zweiten Welle wurden zwischen 2009 und 2012 erneut Daten erhoben und mit jenen der ersten Erhebungswelle verglichen.

Die Deutsche Adipositas-Gesellschaft (DAG) hatte im November 2014 in einem offenen Brief an die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gewarnt: Das Problem der Fettleibigkeit werde weltweit massiv unterschätzt. Die Adipositas-Epidemie mittels freiwilliger Maßnahmen einzudämmen, müsse als gescheitert betrachtet werden.

Im "Lancet" leiten die Wissenschaftler aus ihren Ergebnissen die Forderung nach neuen Ernährungsrichtlinien ab. Diese sollen die Verfügbarkeit, den Preis und die Standards bei der Angabe von Nährwerten regeln. Sie plädieren dafür, dass sich Marketingpraktiken von Unternehmen ändern sollten, Kinder bräuchten Ernährungssicherheit und gesunde Angebote.

Der Konsum von gesundem Essen dürfe nicht durch die Bewerbung von konkurrierenden, weniger nahrhaften Produkten gefährdet werden. Außerdem müssten die Regierungen der Länder stärker mit in den Kampf gegen die Fettleibigkeit einbezogen werden, um die Adipositas-Epidemie zu stoppen.

hei/dpa

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 114 Beiträge
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1. Zwei Möglichkeiten ...
jamira 19.02.2015
1. Wir regulieren das ähnlich wie mit den Rauchern: Satte Steuern auf "falsche" Genuss-/Lebensmittel wie bei Cigaretten zum Beispiel oder 2. Lasst den Leuten die Freiheit, sich selbst frühzeitig einem erhöhten Herzinfarktrisiko auszuliefern. Politiker würden vermutlich eine dritte Variante in Betracht ziehen: 3. Verstärkte Aufklärung der Bevölkerung ... Aber nun ja, darüber müssen wir wohl nicht weiter diskutieren, oder?
2.
spiegelleser987 19.02.2015
Vor zwei Jahren haben die Frauen Glück gehabt. Amerikanischer Übergewichts-Forscher hatten erforscht, dass Ganztagsarbeit von Müttern zu Übergewicht bei Kindern führt. Das würde bedeuten Frauenquote weg und Hausfrauen wieder anschaffen. Ein Leibnizi Institut in DE hat das vor zwei jahren widerlegt. Noch etwas: Zitat: "Die Deutsche Adipositas-Gesellschaft (DAG) hatte im November 2014 in einem offenen Brief an die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gewarnt: Das Problem der Fettleibigkeit werde weltweit massiv unterschätzt." Anders gesagt: Die Deutschen und die WHO zwingen andere dazu, wie sie zu leben haben.
3. Warum schwer zu stoppen?
heavenstown 19.02.2015
Einfach die Lebensmittelindustrie zu gesunden Lebensmitteln verdonnern! Wozu gibt es Gesetze? Was die Lebensmittelindustrie veranstaltet grenzt schon an Gesundheitsgefährdung..., wenngleich, jeder Konsument kann selbst entscheiden!
4. Junk food behandeln wie Zigaretten
nfil 19.02.2015
Fettleibigkeit bringt oft selber Unterernährung mit sich. Die Kinder sind ja nicht dick, weil sie zu viel Brokkoli fressen. Also gehen den Kindern wichtige Ernaehrungsstoffe ab. Solange große Konzerne mit schlechtem Essen gutes Geld verdienen wird sich das nicht ändern und die kommende Gesundheitskatastrophe ist wohl unabschätzbar. Die Eltern sind oft selber fett und wissen gar nicht was gesundes Essen ist – hier in de USA. Freiwillig läuft da nichts. Aufklärung und Verteuerung von Junk Food ist angesagt, finde ich. Das billigste Essen ist oft das Schlechteste und das Bequemste und das wird dann leicht zur Ausrede.
5. Eine Folge politischer Verelendung
GemachLiebeLeute 19.02.2015
Solange in Schulen allen möglicher Schund zu essen angeboten werden darf ist es auch kein Wunder dass Kinder krank werden. In der EU sollte endlich eine wirkungsvolle Kennzeichnung von Lebensmitteln eingeführt werden. Ich staune immer wieder dass es Getränke gibt auf welchen keine Nährwertangeben vorhanden sind. Basierend auf der Kennzeichnungspflicht können für Schulen klare Richtlinien formuliert werden die gewisse Genussmittel einfach untersagen. Wasser und zuckerfreie Milch ja. Kakaogetränke, Cola & Co sind tabu. Ein Werbeverbot für ungesund eingestufte Genussmittel ist auch längst überfällig. Abgaberegeln für Kinder und Jugendliche wie bei Alkohol wurden auch nicht schaden. Es wäre ganz einfach wenn die Politik endlich die richtigen Maßnahmen einleiten würde. Aber solange die Industrie den Ton in der Politik angibt wird sich nicht ändern. Am Ende haben auch Pharmakonzerne ein erhebliches Interesse daran dass wir (möglichst früh) krank werden, gesunde Menschen sind deren größter Horror.
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